Gesundheitspolitik #Chefinsache
Interview aus Mecklenburg-Vorpommern
In der aktuellen #Chefinsache gibt Manon Austenat-Wied einen Überblick über kommende gesundheitspolitische Herausforderungen in der Gesundheitspolitik für die kommende Legislaturperiode.
TK: Frau Austenat-Wied, vor kurzem fand die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern statt und auf der Jahresfachtagung haben Sie die Primärversorgung adressiert. Wird der Zugang zu Versorgung das zentrale gesundheitspolitische Thema der neuen Legislaturperiode?
Manon Austenat-Wied: Es gibt noch viel mehr zu tun, damit die Menschen in unserem Bundesland langfristig gut versorgt sind und damit die Versorgung finanzierbar bleibt.
TK: An welche Herausforderungen denken Sie?
Austenat-Wied: Neben der Primärversorgung sind dies die Krankenhausplanung, Gesundheitsförderung und Prävention sowie die Kostenentwicklung in allen Leistungsbereichen. Auch der Fachkräftebedarf wird in den kommenden fünf Jahren sicher nochmals steigen. Glücklicherweise gibt es aber für viele dieser Themen bereits Lösungsansätze.
TK: Auch für einen zeitnahen Versorgungszugang?
Der Weg durch die Versorgung hängt heute zu oft von historisch gewachsenen Strukturen oder gar Zufällen ab.
Wir wollen ein Primärversorgungssystem schaffen bei dem es vorab immer eine digitale medizinische Ersteinschätzung sowie digitale Terminbuchungsmöglichkeiten kostenlos für alle Patientinnen und Patienten gibt.
Es muss klare Wege in und durch die Versorgung geben. Deshalb sollte eine kluge Koordination bereits dann beginnen, wenn Menschen wegen eines gesundheitlichen Anliegens nach Hilfe suchen. Eine digitale medizinische Ersteinschätzung kann helfen, ihre Probleme einzuordnen und die passende Versorgungsebene empfehlen. Gekoppelt mit einem digitalen Angebot, Termine buchen zu können, lösen wir die zentralen Engpässe in unserem System.
TK: Die bestmögliche Primärversorgung ist also eine Frage der richtigen Bedarfseinschätzung und Koordination?
Austenat-Wied: So ist es. Die moderne Technik bietet uns unzählige Möglichkeiten. Und in vielen Bereichen nutzen wir diese Funktionen in Apps, Online-Shops und sogar in der Verwaltung ganz selbstverständlich. Es wird Zeit, dass der Zugang zum Gesundheitswesen ein Update in das 21. Jahrhundert erhält. Für uns gilt: Der richtige Primärarzt beziehungsweise die richtige Primärärztin ist die auf Grundlage des Bedarfs ermittelte richtige Fachrichtung. Mehr Zielgenauigkeit, eine bessere Koordination und digitale Abläufe erhöhen die Versorgungsqualität der Patientinnen und Patienten und entlasten auch die Ärzteschaft.
TK: Sollen Krankenhäuser in die Primärversorgung integriert werden?
Manon Austenat-Wied
Austenat-Wied: Diese Frage ist vom Gesetzgeber eindeutig beantwortet. Mit den sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen (süV) werden Krankenhäuser zu echten Versorgungsankern in der Fläche. Sie sichern die stationäre Grund- und Basisversorgung und erhalten gleichzeitig die Möglichkeit, die offenen Bedarfe im ambulanten Bereich zu adressieren. Und hier liegt aus meiner Sicht der Knackpunkt. Die Versorgungsaufträge der Krankenhäuser müssen so spezifiziert sein, dass sie Versorgungsbedarfe adressieren und nicht einfach das vermeintlich finanziell attraktivste Leistungsportfolio abbilden. In diesen Prozess müssen wir uns als Krankenkassen stärker einbringen. Keine andere Einrichtung im Gesundheitswesen kann die Versorgungsgeschichte der Patientinnen und Patienten so vollständig überblicken wie wir. Dafür muss die Politik kompetenzorientierte Entscheidungen ermöglichen.
TK: Krankenhäuser können aber mehr, als ambulante Lücken zu füllen?
Austenat-Wied: Ja, natürlich. Es geht bei der Krankenhausplanung nicht um eine Hierarchie der einzelnen Einrichtungen, sondern einen verantwortungsvollen Einsatz von Fachkräften, finanziellen Mitteln und letztlich um eine optimale Versorgung der Menschen. Wir brauchen dringend eine kluge Arbeitsteilung, telemedizinische Verbindungen und eine Konzentration von spezialisierten Leistungen. Nur so wird die Krankenhauslandschaft fitter für die anstehenden Herausforderungen und kann dabei noch helfen, alle Versorgungsbedarfe der Bevölkerung zu bedienen. Ein zentrales Element davon ist die faire Mitsprache der Krankenkassen im Planungsprozess. Es darf nicht sein, dass die gesetzlichen Krankenkassen die wirtschaftliche, organisatorische und fürsorgliche Verantwortung für die Versorgung ihrer Versicherten übernehmen und bei zentralen Zukunftsentscheidungen ausgebotet werden.
Eine funktionierende Krankenhauslandschaft in Mecklenburg-Vorpommern kann es nur mit und nicht gegen die Kassen geben.
TK: Sie haben das Thema Telemedizin angesprochen. Warum nutzen wir Sie nicht stärker?
Austenat-Wied: Innovationen entstehen immer außerhalb bestehender Strukturen und Prozesse. Wenn Sie mit den Menschen in unserem Land sprechen, wie wir es bevölkerungsrepräsentativ gemeinsam mit Forsa in diesem Jahr getan haben, dann werden Sie erkennen, dass digitale Medien längst das Tor zur Versorgung sind. Es wird in Suchmaschinen nach Krankheitssymptomen gesucht, es werden Bilder von erkrankten Hautstellen im Internet in KI-Anwendungen hochgeladen und der bekannte Arzt bzw. die Ärztin werden per Videoanruf um Rat gefragt. Es ist Zeit, dass wir diese Elemente vollumfänglich, mit bestmöglicher User Experience in die Versorgung bringen. Ansonsten werden Anbieter außerhalb des Gesundheitssystems diese Lücke schließen und das Solidarprinzip aushöhlen.
TK: Wir haben viel über die strukturelle Zukunft gesprochen, wie sieht es finanziell mit dem Gesundheitswesen aus?
Austenat-Wied: Die finanzielle Lage der GKV ist seit Jahren herausfordernd. Es gibt jedes Jahr neue Milliardendefizite, weil die Ausgaben für medizinische Leistungen wie Behandlungen in Krankenhäusern und die Versorgung mit neuen Arzneimitteln stark steigen. Für die TK ist klar: Die Beitragszahlenden dürfen nicht noch weiter belastet werden. Es gibt ausreichend Geld im System, das besser verteilt werden muss. Und es gibt Möglichkeiten, die GKV kurzfristig finanziell zu stabilisieren, ohne bei den Leistungen zu kürzen. Für dieses Ziel müssen die finanziellen Belastungen fair auf alle Bereiche verteilt werden. Den Rahmen dafür zu setzen, ist eine politische Aufgabe. Wir als TK haben dafür Vorschläge erarbeitet und wir hoffen, dass die neue Landesregierung sich dafür stark macht, diese umzusetzen.
Die Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen sind bundesweit im ersten Halbjahr um mehr als sieben Prozent gestiegen. Die Kosten für medizinische Behandlungspflege sogar über zehn Prozent und für die ambulante spezialfachärztliche Behandlung sogar durchschnittlich um zwanzig Prozent. Diese Entwicklungen können nicht endlos so weitergehen. Wir müssen die Ausgabendynamik in der Breite der GKV-Ausgabenbereiche enger an die gesamtwirtschaftlichen Lohnzuwächse koppeln.
TK: Gibt es Leitideen, die sie der Politik empfehlen würden, um das Gesundheitswesen fit für die Zukunft zu machen?
Austenat-Wied: Es ist schwer abstrakte Ideen zu finden, die auf alle Bereiche des Gesundheitswesens angewendet werden können. Aber grundsätzlich sind aus meiner Sicht Ausgabendämpfung, Wettbewerb, digitale Transformation und Entbürokratisierung die richtigen Ansätze. Dabei ist es wichtig, dass der politische Rahmen im Land so gesetzt wird, dass die Akteurinnen und Akteure genügend Gestaltungsspielraum haben, um diesen Grundsätzen zu folgen.
TK: Die Landespolitik soll sich weniger in die operative Ausgestaltung einbringen und stattdessen?
Austenat-Wied: Den einschlägigen Fachorganisationen, Körperschaften und Unternehmen die inhaltliche Ausgestaltung überlassen. Ich hoffe darauf, dass die Gesundheitspolitik in der kommenden Legislaturperiode den Mut hat, die richtigen Fachentwicklungen zu begleiten. Natürlich ist es für eine ambitionierte Politikerin oder einen Politiker immer angenehm zu sagen, es gibt und Problem und ich liefere die Lösung. Aber daran kann Politik nur scheitern, gerade im Gesundheitswesen. Es gibt so viele Baustellen, dass die zukünftige Landesregierung diese nicht einfach selbst abarbeiten kann. Zum einen weil ihr dazu Informationen, Kompetenzen und Erfahrungen fehlen und zum anderen, weil sie als Impulsgeber, der Veränderungsprozesse leichter möglich macht, wesentlich mehr leisten kann.
TK: Können Sie das an einem konkreten Beispiel verdeutlichen?
Austenat-Wied: Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sind im bundesweiten Vergleich als relativ krank dokumentiert. Nun könnte ein zukünftiges Gesundheitsministerium auf die Idee kommen, Projekte zur Gesundheitsförderung umzusetzen. Aber bei 1.6 Millionen Einwohnenden in einem Flächenland ist dies eine für ein Ministerium unlösbare Aufgabe. Stattdessen können Regelungen getroffen werden, die es den Akteurinnen und Akteuren im Gesundheitswesen und in der Gesundheitswirtschaft leichter machen, zielgenaue Ansätze auf den Weg zu bringen.
TK: Und dieses Prinzip sollte auf alle Bereiche der Gesundheitspolitik übertragen werden?
Austenat-Wied: So ist es.
TK: Das klingt nach einer Mammut-Aufgabe, die neben politischer Kraft auch regionales Verantwortungsbewusstsein erfordert.
Austenat-Wied: Wir als Techniker Krankenkasse werden uns weiterhin engagiert einbringen, damit die Menschen in unserem Bundesland gesünder leben können. Sowohl durch unsere Expertise gegenüber der Politik, als auch durch ganz konkrete Maßnahmen bei unseren Versicherten vor Ort.