"Unser Gesundheitssystem muss weiterentwickelt werden, damit alle Menschen Zugang zu guter Versorgung behalten"
Artikel aus Mecklenburg-Vorpommern
Ein Gastbeitrag von Sylvia Grimm, Staatssekretärin im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport Mecklenburg-Vorpommern, anlässlich der TK-Jahresfachtagung in Mecklenburg-Vorpommern.
In Mecklenburg-Vorpommern haben alle Menschen ein Recht auf erreichbare und qualitativ hochwertige medizinische Angebote. Das ist eine zentrale Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge und eine wesentliche Voraussetzung für Lebensqualität - unabhängig davon, ob jemand in einer größeren Stadt oder in einem kleinen Dorf lebt. Gerade für unser dünn besiedeltes Flächenland ist das eine besondere Herausforderung. Auf rund 1,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner kommen gerade einmal 69 Menschen pro Quadratkilometer - so wenig wie nirgendwo sonst in Deutschland. Die Wege sind oft weit, die Bevölkerung wird älter und ist überdurchschnittlich krank, und der Fachkräftemangel stellt unser Gesundheitswesen vor zusätzliche Aufgaben. Deshalb müssen wir neue Wege finden, medizinische Expertise dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird. Und deshalb sind innovative Ansatz von so hoher Bedeutung.
Digitalisierung als wichtiger Baustein
Digitale Innovationen können künftig einen wichtigen Baustein in der medizinischen Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern darstellen. Sie tun es in vielen Bereichen übrigens bereits. Digitale Anwendungen und telemedizinische Angebote können Zugänge erleichtern, Versorgung besser vernetzen und Patientinnen und Patienten darin stärken, selbst bestimmt mit ihrer Gesundheit umzugehen. Doch Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein und nicht zu einer Entfremdung etwa im wichtigen Arzt-Patienten-Verhältnis führen. Sie muss die Versorgung verbessern - und sie muss für die Menschen funktionieren. Nicht jeder digitale Kontakt kann und darf eine persönliche Untersuchung ersetzen. Nicht jeder Mensch kann oder möchte digitale Angebote nutzen. Entscheidend ist deshalb, dass wir digitale und persönliche Versorgung sinnvoll miteinander verbinden, statt sie gegeneinander auszuspielen. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, nicht dauerhaft Doppelstrukturen aufzubauen.
Sylvia Grimm
Weiterentwicklung in allen Bereichen des Gesundheitswesens
Damit sind wir bei einer zweiten wesentlichen Frage: Wie muss sich unser Gesundheitssystem insgesamt weiterentwickeln, damit es auch künftig leistungsfähig, bezahlbar und verlässlich bleibt? Da sind wir im Gesundheitsministerium ganz klar: Wir brauchen eine stärkere sektorenübergreifende Zusammenarbeit, bessere digitale Schnittstellen und Strukturen, die sich am tatsächlichen Versorgungsbedarf orientieren. Was das bedeutet, haben wir vor einigen Wochen der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit der Absichtserklärung für ein gemeinsames Telemedizinnetzwerk mit Schleswig-Holstein haben wir einen wichtigen Schritt vereinbart. Unser Ziel ist es, vorhandene Angebote zusammenzuführen und die telemedizinische Vernetzung zunächst der Krankenhäuser und perspektivisch weiterer Bereiche der Gesundheitsversorgung voranzubringen. Auch die Krankenhausreform wird uns dabei intensiv beschäftigen. Digitalisierung kann notwendige Strukturveränderungen unterstützen - sie ersetzt aber weder eine gute Krankenhausplanung noch die erforderlichen personellen und finanziellen Rahmenbedingungen.
Gesundheitskompetenz und Gesunderhaltung fördern
Und schließlich - darauf möchte ich zum Abschluss besonders hinweisen - müssen wir Gesundheit stärker vom Ende her denken oder vom Anfang - je nachdem wie man es betrachtet: also nicht erst dann, wenn Menschen krank werden, sondern möglichst schon vorher. Wie können wir die Gesundheitskompetenz stärken? Wie schaffen wir bessere Voraussetzungen dafür, dass Menschen gesund aufwachsen, leben und arbeiten und gesund älter werden? Digitale Angebote können auch hier helfen, etwa indem sie niedrigschwellige Beratung ermöglichen oder Menschen gezielt auf Präventions- und Unterstützungsangebote aufmerksam machen. Entscheidend ist jedoch, dass Gesundheitsförderung dauerhaft im Alltag der Menschen ankommt und nicht bei einzelnen, unverbundenen Projekten stehen bleibt.
Diese drei Perspektiven - Versorgungszugang, die Weiterentwicklung unseres Gesundheitssystems und Gesundheitsförderung - gehören für mich untrennbar zusammen. Sie zeigen zugleich, dass die Frage "primär digital versorgt?" nicht allein technisch beantwortet werden kann. Es geht um politische Prioritäten, um tragfähige Strukturen und vor allem um die Bedürfnisse der Menschen.
Lassen Sie uns gemeinsam darüber sprechen, wie wir die Chancen der Digitalisierung nutzen können, ohne den Kern unseres Gesundheitswesens aus dem Blick zu verlieren: eine gute, verlässliche und für alle erreichbare Versorgung.
Vielen Dank.