Aus meiner Sicht kann man noch nicht von Versorgungsengpässen sprechen. Im ambulanten Bereich können zwar nicht mehr alle Arztsitze nachbesetzt werden, doch noch gibt es in allen Landkreisen genügend Angebote. Allerdings ist das nur eine Momentaufnahme.

Stefan Groh

Stefan Groh, Leiter der TK-Landesvertretung Saarland Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiter der TK-Landesvertretung Saarland

Gerade was die Hausarztversorgung angeht, könnte es schon in naher Zukunft Probleme geben. Und wenn die Personaldecke erstmal zu dünn ist, wird es ganz schwierig gegenzusteuern. Dabei sollte man nicht nur den Blick auf Ärzte und Ärztinnen richten, sondern auch das für den Praxisbetrieb notwendige medizinische Fachpersonal nicht aus den Augen verlieren. Auch in diesem Bereich zeichnen sich Engpässe ab. Wie groß die Herausforderungen bei Personalmangel sind, sehen wir seit Jahren insbesondere im Bereich der Pflege.

Hoher Altersdurchschnitt ein Problem

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Saarland hat in der hausärztlichen Versorgung bereits 2017 eine drohende Unterversorgung im Mittelbereich Wadern festgestellt. Der Grund dafür ist die Altersstruktur. Mehr als die Hälfte der Hausärztinnen und Hausärzte in diesem Gebiet waren damals älter als 55 Jahre. Auch in den anderen Landkreisen praktizieren viele Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner in dieser Altersklasse. Daher müssen jetzt Maßnahmen getroffen werden, die das Ausscheiden der erfahrenen Hausärztinnen und -ärzten abfedern beziehungsweise sogar kompensieren können.

Dabei sehe ich sowohl bei der Politik als auch der KV Bemühungen, dieses Problem anzugehen. Laut KV sieht es mit Blick auf den medizinischen Nachwuchs sogar besser aus als erwartet. Diesen positiven Trend gilt es zu festigen und die bereits auf den Weg gebrachten Anstrengungen kontinuierlich weiterzuführen.

Sektorengrenzen müssen überwunden werden

Nichtsdestotrotz sind aus meiner Sicht weitere Maßnahmen nötig, um die Versorgungsstrukturen im Saarland zukunftssicher zu gestalten. Es muss die gesamte Versorgung auf den Prüfstand und dabei sollte nicht einfach auf alte Reflexe gesetzt werden. Stattdessen müssen die bisherigen Grenzen zwischen den ambulanten Arztpraxen und dem Krankenhausbereich, die so genannten Sektorengrenzen, abgebaut beziehungsweise überwunden werden. Ein Paradebeispiel ist die Idee der Regionalen Gesundheitszentren (RGZ) , die wir als TK für unterversorgte Gebiete vorschlagen. Diese bieten ambulante Strukturen, um die allgemein- und fachärztliche Versorgung zu gewährleisten. Sie halten darüber hinaus aber auch wenige stationäre Betten für kleine Operationen und die stationäre Grundversorgung vor, beispielsweise im internistischen und orthopädischen Bereich.

Ein weiterer Aspekt, der für die zukünftige Versorgung nicht nur, aber auch im ländlichen Raum, wichtig ist, ist die Übertragung von ärztlichen Aufgaben auf medizinisches Fachpersonal. Dadurch werden Ressourcen bei den Ärztinnen und Ärzten frei, zusätzlich wird dabei die Arbeit des Fachpersonals aufgewertet und entsprechend attraktiver. Das kann auch dabei helfen, wieder mehr Medizinische Fachangestellte zu gewinnen.

Digitalisierung bietet viele Chancen

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die sichere und durchdachte Nutzung der Digitalisierung. Diese bietet auch im Gesundheitssektor so viele Facetten. Mit Telekonsilien kann Fachexpertise unkompliziert vorgehalten und die entsprechend passende Behandlung gefunden werden. Durch Fernbehandlungen sparen sich Patientinnen und Patienten nicht nur die Anfahrt und die Wartezeiten, sondern verringern auch das Ansteckungsrisiko, egal ob in einer Pandemie oder nicht. Wie das gehen kann, zeigen beispielsweise unsere Angebote wie der TK-Online-Hautcheck oder die digitale VR-Psychotherapie gegen Angststörungen Invirto. Auch Apps bieten in verschiedenen Bereichen viele Chancen. Zusätzlich gewinnt das Thema Künstliche Intelligenz weiter an Bedeutung, denn schon heute sind Programme teilweise schneller und präziser als erfahrene Ärztinnen und Ärzte. Doch auch darüber hinaus, bietet die digitale Transformation viel Potenzial. Grundvoraussetzung dafür ist natürlich der Breitbandausbau auch in den ländlichen Regionen.

Fazit

Es ist jetzt wichtig, die richtigen Weichen zu stellen und alle Möglichkeiten zu nutzen, die bei der Bewältigung des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen sowie dem Abbau der Sektorengrenzen helfen können. Dafür ist unter anderem der Einsatz und Ausbau der Digitalisierung notwendig. Hier sind jetzt die neue Bundesregierung, die Landesregierungen sowie alle Beteiligten des Gesundheitssektors gefordert, mitanzupacken.