Zur Sache: Fakten, Mythen, Standortpolitik bei Arzneimitteln
Interview aus Hamburg
Einer der größten Kostenblöcke der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ist die Versorgung mit Arzneimitteln. Im Jahr 2024 betrugen die Ausgaben hierfür rund 55 Milliarden Euro. Bei einer Anpassung der Arzneimittelpreise an das internationale Preisniveau könnten jährlich knapp 4,73 Milliarden Euro eingespart werden. Allein in Hamburg liegt das jährliche Einsparpotenzial bei 179,8 Millionen Euro.
Wieso es in den Bereich der Mythen fällt, dass hohe Arzneimittelpreise in Deutschland im Gegenzug den Wirtschaftsstandort stärken, welche Lösungen es für Lieferengpässe gibt und welche Rolle die USA bei den Arzneimittelpreisen in Deutschland spielen, erklärt Tim Steimle, Fachbereichsleiter Arzneimittel bei der TK, im Interview.
TK: Warum zahlen wir in Deutschland im internationalen Vergleich so hohe Preise für Arzneimittel, und stimmt es eigentlich, dass hohe Arzneimittelpreise den Produktionsstandort Deutschland retten?
Tim Steimle: Kostentreiber sind hier vor allem die patentgeschützten Arzneimittel, sie machen mittlerweile 54 Prozent aller Ausgaben, aber nur 7 Prozent aller abgegebenen Packungen aus. Seit 2011 ist der sogenannte AMNOG-Prozess für die Preisfindung neu eingeführter Arzneimittel verantwortlich. Durch Regelungsausnahmen ist der Prozess jedoch oft nicht in der Lage, die Preisspirale nach oben zu durchbrechen. Dass unsere hohen Arzneimittelpreise Deutschland zu einem attraktiven Standort für Pharmaproduktion machen, ist ein oft angebrachter Mythos: Die deutsche Pharmaindustrie erwirtschaftet lediglich 0,8 Prozent der Bruttowertschöpfung, trotzdem liegt Deutschland im europäischen Vergleich mit den Arzneimittelausgaben pro Kopf unangefochten an der Spitze. Andere EU-Länder wie die Schweiz und Dänemark haben niedrigere Pro-Kopf-Ausgaben und deutlich mehr durch die Pharmaindustrie beigetragene Wirtschaftskraft.
Tim Steimle
Kostentreiber sind vor allem die patentgeschützten Arzneimittel, sie machen mittlerweile 54 Prozent aller Ausgaben, aber nur 7 Prozent aller abgegebenen Packungen aus.
TK: Welche Rolle spielen die USA bei der Preisbildung von Medikamenten?
Steimle: Die US-Arzneimittelpolitik sorgt aktuell für große Aufregung in der Pharma-Branche. Die Preise für Medikamente waren in den USA lange nicht reguliert und sind höher als sonst irgendwo auf der Welt - das will die US-Regierung nun ändern und die Preise an die von ausgewählten Referenzstaaten, zu denen auch Deutschland gehört, anpassen. Diese Entwicklung würde für Pharmaunternehmen große finanzielle Einbußen bedeuten - deshalb wurden bereits Forderungen laut, dass die Arzneimittelpreise in Deutschland und Europa weiter steigen müssten, um diese Verluste auszugleichen.
Um die Arzneimittelkosten in den USA weiter zu senken, hat die US-Regierung außerdem die Plattform TrumpRx ins Leben gerufen, auf der Medikamente nach Deals mit Pharmaherstellern mit hohen Rabatten angeboten werden. Betrachtet man die Plattform jedoch genauer, sieht man: Die Preise sind teilweise immer noch höher als in Deutschland, außerdem sind aktuell nur knapp über 50 Wirkstoffe gelistet. Diese sind zudem aus keinem Blickwinkel "Kassenschlager": Weder sind es die zur Behandlung von Patientinnen und Patienten am häufigsten eingesetzten Arzneimittel, noch sind die starken Hochpreiser, wie z.B. Gentherapien, vertreten. Die US-Politik hat somit bisher nicht zu einem Preissturz für Arzneimittel in den USA geführt. Auch in Deutschland ist bisher kein Einfluss spürbar - auch wenn das Drohszenario, dass Unternehmen, wenn die Preise nicht angehoben werden, bestimmte Medikamente vom europäischen Markt nehmen, gerne angebracht wird.
TK: Ein weiteres wichtiges Thema sind Lieferengpässe für bestimmte Arzneimittel. Wie gravierend ist das Problem eigentlich - und gibt es dafür Lösungsvorschläge?
Steimle: Seit dem "Nach-Corona-Winter" 2022/23 sind Lieferengpässe bei Arzneimitteln medial nicht mehr wegzudenken. Eine funktionierende Arzneimittelversorgung spielt für die TK eine zentrale Rolle - Versicherte müssen sich darauf verlassen können, ein Medikament zu erhalten, wenn sie es benötigen. Das Ausmaß wird jedoch gerne überschätzt: Von ca. 83.000 GKV-relevanten Arzneimitteln waren im Oktober 2025 beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ganze 897 als nicht lieferbar aufgeführt. Nur 223 davon sind nicht direkt durch ein identisches Produkt eines anderen Herstellers austauschbar. Das bedeutet: 99,7 aller Arzneimittel sind sofort verfügbar. Um sich ein genaueres Bild zur aktuellen Situation zu verschaffen, hat die TK im Sommer 2025 die Lagerstätten von sechs großen Rabattvertragspartnern besucht. Auch hier zeigte sich: Die Generika-Versorgung funktioniert gut und ist stabil. Genaue Erkenntnisse sind im Lieferklima-Report 2025 festgehalten, ebenso wie Weiterentwicklungsmöglichkeiten des aktuell schon gut funktionierenden Systems, etwa durch erhöhte Datenverfügbarkeit, ein regionales Mehrpartnermodell und die Weiterentwicklung von Rabattverträgen zu Lieferverträgen.
Die FKG hat sinnvolle Maßnahmen vorgeschlagen. Denn feststeht: Den immer weiter steigenden GKV-Ausgaben, auch im Bereich der Arzneimittel, muss dringend Einhalt geboten werden.
TK: Die FinanzKommission Gesundheit (FKG) hat Vorschläge für stabile Beiträge in der GKV vorgelegt. Welche Maßnahmen müssen aus Sicht der TK im Bereich Arzneimittel ergriffen werden, um die Ausgaben zu begrenzen?
Steimle: Die FKG hat sinnvolle Maßnahmen vorgeschlagen. Denn feststeht: Den immer weiter steigenden GKV-Ausgaben, auch im Bereich der Arzneimittel, muss dringend Einhalt geboten werden. Insbesondere der Vorschlag eines dynamisierten Herstellerabschlags ist sinnvoll, um effizient und vor allem schnell hohe, dringend benötigte Einsparungen vorzunehmen. Langfristig wirkende Maßnahmen sind ebenso relevant: Etwa die Umsetzung von Vertragskatalogen beziehungsweise Fokuslisten - die FKG spricht hier von "Selektivverträgen für therapeutisch gleichwertige Arzneimittel unter Patent" -, die es Krankenkassen indikationsspezifisch erlauben, aus therapeutisch vergleichbaren Arzneimitteln die wirtschaftlichste Versorgung hervorzuheben. Ebenfalls einen relevanten Sparbeitrag könnten die vorgeschlagenen Preis-Mengen-Regularien leisten. Hierbei wird festgelegt, dass ab Erreichen einer gewissen Umsatzschwelle ein zusätzlicher Rabatt an die Krankenkassen fließt. Auch diese Maßnahme kann laut FKG jährlich knapp eine Milliarde Euro einsparen.