TK: Anfang Juli wurde der erste trägerübergreifende Präventionsbericht von der Nationalen Präventionskonferenz vorgestellt. Wie sieht die Zwischenbilanz in Bayern nach vier Jahren Präventionsgesetz aus?

Annette Bleher: In dieser Zeit ist einiges passiert. Gemeinsam mit den anderen Krankenkassen, weiteren Sozialversicherungsträgern und dem Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege wurde 2017 die Landesrahmenvereinbarung verabschiedet. Diese hat insbesondere zum Ziel, gemeinsam die Gesundheit von sozial benachteiligten Gruppen zu fördern. Dies kann sowohl landesweit als auch regional begrenzt entsprechend der jeweiligen Bedarfe geschehen. Seither wurden bereits etliche Anträge bei der Geschäftsstelle eingereicht. Bei der Umsetzung von Maßnahmen haben die Punkte Nachhaltigkeit, Evaluation und Qualitätssicherung einen hohen Stellenwert.

TK: Wie kann die Gesundheitsförderung sozial benachteiligter Gruppen aussehen?

Annette Bleher: Wir wollen verstärkt Projekte fördern, die speziell die Bedarfe sozial Benachteiligter wie beispielsweise Menschen in schwierigen Lebenslagen im Blick haben. Eine Herausforderung besteht darin, diese Gruppen mit unseren speziellen Angeboten zu erreichen. Das gelingt uns mit dem so genannten Setting-Ansatz. Das heißt, die Angebote werden auf kommunaler Ebene umgesetzt - also direkt in den Lebenswelten der Menschen.

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Annette Bleher

TK: Wie und wo können Träger nichtbetrieblicher Lebenswelten, wie zum Beispiel Kommunen Anträge stellen?

Annette Bleher: Seit 2017 können Anträge bei der LRV Geschäftsstelle eingereicht werden. Seit Mitte Juli diesen Jahres besteht für Kommunen außerdem die Möglichkeit im Rahmen des Kommunalen Förderprogramms für zielgruppenspezifische Interventionen Förderanträge zu stellen. Dabei rücken vulnerable Zielgruppen stärker als bisher in den Fokus. Von den präventiven Maßnahmen sollen insbesondere alleinerziehende Menschen, ältere Menschen, oder Menschen mit Migrationshintergrund profitieren.

TK: Gibt es weitere Stellen, die sich in der kommunalen Gesundheitsförderung engagieren?

Annette Bleher: Ja, in München gibt es beispielsweise auch den Runden Tisch der Krankenkassen. Hier werden Projekte unterstützt, die sich besonders um die Menschen in den einzelnen Stadtteilen kümmern. Dazu gehört zum Beispiel das Projekt in Berg am Laim "(M)ein Stadtteil bewegt sich". Hier werden Bewegungsmaßnahmen bedarfsorientiert, unter Beteiligung der Bewohner, entwickelt und umgesetzt. Auch  das Projekt "GESUNDER STADTTEIL RAMERSDORF UND PERLACH" mit dem Schwerpunkt der Suchtprävention wird hier durchgeführt. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf (mehfach)belasteten Familien und deren Kindern mit Benachteiligungs-/oder Belastungsfaktoren um Ungleichheit entgegen zu wirken.

Darüber hinaus kooperieren die Gesetzlichen Krankenkassen in Bayern mit zehn Jobcentern und Arbeitsagenturen, um die Arbeits- und Gesundheitsförderung systematisch zu verzahnen, ab 2020 sind 17 Standorte mit dabei.

Das Projekt "Verzahnung von Arbeits- und Gesundheitsförderung in der kommunalen Lebenswelt" hat zum Ziel, erwerbslose Menschen mit Präventionsangeboten zu erreichen und damit auch ihre Chancen auf den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu erhöhen.

Die Landeszentrale für Gesundheit in Bayern e. V. (LZG) übernimmt in diesem Projekt die kassenseitige Vertretung und damit unter anderem folgende Aufgaben: Begleitung und Beratung der beteiligten bayerischen Projektstandorte.

Die TK engagiert sich zudem auch in etlichen "Gesundheitsregionen plus", sei es durch die Teilnahme an Gesundheitsforen, Arbeitskreisen oder in Form von Projekten. Dabei bringen wir neben finanziellen Mitteln auch unser Know-how ein.

Wir wollen verstärkt Projekte fördern, die speziell die Bedarfe sozial Benachteiligter im Blick haben. 
Annette Bleher

TK: Apropos Know-how. Seit 18 Jahren läuft bei der TK das Projekt Gesunde Schule / Gesunde Kita. Wie viele Einrichtungen haben Sie unterstützt? Welche Themen spielen eine besondere Rolle?

Annette Bleher: Aktuell fördern wir in Bayern um die 120 Kitas, vier Kitaträger und 125 Schulen. Die Projekte umfassen häufig den Bereich der Stressprävention und Entspannung. Dazu gehören sowohl Maßnahmen, die eine gesundheitsförderliche Teamkultur im Blick haben, als auch Maßnahmen zur Entspannung des pädagogischen Personals und der Kinder. Hinzu kommen Multiplikatoren-Workshops, in denen Erzieher und Lehrer gemeinsam mit den Eltern praxistaugliche Übungen für die Umsetzung im Alltag erlernen, beispielsweise Übungen zur Blitzentspannung. Und natürlich finden sich in den Projektanträgen auch die Themen Bewegung, Ernährung und Sucht wieder.

Vor Ort werden die Projekte durch die TK-Experten betreut. Neben den individuell geförderten Projekten bietet die TK interessierten Schulen im Bereich der Stressprävention multimodale Angebote für Kinder Bleib locker und Jugendliche SNAKE.

TK-Ex­per­ten für Kitas und Schulen

Südbayern:

Claudia Credet
040 - 46 06 51 05-414
Claudia.Credet@tk.de

Maren Schüler
040 - 46 06 51 05-413
Maren.Schueler@tk.de

Nordbayern:

Alexander Steinhart
040 - 46 06 51 04-172
Alexander.Steinhart@tk.de

TK: Warum agieren die Kassen in Kitas und Schulen nicht gemeinsam?

Annette Bleher: Anders als Landkreise und Gemeinden sind Kitas und Schulen kleinere Einheiten. Dort macht es Sinn, dass Projekte von einzelnen Krankenkassen gefördert werden. Man darf nicht vergessen, dass die Projekte immer in den Kita- und Schulalltag integriert werden müssen, das funktioniert nur, wenn die Abstimmung so leicht wie möglich ist. Natürlich darf jedes Kind an den Projekten teilnehmen, egal wo es versichert ist.

TK: Nicht nur Kitas oder Schulen profitieren von gesundheitsfördernden Maßnahmen, auch klein- und mittelständische Unternehmen können vom Engagement der Krankenkassen profitieren, wie sieht die Unterstützung aus?

Annette Bleher: Neben dem Engagement der jeweiligen Krankenkassen unterstützt die regionale BGF-Koordinierungsstelle kleine und mittelständische Unternehmen durch die Beratung von Expertinnen und Experten, individuell telefonisch, oder bei Bedarf auch ganz praktisch vor Ort.

TK: Inwiefern spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle bei der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF)?

Annette Bleher: Eine ganz große Rolle. Die Arbeitswelt verändert sich derzeit rasant, so dass gesunde Unternehmen vor größeren Herausforderungen stehen als bei der Beschaffung rückengerechter Stühle. Es geht um die Internationalisierung der Teams, die digitale Transformation und Mobilität.

Im Rahmen der BGF werden daher auch  unsere Online Tools wie GesundheitsCoaches immer wichtiger. Auch Webinare zur Betrieblichen Gesundheitsförderung für Mitarbeiter und Führungskräfte werden gerne genutzt. Hinzu kommen Angebote auf Englisch und ganz individuelle Angebote für bestimmte Branchen sowie für komplexere Aufgabenfelder und belastende Tätigkeiten.

TK: Wo müsste sich im Bereich Prävention in den nächsten Jahren etwas tun?

Annette Bleher: Wir müssen uns weiterhin dafür engagieren, dass funktionierende Strukturen auf- und bürokratische Hürden abgebaut werden. Unser Ziel ist es, schnelle Hilfen in die Lebenswelten der Menschen zu bringen - und zwar gemeinsam mit allen Beteiligten. Denn Gesundheitsförderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. 

Gesundheitsförderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Annette Bleher

TK: Welche Rolle spielt das Thema Pflege in der Prävention?

Annette Bleher: Gesetzliche Krankenkassen sind per Gesetz aufgefordert, sowohl für Bewohner in Pflegeeinrichtungen, als auch für das Pflegepersonal geeignete Präventionsmaßnahmen anzubieten bzw. umzusetzen. Die TK nimmt diesen Auftrag ernst und führt in Bayern zusammen mit Universitäten in Nürnberg-Erlangen und München Modellprojekte durch.

Die Technischen Universität München (TUM) setzt im Modellprojekt CaRe source einen speziellen Fokus auf Menschen mit Demenz. Mit ressourcenorientierten Ansätzen und unter aktiver Beteiligung der Zielgruppe werden in sechs Pflegeeinrichtungen verhaltens- und verhältnisorientierte Maßnahmen zur Stärkung kognitiver, körperlicher und psychosozialer Ressourcen entwickelt, umgesetzt und evaluiert.

Darüber hinaus wird ein bereits erfolgreich erprobtes Bewegungsprogramm speziell für Menschen mit Demenz durchgeführt. Parallel dazu wird die Gesundheit der Mitarbeiter adressiert. Pflegende sollen weniger belastet werden und gleichzeitig werden ihre Gesundheitsressourcen gefördert.

Der Schwerpunkt liegt hier auf den gesundheitsförderlichen Strukturen. Die Arbeitswelt Pflegeheim soll gesünder und freudvoller werden. Dazu bringen alle beteiligten Personengruppen im Setting Pflegeheim ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Werteorientierung ein. Die Projekte sind sehr praxisorientiert und werden wissenschaftlich begleitet. 

Das geben alle gesetzlichen Krankenkassen für Prävention aus:

  • Gesundheitsförderung in Lebenswelten: 153 Millionen Euro
  • Betriebliche Gesundheitsförderung: 158 Millionen Euro
  • Individuelle Präventionsangebote: 208 Millionen Euro
  • Prävention in stationären Pflegeeinrichtungen: 8,5 Millionen Euro
  • Ausgaben je Versicherten: 7,18 Euro

(Quelle: GKV-Spitzenverband Präventionsbericht)