Der technologische Wandel verändert immer schon unsere Welt. Derzeit stellen wir eine grundlegende Veränderung aller unserer Lebenswelten durch den Einsatz neuer digitaler Technologien fest.

Die neue Welt

Dies geschieht so radikal, dass wir am Ende dieser Veränderung unsere bisherige Welt nicht wieder erkennen, sondern von einer "neuen Welt" sprechen werden dürfen bzw. müssen.

Diese "disruptive" digitale Transformation spart natürlich nicht die gesundheitliche Versorgung aus. Es gilt daher auch für die Verantwortlichen im Gesundheitssystem diese Veränderungen zu begleiten, die Risiken zu minimieren und die Chancen zu mehren. 

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Hardy Müller

Am Beispiel der Patientensicherheit sollen die Chancen illustriert werden: Bei der gesundheitlichen Versorgung spielt das Niveau der Patientensicherheit eine entscheidende Rolle für die Qualität und Effizienz des Gesundheitswesens.

To err is human

Spätestens seit der US-amerikanischen Meilensteinpublikation "To err is human" vor knapp 20 Jahren sind die Bedeutung der Patientensicherheit für die Gesundheitsversorgung anerkannt und effektive Interventionen benannt.

Um substantiell die notwendigen Verbesserungen in der Patientensicherheit zu erreichen müssen wir die Chancen der Digitalisierung nutzen.
Hardy Müller

Die WHO geht heute noch davon aus, dass die vermeidbaren unerwünschten Ereignisse während medizinischer Behandlungen - also jene Ereignisse, die nicht auf die Erkrankung selbst, sondern auf die Behandlung zurückzuführen sind - weltweit zu den TOP zehn der Todesursachen zählen. (WHO 2018)

Für die Gesundheitsversorgung in den westlichen Ländern ("high income countries") schätzt die OECD, dass zumindest 15 Prozent der Krankenhausausgaben für die Revision von vermeidbaren unerwünschten Ereignissen aufzubringen ist.

Chancen der Digitalisierung

Um substantiell die notwendigen Verbesserungen in der Patientensicherheit zu erreichen, müssen wir die Chancen der Digitalisierung nutzen. Wir benötigen dazu neue Anwendungen wie etwa die KI, elektronische Patientenakten oder eRezepte.

Wenig diskutiert ist die Notwendigkeit von sozialen Innovationen, die dazu führen, dass  die Angebote auch kompetent und sinnvoll angewandt werden können.
Hardy Müller

Viel diskutiert sind technologische Voraussetzungen wie die Verfügbarkeit leistungsstarker Netze ("5G") und die Verfügbarkeit von Hard- und Software (Tablets, APPs). Wenig diskutiert ist die Notwendigkeit von sozialen Innovationen, die dazu führen, dass  die Angebote auch kompetent und sinnvoll angewandt werden können. Dies ist insbesondere bemerkenswert, da die Technik nur die notwendige Voraussetzung für die digitale Transformation bildet.

Akzeptanz und Vertrauen

Zum Erfolg führen wir diesen Wandel erst, wenn die neuen Anwendungen bekannt sind und diese sinnvoll angewandt werden. Erst die Akzeptanz der Anwender, ihr Vertrauen in die Anwendungen und letztlich die adäquate Nutzung wird den neuen Techniken zum Durchbruch verhelfen.

Notwendig hierfür ist "digitale Gesundheitskompetenz". Diese verschafft Anwendern Transparenz über die Angebote und die Befähigung diese zu nutzen.

Feststellen müssen wir, dass viele Angebote der Digitalisierung in der Praxis nicht bekannt sind. Bei einer repräsentativen Befragung von Ärzten und Ärztinnen im Jahre 2018 gaben 40 Prozent der Befragten an, noch nie etwas von einer "Online Akte, auf die der Patient per Internet oder Smartphone-App zugreifen kann" gehört zu haben, im Jahr 2019 gaben neun Prozent der Ärzte an "schon einmal etwas damit zu tun gehabt zu haben". (DAK Digitalisierungsreport 2018, 2019)

Feststellen müssen wir, dass viele Angebote der Digitalisierung in der Praxis nicht bekannt sind.
Hardy Müller

Das Projekt "TK-DiSK: Digital. Selbstbestimmt. Kompetent. Ein Projekt zur Stärkung der digitalen Gesundheitskompetenz von Patienten und Organisationen" (Müller, Samerski 2018/9 ff) hat 2018 untersucht, welche Bedeutung Digitale Gesundheitskompetenz für verschiedene Stakeholder im Gesundheitswesen hat, welche neuen Kompetenzanforderungen sie sehen und wie sie ihre eigenen Kompetenzen bzw. diejenigen ihrer Organisation einschätzen.

Studie TK-DiSK

Durchgeführt wurden Internet-Dokumentenanalysen, Online-, schriftliche und persönliche Befragungen sowie Fokusgruppen Interviews.

Die Ergebnisse von TK-DiSK zeigen, dass der Bedarf an Kompetenzentwicklung angesichts der digitalen Transformation im deutschen Gesundheitswesen groß ist. Die Internetrecherche hat deutlich gemacht, dass die zentralen Akteure im deutschen Gesundheitswesen die neuen Kompetenzanforderungen angesichts der digitalen Transformation noch nicht explizit zum Thema gemacht und sich hier noch nicht positioniert haben.

Fast die Hälfte der Befragten halten die Digitale Gesundheitskompetenz ihrer Organisation für problematisch bzw. verbesserungsbedürftig und wünschen sich weitere Maßnahmen zur Kompetenzförderung.

Fast die Hälfte der Befragten halten die Digitale Gesundheitskompetenz ihrer Organisation für verbesserungsbedürftig.
Hardy Müller

In den Befragungen deutscher Stakeholder wird die Sorge vor einem Digital Divide im Gesundheitswesen mehrfach geäußert; das Bewusstsein dafür, dass Digital Health neue Fähigkeiten und neues Wissen fördert, ist deutlich ausgeprägt.

Selbstbestimmung stärken

Bei den interviewten Patienten und Patientinnen hängt die Nutzungsbereitschaft entscheidend davon ab, inwiefern die digitalen Technologien ihre Selbstbestimmung einschränken oder stärken: Sie erwarten Nutzen, wenn sie digitale Anwendungen selbstbestimmt und freiwillig nutzen und die eigenen Gesundheitsdaten überblicken, kontrollieren und schützen können.

Diesem hohen Stellenwert der Digitalen Gesundheitskompetenz steht die Erkenntnis gegenüber, dass es unter Experten bisher kein geteiltes Grundverständnis von Digitaler Gesundheitskompetenz gibt und damit auch keine Grundverständnis im Hinblick auf Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. 

Unter Experten gibt es kein geteiltes Grundverständnis von Digitaler Gesundheitskompetenz.
Hardy Müller

Eine erste Voraussetzung für die Entwicklung eines gemeinsamen Grundverständnisses wäre es, die konzeptuelle Trennung zwischen "Digitaler Kompetenz" und "Gesundheitskompetenz" zu überwinden und die Digitale Gesundheitskompetenz als notwendige Voraussetzung und unverzichtbare Chance zur Beförderung der digitalen Transformation in der gesundheitlichen Versorgung zu verstehen.

Wesentlich für das hier vertretene Konzept der Digitalen Gesundheitskompetenz ist die Konstitution als neue, emergente Qualifikation und als eigenständige Kompetenz.

Digitale Transformation 

Digitale Gesundheitskompetenz ist nicht als Summe von Digitaler Kompetenz und von Gesundheitskompetenz zu verstehen, sondern beschreibt ein neues Aufgaben- und Lernfeld zur Gestaltung der digitalen Transformation im Gesundheitswesen.

Nach diesem Verständnis gehört sie in den Verantwortungsbereich digitaler Initiativen im Gesundheitswesen.

Der bewusste und selbstbestimmte Umgang mit digitalen Medien stellt eine wesentliche Ressource zur digitalen Transformation im Gesundheitswesen dar.
Hardy Müller

Der bewusste und selbstbestimmte Umgang mit digitalen Medien, von Apps über Online-Informationen bis hin zum Management der eigenen Gesundheitsdaten, stellt in Zukunft eine wesentliche Ressource zur Ermöglichung und Gestaltung der digitalen Transformation im Gesundheitswesen dar.