Die Nachfrage nach digitalen Versorgungsangeboten ist rasant gewachsen und hat durch die Pandemie noch einmal stark zugenommen. Es ist Zeit, diese durchdacht in der Versorgung zu verankern. Auch die Notfallversorgung braucht eine Reform. Darüber hinaus müssen die Digitalen Gesundheitsanwendungen - "Apps auf Rezept" - weiterentwickelt werden.

TK: Digitale Versorgungsketten können zu mehr Effizienz, Zielgenauigkeit und zu einer qualitativ besseren Patientenversorgung beitragen. Wie sollten analoge und digitale Versorgungsketten der Zukunft ausgestaltet sein?

Dr. Bernhard Rochell und Peter Kurt Josenhans: Wenn unter digitalen Versorgungsketten die Übernahme der Gesundheitsversorgung durch primär gewinnorientierte Digital-Unternehmen wie Google, Amazon und Co. gemeint ist, dann lehnen wir solche Überlegungen ab, weil mit Sicherheit nicht der Nutzen für Patienten und für Behandler im Vordergrund steht. Wenn es aber um digitale Strukturen geht, die ärztliches Handeln im Sinne einer optimalen Therapie und Behandlung unterstützen, dann stehen wir dem sehr positiv gegenüber.  

Allen Unkenrufen zum Trotz können zum Beispiel digitale Gesundheitsanwendungen für Vertragsärzte und -psychotherapeuten in Zukunft zu wertvollen Hilfen werden, falls sie diagnostische und therapeutische Prozesse unterstützen, sinnvoll ergänzen sowie die Kommunikation und die Compliance verbessern. Die Arbeit der Vertragsärzte und Psychotherapeuten können digitale Gesundheitsanwendungen dabei aber keinesfalls ersetzen.

Allerdings gibt es auch Fehlentwicklungen zu benennen. Die elektronische Patientenakte verliert ihren Sinn, wenn die Datenhoheit einzig und allein an die Patienten übertragen wird. Wie können Behandler richtig behandeln, wenn sie nur einen begrenzten oder gar keinen Zugriff auf relevante Krankheitsinformationen haben? Sollte dies tatsächlich so bleiben, bedarf es eines verlässlichen Hinweises, wenn nicht alle Informationen vollständig verfügbar gemacht werden.

TK: Digitale Versorgungsangebote sind - verstärkt durch die Pandemie - immer gefragter. Es ist an der Zeit, dass sie in Sachen Vergütung und Bedarfsplanung vom Sonder- zum Normalfall werden. Haben Sie konkrete Vorschläge, wie wir die ambulante Versorgung auf die Zukunft vorbereiten und weiterentwickeln können?

Rochell und Josenhans: Vernetzung unter Einbeziehung digitaler Lösungen wird in Bremen an der Schnittstelle zwischen ambulantem und stationärem Bereich bereits seit einigen Jahren sehr erfolgreich betrieben. Seit 2019 kooperiert die KV Bremen mit dem Krankenhaus St. Joseph-Stift und hat einen „gemeinsamen Tresen“ eingerichtet. Für Patienten bedeutet dies, dass sie eine Anlaufstelle vorfinden, über die sie von geschultem Fachpersonal mittels einer qualitätsgesichertem Ersteinschätzung-Software (SMeD) in die richtige Versorgungsstruktur geleitet werden.

Mit diesem Projekt sind bereits viele Elemente vorweggenommen, die dem Gesetzgeber mit der Einführung der Integrierten Notfallzentren vorschweben. Diese Vorreiterrolle hat auch eine Fachjury des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) anerkannt und das Projekt „gemeinsamer Tresen“ mit dem Innovationspreis „Ausgezeichnete Gesundheit 2021“ gewürdigt. Weitere Vernetzungen sollen folgen.

Es ist angedacht, den gemeinsamen Tresen an die Rettungsdienststrukturen des Landes Bremen anzukoppeln. Mittels der Dispositionssoftware IVENA sollen Rettungswagen in die Lage versetzt werden, nicht nur zentrale Notaufnahmen, sondern – wenn es die diagnostische Abklärung erlaubt - auch die Bereitschaftsdienstzentralen oder kooperierende Arztpraxen anzufahren. Dazu kommt dann die Vernetzung der Teilnehmer, um alle notwendigen Daten mit dem Patienten zusammen digital übergeben zu können.

Zu den Personen Dr. Bernhard Rochell und Peter Kurt Josenhans, KVHB 

TK-Position zur vernetzten Versorgung