Die Covid-19-Pandemie ist aktuell eine der größten globalen Herausforderungen. Deutschlands Gesundheitssystem hat die erste Welle der Pandemie sehr gut gemeistert. Die gesetzlichen Vorgaben wie Ausgangssperren und Kontaktverbote haben dazu beigetragen, dass sich das Virus nicht explosionsartig wie in anderen Ländern verbreiten konnte.

In Zukunft wird Vieles davon abhängen, wie souverän und aufgeklärt die Bevölkerung mit den freiwilligen Maßnahmen zum Infektionsschutz umgehen. Corona hat dem Thema Gesundheitskompetenz mehr Bedeutung verliehen. Wer Zugang zu wissenschaftlich fundierten Informationen und Fakten hat, kann informierte und kompetente Entscheidungen für seine Gesundheit treffen. In einer Welt, in der sich Meinungen leicht verbreiten, brauchen wir dringend neutrale Plattformen zu wissenschaftlichen und medizinischen Themen. Auch dies macht die Coronakrise deutlich.

Hardy Müller

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TK-Beauftragter für Patientensicherheit. 

Digitalisierung unverzichtbar

Ein weiterer Aspekt ist hinzugekommen: Der Bedarf an  digitalen Lösungen ist durch Corona gestiegen - auch wenn die Digitalisierung bereits lange vor Corona unsere Lebenswelten verändert hat. Unbestritten ist mittlerweile, dass digitale Angebote großes Potenzial haben, die Patientenversorgung zu verbessern und das Thema Patientensicherheit voranzubringen. Deshalb ist Digitalisierung unverzichtbar und zu Recht ein Schwerpunkt der Innovationsförderung. Und deshalb ist es umso wichtiger für die Verantwortlichen im Gesundheitssystem, diese Veränderungen zu begleiten, die Risiken zu minimieren und die Chancen einer digitalen Welt zu mehren.

Soziale Innovationen

Technologische Voraussetzungen, wie die Verfügbarkeit leistungsstarker Netze und Verbindungen (5G, Breitband) und die Verfügbarkeit von Hard- und Software (Tablets, Apps), wurden in der Vergangenheit viel diskutiert. Weniger diskutiert wurde dagegen die Notwendigkeit von sozialen Innovationen, die dazu führen, dass  die Angebote auch kompetent und sinnvoll angewandt werden können. Dies ist insbesondere bemerkenswert, da die Technik nur die notwendige Voraussetzung für die digitale Transformation bildet.

Corona-Warn-App

Zum Erfolg neuer Anwendungen führen die Akzeptanz der Anwender, ihr Vertrauen in die Anwendungen und letztlich die adäquate Nutzung. So erlangen neue Techniken den Durchbruch. Auch das hat Corona deutlich gemacht. Ein zentrales Beispiel ist die Corona-Warn-App. Die beste Technik taugt nichts, wenn sie nicht von möglichst Vielen genutzt wird. Wichtig war daher die vorangegangene öffentliche Debatte um den Datenschutz und die umfangreiche Aufklärung rund um diesen sinnvollen Baustein im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus.

Digitale Transformation

Was wir brauchen ist eine "digitale Gesundheitskompetenz". Diese verschafft Anwendern Transparenz über die Angebote und die Befähigung, diese selbstbestimmt und souverän zu nutzen. Digitale Gesundheitskompetenz ist nicht als Summe von digitaler und von allgemeiner Gesundheitskompetenz zu verstehen, sondern beschreibt ein neues Aufgaben- und Lernfeld zur Gestaltung der digitalen Transformation im Gesundheitswesen. Nach diesem Verständnis gehört sie in den Verantwortungsbereich digitaler Initiativen und Innovationen im Gesundheitswesen.

Der bewusste und selbstbestimmte Umgang mit digitalen Medien, von Apps über Online-Informationen bis hin zum Management der eigenen Gesundheitsdaten, stellt in Zukunft eine wesentliche Ressource zur Ermöglichung und Gestaltung der digitalen Transformation im Gesundheitswesen dar. 

Was ist digitale Gesundheitskompetenz?

Digitale Gesundheitskompetenz ist die Fähigkeit, digitale Technologien selbstbestimmt zu nutzen zum Zweck der Erhaltung, Wiederherstellung oder Verbesserung der Gesundheit. Sie versetzt Patientinnen und Patienten bzw. Nutzerinnen und Nutzer in die Lage, Gesundheitsinformationen zu finden und zu bewerten, gesundheitsrelevante persönliche Daten bei Bedarf zu schützen oder freizugeben, Funktionsweisen, Ergebnisse und Folgen von digitalen Gesundheitsanwendungen einzuschätzen, Vor- und Nachteile abzuwägen und entsprechend zu handeln.

Digitale Gesundheitskompetenz befähigt Organisationen dazu, eine transparente Digital Policy öffentlich zu machen, eine hohe Informationsqualität und Datensicherheit zu garantieren und die Digitale Gesundheitskompetenz von Patientinnen und Patienten bzw. Versicherten gezielt zu berücksichtigen und zu fördern (im Sinne einer Corporate Digital Responsibility).

Digitale Gesundheitskompetenz entsteht durch die Interaktion von individuellen Fähigkeiten und sozio-technologischen Rahmenbedingungen. Sie schließt sowohl bei Personen als auch bei Organisationen das Bewusstsein über die ethischen, rechtlichen und sozialen Implikationen ein und befähigt sie dazu, den digitalen Wandel gesundheitsförderlich zu gestalten. 

(Quelle: Samerski S, Müller H (2019): Digitale Gesundheitskompetenz in Deutschland - gefordert, aber nicht gefördert? Ergebnisse der empirischen Studie TK-DiSK. ZEFQ 149)

Vertrauen in neue Angebote fällt nicht vom Himmel, sondern muss geschaffen und immer wieder verdient werden. Vertrauen wird weniger enttäuscht, wenn Nutzerinnen und Nutzer Gefahren und Chancen kennen und kompetent mit der Digitalisierung umgehen.

Digital kompetent aufgestellt

Wenn also die Digitalisierung von größter Bedeutung für die gesundheitliche Versorgung ist, dann müssen speziell auch im Gesundheitswesen die digitale Gesundheitskompetenz gefördert oder zumindest thematisiert werden. Als Nutznießer sind hier die Versicherten und Leistungserbringer zu nennen. Aber auch Organisationen haben gestalterischen Einfluss und Verantwortung für die gesundheitliche Versorgung und müssen daher digital kompetent aufgestellt sein.

Die Ergebnisse von TK-DiSK zeigen, dass der Bedarf an Kompetenzentwicklung angesichts der digitalen Transformation im deutschen Gesundheitswesen groß ist.

Digitalen Wandel erleben

Zu begrüßen ist daher, dass gesetzliche Krankenkassen nun per Gesetz die Aufgabe haben, die digitale Gesundheitskompetenz ihrer Versicherten zu fördern. Seit Jahren kümmert sich die TK mit verschiedenen Angeboten bereits darum, dass Patienten souveräne und selbstbestimmte Entscheidungen bezüglich ihrer Gesundheit treffen können. Auch mit neuen Angeboten wie Fernbehandlung, E-Rezept und der digitalen Gesundheitsakte TK-Safe, unterstützt die TK ihre Versicherten dabei, den digitalen Wandel im Gesundheitswesen erleben und davon profitieren zu können.

Die öffentlichen Diskussionen um Covid-19 haben gezeigt, wie schnell sich Meinungen und falsche Informationen verbreiten können. Die Neuartigkeit des Virus erschwerte eine umfassende sachliche Berichterstattung. Denn selbst die Wissenschaft weiß bis heute nicht alles über das Virus.

Aufgeklärte Bevölkerung

Dennoch war früh klar: Vor einer Infektion kann man sich und andere schützen. Das Beispiel der zentralen Corona-Warn-App zeigt, dass digitale Anwendungen umso besser ihren Zweck erfüllen, je mehr Menschen diese verantwortungsvoll nutzen. Mit diesem Wissen können und konnten Menschenleben gerettet werden. Seit Corona benötigen wir diese aufgeklärte Bevölkerung mehr denn je. Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Sie hat uns wichtige Erkenntnisse gebracht, eine davon ist die überragende Bedeutung von digitaler Gesundheitskompetenz.