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TK: Frau Prof. Jochimsen, Sie sind als Berliner Wissenschaftlerin in den Sachverständigenrat des Bundesministeriums für Gesundheit berufen worden. Welche Herausforderung verbinden Sie persönlich mit Ihrer neuen Position?

Prof. Jochimsen: Ich sehe sogar mehr als eine Herausforderung. Zum einen finde ich es sehr anspruchsvoll, für das Thema Gesundheit, das alle Menschen betrifft und das alle mit persönlichen Erfahrungen verbinden, wissenschaftliche Expertise mit politischen Restriktionen sinnvoll zu verknüpfen. Das gelingt nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit, die generell nicht minder ambitioniert ist. Mit Juristen und Politologen arbeite ich als Volkswirtin intensiv zusammen, in der Lehre und in der Forschung. Die Brücke zur Medizin zu schlagen, also einer naturwissenschaftlich geprägten Disziplin, ist für mich neu. Hinzu kommt, dass der Bereich Gesundheit sehr dynamisch, innovativ und an vielen Stellen im Wandel begriffen ist. Die Anforderungen ändern sich also stetig und rasant. Und schließlich bedeutet die Position im Sachverständigenrat eine Art von Verantwortung, die ich als Hochschullehrerin und Wissenschaftlerin so vorher nicht hatte.

TK: Was kann die Wissenschaft in der Politikberatung leisten - und was nicht?

Prof. Jochimsen: Wissenschaft ist eine der tragenden Säulen der Politikberatung. Forscherinnen und Forscher tragen Fakten zusammen, strukturieren Sachverhalte und analysieren sie, identifizieren und benennen Probleme, erarbeiten Lösungswege und Handlungsempfehlungen und tragen damit zu einer sachlichen Diskussion bei. Hilfreich ist, dass wissenschaftliche Politikberatung bei konkreten Fragestellungen nicht immer alle Details berücksichtigen muss. Zudem kann es sehr nützlich sein, wenn sie der Politik ein Gesamtkonzept zur Orientierung an die Hand gibt.
Doch Politikberater können Politikern weder die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte gesundheitspolitische Maßnahme noch die dafür zu tragende Verantwortung für die Folgen vor den Wählerinnen und Wählern abnehmen. Da halte ich es ganz mit Max Weber: Wissenschaftliche Ratschläge sollten möglichst wertfrei sein, politische Entscheidungen hingegen müssen auf Werturteilen basieren.

Zur Person

Beate Jochimsen ist seit April 2010 Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Finanzwissenschaft, an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Ihre akademische Ausbildung absolvierte sie an den Universitäten Heidelberg, Köln und Florenz, der Technischen und der Freien Universität Berlin sowie an der London School of Economics and Political Science. In den Jahren 2000/2001 leitete sie das Büro des Berliner Finanzsenators. Ihre Forschungsinteressen liegen unter anderem in den Bereichen öffentliche Haushalte und Föderalismus. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder.

TK: Sie gelten als Expertin für öffentliche Haushalte und den Fiskalföderalismus. Vor welchen Herausforderungen stehen Länder und Kommunen bei der Finanzierung ihrer staatlichen Aufgaben - etwa in der Infrastruktur oder dem Gesundheitswesen?

Prof. Jochimsen: Die größte Herausforderung ist nach meiner Erkenntnis der demographische Wandel und damit einhergehend die Ballung der Bevölkerung in Städten. Länder und Kommunen müssen sich damit auseinandersetzen, wie sie die Versorgung in weniger dicht oder gar dünn besiedelten Gebieten regeln und absichern. Wo bleibt eine Schule erhalten, wo ein Krankenhaus? Wie ist die medizinische Versorgung einer älter und immobiler werdenden Landbevölkerung zu garantieren? Fragen rund um die Digitalisierung im Medizinbereich und die dazu erforderliche Infrastruktur werden immer dringender.

TK: Wo gibt es in der Gesundheitspolitik zu viel Föderalismus und wo zu wenig?

Prof. Jochimsen: Generell fördert Föderalismus den Wettbewerb zwischen Ländern und Kommunen. Modelle können getestet und ausgewertet, die besten übernommen werden. Der Wettbewerb hilft, diese zu entdecken. Länder und Kommunen in Deutschland verfügen jedoch über eine unterschiedliche Wirtschaftskraft. Im Bereich der Steuern wird diese über den bundesstaatlichen Finanzausgleich angeglichen, um die grundgesetzlich vorgesehene Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse zu gewährleisten. Ganz vergleichbar funktioniert das im Gesundheitswesen nicht, obwohl es zum Beispiel bei der Vergütung von Ärzten oder der Krankenhausfinanzierung föderale Elemente gibt.

TK: In Ihrer wissenschaftlichen Karriere haben Sie sich für Berlin entschieden. Was lieben Sie an der Metropole Berlin besonders - und was stört Sie am meisten?

Prof. Jochimsen: Ich liebe die Vielfalt der Kieze, wie wir hier in Berlin zu den einzelnen Stadtvierteln sagen. Von urban und pulsierend bis verträumt und ländlich, kann man alles finden. Es gibt ein reichhaltiges, buntes und inspirierendes kulturelles Angebot und eine Wissenschaftslandschaft auf höchstem Niveau. Beides schätze ich sehr. Herrlich ist auch die Nähe zur Ostsee, dafür sind die Berge für mich zu weit entfernt.