Regionale Gesundheitszentren: Bedarf vor Struktur
Artikel aus Niedersachsen
Um herauszuarbeiten, welchen Beitrag die Errichtung eines RGZ für die Versorgung der regionalen Bevölkerung leistet und welche Erwartungen diese wiederum an ein RGZ hat, unterstützte die TK eine Befragung zum RGZ Ankum im Rahmen einer Masterarbeit der Leibniz Universität Hannover.
Mit dem Inkrafttreten des Niedersächsischen Krankenhausgesetzes zum 1. Januar 2023 wurde in Niedersachsen die Möglichkeit geschaffen, kleinere Krankenhäuser in Regionale Gesundheitszentren umzuwandeln. Ziel war es, insbesondere in ländlichen Regionen eine wohnortnahe Versorgung zu sichern und gleichzeitig neue sektorübergreifende Versorgungsformen zu ermöglichen.
Die Grundidee klingt zunächst plausibel: Dort, wo ein klassisches Krankenhaus dauerhaft nicht mehr tragfähig ist, sollen neue Strukturen eventuell entstehende Lücken in der ambulanten und in begrenztem Umfang auch in der stationären Versorgung schließen. Doch am Beispiel des Regionalen Gesundheitszentrums Ankum zeigt sich, dass diese Konstruktion nicht automatisch einen relevanten Beitrag zu einer qualitativ hochwertigeren Versorgung leistet. Für ihren Erfolg ist es nicht entscheidend, ob eine Einrichtung politisch oder strukturell gewünscht ist, sondern ob sie tatsächlich einen nachweisbaren Versorgungsbedarf deckt.
Die Techniker Krankenkasse (TK) hat im Rahmen einer Masterarbeit der Leibniz Universität Hannover eine Befragung der Bevölkerung zum RGZ Ankum unterstützt. Im Mittelpunkt stand die Frage, welchen Beitrag das RGZ für die regionale Versorgung leistet und welche Erwartungen die Menschen vor Ort an eine solche Einrichtung haben. Gerade mit Blick auf die Qualität der Versorgung fallen die Ergebnisse ernüchternd aus.
Verhaltende Zufriedenheit - und häufig: kein Bedarf
Von den 143 befragten Personen, die das RGZ Ankum bereits genutzt haben, äußerten sich 35,7 Prozent als sehr unzufrieden oder unzufrieden. Das ist ein relevanter Befund. Denn wenn Regionale Gesundheitszentren Teil eines Transformationsprozesses hin zu einer besseren Versorgung sein sollen, muss die Qualität im Zentrum stehen. Nähe allein reicht nicht aus. Eine wohnortnahe Einrichtung erfüllt ihren Zweck nur dann, wenn die Menschen ihr auch medizinisch vertrauen.
Bemerkenswert ist vor allem der Blick auf die Befragten, die das RGZ nicht nutzen: 61,5 Prozent nennen schlicht "kein Bedarf" als wichtigsten Grund. Weitere Gründe sind, dass die gewünschte Leistung nicht angeboten wurde (16,7 Prozent), Zweifel an der Qualität der Versorgung (15,4 Prozent) sowie die bewusste Entscheidung für eine größere Einrichtung mit mehr Erfahrung und vermuteter besserer Behandlungsqualität (10,3 Prozent).
Zugleich machen die Befragten deutlich, was ihnen wirklich wichtig ist: An erster Stelle steht die Qualität der medizinischen Versorgung. Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Notfallversorgung. 82 Prozent wünschen sich eine ambulante Notfallversorgung nach 16 Uhr und an den Wochenenden, knapp 85 Prozent messen einer stationären Notfallbehandlung eine hohe Bedeutung bei - Leistungen, die das RGZ Ankum nicht vorhält und die eine Einrichtung dieser Größe auch gar nicht vorhalten kann.
Unterauslastung und begrenztes Leistungsprofil
Auffällig ist zudem: Die Nutzung des RGZ wird vor allem mit der räumlichen Nähe und der Tatsache begründet, dass es sich um die einzige Versorgungseinrichtung vor Ort handelt. Die nächstgelegenen Krankenhäuser Quakenbrück und Osnabrück bieten ein breiteres Behandlungsspektrum. Gleichzeitig wird deutlich, dass Zweifel an der Qualität der Versorgung und die bewusste Entscheidung für größere Einrichtungen mit mehr Erfahrung für einen Teil der Befragten Gründe sind, das RGZ nicht zu nutzen.
Damit berührt das Beispiel Ankum eine grundsätzliche Frage der Krankenhausstrukturreform: Brauchen wir tatsächlich zusätzliche Sonderformen wie Regionale Gesundheitszentren, oder brauchen wir vor allem eine konsequent am Bedarf ausgerichtete Versorgungsplanung? Aus Sicht der TK muss der Transformationsprozess im Gesundheitswesen vor allem drei Kriterien erfüllen: Qualität, Bedarfsgerechtigkeit und wirtschaftliche Tragfähigkeit. Strukturen sollten dort entstehen, wo eine Lücke in der Versorgung entsteht, die von anderen Einrichtungen nicht geschlossen werden kann.
Versorgung dort, wo sie wirklich gebraucht wird
Auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des RGZ Ankum werfen Fragen auf. Mit nur 15 Betten, hohen Fixkosten und einer stationären Auslastung von deutlich unter 50 Prozent ist die Tragfähigkeit eines solchen Modells kritisch zu betrachten. Das Leistungsspektrum ist überwiegend durch planbare, kurzzeitige und standardisierte Eingriffe, wie Operationen an der Hand oder Leistenbruchoperationen, geprägt. Gerade solche Leistungen können häufig auch in nächstgelegenen leistungsstärkeren Krankenhausstandorten erbracht werden - mit mehr Routine, breiterer fachlicher Infrastruktur und potenziell höherer Qualität.
Vor diesem Hintergrund ist zu hinterfragen, ob das RGZ Ankum tatsächlich ein Modell für die künftige Versorgung darstellt. Wer eine qualitativ hochwertige und zugleich wohnortnahe Versorgung erreichen will, muss nicht zwingend kleinteilige stationäre Strukturen erhalten. Wohnortnähe kann auch anders organisiert werden: durch starke ambulante Angebote, eine verlässliche haus- und fachärztliche Versorgung, funktionierende Rettungsdienste, digitale Ersteinschätzung, Telemedizin und klare Patientensteuerung.
Strukturreform ja - aber bedarfsorientiert
Regionale Gesundheitszentren können allenfalls dort sinnvoll sein, wo ein konkreter regionaler Bedarf besteht, die Qualität gesichert ist und die Struktur wirtschaftlich tragfähig betrieben werden kann. Das Beispiel Ankum zeigt jedoch, dass diese Voraussetzungen nicht selbstverständlich erfüllt sind. Für den Transformationsprozess im Krankenhauswesen sollte deshalb gelten: Nicht jede bestehende Struktur braucht eine neue Bezeichnung. Entscheidend ist, ob sie die Versorgung tatsächlich verbessert.
Eine moderne Krankenhausplanung muss den Mut haben, Ressourcen gezielt dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen stiften. Das bedeutet auch, sich von Strukturen zu lösen, die weder qualitativ überzeugen noch einen klaren Bedarf decken. Regionale Gesundheitszentren dürfen nicht zum Ersatzargument für eine konsequente Strukturreform werden. Die Versorgung der Zukunft braucht Qualität vor Ort - aber nicht zwangsläufig stationäre Strukturen an jedem Ort.