IPSY, das steht für "Information plus psychosoziale Kompetenz ist gleich Schutz", wurde über zehn Jahre entwickelt, evaluiert und immer wieder verbessert.

Nach der erfolgreichen dreijährigen Pilotphase in Thüringen können sich seit Juni 2018 Lehrer, Sozialarbeiter und andere Pädagogen aus dem gesamten Bundesgebiet schulen lassen und das Programm als Vermittler in die Schulen tragen. Die ersten Workshops dafür finden in Trier statt. Die TK unterstützt das Projekt für vier Jahre mit rund 750.000 Euro.

Im Interview spricht Karina Weichold über starke Persönlichkeiten und erklärt, wie sinnvolle Präventionsangebote gefunden werden können.

TK: Frau Weichold, wie funktioniert Ihr Suchtpräventionsprogramm? Was macht es so besonders?

Karina Weichold: Suchtprävention wird häufig darauf reduziert, über Rauschmittel aufzuklären und vor Gefahren zu warnen. Die eigentliche Ursache für Drogenkonsum berühren sie höchstens am Rande. Mit IPSY können Lehrer ihren Schülern das Rüstzeug geben, um "Nein" zu Drogen zu sagen und auch sonst gefestigt durchs Leben zu gehen und Herausforderungen des täglichen Lebens besser meistern zu können.

Mit IPSY können Lehrer ihren Schülern das Rüstzeug geben, um 'Nein' zu Drogen zu sagen.
Karina Weichold

Nach unserer Weiterbildung und mithilfe eines Manuals können die geschulten Pädagogen die Trainings in den Klassen selbst durchführen. Sie bekommen einen ganz neuen Zugang zu den Kindern und Jugendlichen, weil sie mit ihnen interaktiv arbeiten und zum Beispiel während verschiedener Rollenspiele sich Schüler und Lehrer auf einer anderen Ebene kennenlernen, als das sonst der Schulbetrieb zulässt. Fähigkeiten wie das Treffen informierter Entscheidungen, Selbstsicherheit und Kommunikation werden systematisch und langfristig aufgebaut und positiv bekräftigt.

Prof. Dr. Karina Weichold

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Friedrich-Schiller-Universität Jena

Unsere Langzeitstudien belegen, dass Schüler, die am IPSY-Programm teilgenommen haben, signifikant weniger zu Alkohol, Zigaretten und illegalen Drogen greifen als andere. Echte Erfolgskontrolle ist leider auch noch eine Besonderheit bei Suchtpräventionsprogrammen.

TK: Was ist Ihr Fazit nach drei Jahren IPSY in Thüringen?

Weichold: Wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis, das ja noch lange kein abschließendes ist. Für mich ist IPSY ein wunderbares Beispiel, wie die breite Allgemeinheit von einem in der Wissenschaft entwickelten, evaluierten und etablierten Programm profitieren kann. Die systematische Verbreitung von erfolgreich getesteten Programmen in der Praxis ist ein Schritt, den gewöhnlich Programmentwickler an wissenschaftlichen Forschungsinstituten recht selten gehen.

Dass dies ein wichtiger Schritt ist, haben wir durch unglaublich viele positive Rückmeldungen erfahren - aus der Wissenschaft und von den Praktikern, allen voran aber von den Schulungsteilnehmern.

Wir konnten das IPSY-Programm in Thüringen tatsächlich in die Breite bringen. Institutionen wie Jugend- und Schulämter empfehlen es. Und das Wichtigste: Wir konnten etwa 230 Pädagogen schulen, die das IPSY-Programm jetzt in Schulen in ganz Thüringen mit ihren Schülern durchführen. Damit haben wir etwa ein Viertel der Sekundarschulen im Freistaat erreichen können.

Die geografische Verteilung der von den Schulen entsendeten Personen zeigt, dass IPSY sich auch tatsächlich in die Fläche verbreitet hat und nicht an der typischen Jena-Weimar-Erfurt-Achse blieb. Das ist ein sehr schöner Erfolg.

TK: Wie geht es jetzt weiter?

Weichold: Wir können die Trainings und das Material für Pädagogen jetzt kostenlos in ganz Deutschland anbieten. Das Interesse ist groß. Die ersten Lehrerinnen und Lehrer wurden Anfang Juni in Trier geschult. Weitere Trainings sind schon geplant.

TK: Was war beziehungsweise ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Weichold: Die erfolgreiche Verbreitung ist das Ergebnis von viel Arbeit und kontinuierlichem Werben. Wir haben zum Start in Thüringen alle Sekundarschulen angeschrieben und ihnen das Programm angeboten und danach immer wieder nach gefasst. Ich habe Vorträge gehalten, mit übergeordneten Stellen gesprochen. Meine langjährige Kollegin Frau Dr. Blumenthal und ich haben die Trainings persönlich durchgeführt und Supervisionen per Telefon und vor Ort wahrgenommen.

Nach dem ersten Schwung an Teilnehmern waren auch deren Multiplikatoreneffekte spürbar. Die Lehrer haben sich untereinander von IPSY erzählt. Inzwischen bekommen wir in den Feedbackbögen bescheinigt, dass so gut wie alle Teilnehmer uns weiterempfehlen und noch mal am Programm teilnehmen würden.

"Dass wir für die Teilnehmer spürbare und messbare Ergebnisse erzielen, liegt an der fundierten wissenschaftlichen Basis."

Nicht zuletzt dank des Geldes, das wir von der Techniker Krankenkasse bekommen, können wir die Pädagogen gut versorgen. Sie sind dankbar für das umfangreiche und gut strukturierte Material, das wir ihnen geben, vor allem das Manual. Außerdem fühlen sie sich am Schulungstag gut versorgt. Auch solche scheinbaren Kleinigkeiten wie Catering sind hierbei nicht zu unterschätzen.

Dass wir mit dem Programm für die Teilnehmer spürbare und messbare Ergebnisse erzielen, liegt an der fundierten wissenschaftlichen Basis. Wir haben IPSY über viele Jahre immer weiterentwickelt und langfristig evaluiert, bevor wir das Manual dazu veröffentlicht haben und nun in die Verbreitung gehen.

Das Programm ist so angelegt, dass die Lehrer es langfristig umsetzen und gelernte Kompetenzen bei den Schülern nicht nur systematisch positiv bekräftigen, sondern auch mehrfach über Jahre auffrischen. Das ist ein großer Unterschied etwa zu Einmal-Aktionen, bei denen Schüler von Experten vor den Gefahren von Drogen gewarnt werden.

TK: Heißt das, Sie blicken auch kritisch auf andere Suchtpräventionsprogramme?

Weichold: Ich finde es prinzipiell gut, wenn viele Menschen sich mit dem Thema Suchtprävention beschäftigen. Es ist ein unglaublich wichtiges Thema!

Gleichzeitig ist es so, dass Schulen, Kommunen, eigentlich wir alle, immer weniger finanzielle und auch zeitliche Ressourcen haben. Wir müssen uns also zwischen all den Präventionsangeboten entscheiden. Man fragt sich, wieso dann nicht das gemacht wird, das nachweislich wirksam ist?

Vielleicht, weil die Entscheidung keine leichte ist. Woran erkennt denn zum Beispiel eine Kommune oder ein Schulleiter, für welche Programme sich die Investitionen lohnen?

Die Grüne Liste Prävention, eine Datenbank empfohlener Präventionsprogramme, steht im Internet allen zur Verfügung und ist leicht zu bedienen. Ein Blick auf die Seite lohnt sich in jedem Fall.

Gute Indikatoren sind außerdem: Ist das Programm aus einer wissenschaftlichen Theorie hergeleitet? Ist es interaktiv, also werden die Teilnehmer nicht nur beschult, sondern in Situationen gebracht, in denen sie neues Verhalten miteinander üben können? Wird das Programm von jemandem vermittelt, der selbst zum Setting, also zum Beispiel der Schule gehört? Hat es einen zeitlichen Umfang von mindestens acht bis 10 Zeitstunden? Ist es eine Einmal-Aktion, deren Wirksamkeit ich eher nicht vertrauen würde, oder ist es langfristig angelegt? Ist das Programm entwicklungsorientiert, also wird wirklich darauf geachtet, was die jeweilige Zielgruppe interessiert? Und nicht zuletzt: Gibt es empirische Studien über die Wirksamkeit?

Rechercheaufwand bei der Entscheidung für oder gegen ein Präventionsprogramm lohnt sich immer
Karina Weichold

Natürlich müssen hin und wieder Abstriche gemacht werden, schlicht, weil nicht in jedem Bereich wirklich gute Programme verfügbar sind. Aber der Aufwand einer Recherche bei der Entscheidung für oder gegen ein Programm lohnt sich immer. Eigentlich haben wir alle Informationen, die wir brauchen. Wir müssen sie nur sinnvoll nutzen.

Um den Konsum legaler Substanzen wie Alkohol und Tabak hinauszuzögern und zu vermindern und um den Konsum illegaler Substanzen zu verhindern sowie eine positive, kompetente Entwicklung zu unterstützen, haben wir mit IPSY ein wirklich gutes Programm. Ich würde mich freuen, wenn es in ganz Deutschland Kindern hilft.

TK: Was treibt Sie in den 20 Jahren als Forscherin immer wieder an?

Weichold: Ganz besonders ist das die Supervision vor Ort, also wenn ich sehe, wie Kinder zusammen mit ihren Lehrern im Rahmen des IPSY-Programms gemeinsam auf eine besondere Art und Weise lernen und dabei auch noch Freude haben. Für mich ist es eine unglaubliche Bereicherung, nicht nur im Elfenbeinturm Wissenschaft zu bleiben, sondern den praktischen Nutzen meiner Arbeit zu sehen.

Zur Person

Karina Weichold ist apl. Professorin für Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und leitet die Forschungsgruppe "Theorienbasierte Evaluation von Maßnahmen zur Entwicklungsförderung und Prävention von Problemverhalten". Außerdem verantwortet die Psychologin die bundesweite Verbreitung des Präventionsprogramms IPSY.