TK: Frau Dr. Tschorn, wie steht es um die psychische Gesundheit der Studierenden in Berlin und Brandenburg?

Dr. Mira Tschorn: Zu viele Studierende sind psychisch stark belastet - auch in Berlin und Brandenburg. In unseren Stichproben an der Universität Potsdam und der Charité berichteten im Wintersemester 2023/2024 rund ein Drittel (31 %) erhöhte Depressionswerte (Uni Potsdam: 36 %, Charité: 27 %). Die Daten sind allerdings nicht repräsentativ, das heißt es ist durchaus möglich, dass psychisch belastete Studierende sich von Gesundheitsumfragen besonders angesprochen fühlen und häufiger daran teilnehmen.

In Routinedaten der Techniker Krankenkasse sehen wir zudem: Der Anteil der Studierenden mit Antidepressiva-Verordnungen ist 2019 bis 2022 um rund 30 Prozent gestiegen - und liegt in vielen Ländern über dem Niveau gleichaltriger Erwerbspersonen. Auch Depressionsdiagnosen nahmen bei Studierenden stärker zu und waren 2021 in fast allen Bundesländern häufiger als bei Gleichaltrigen im Erwerbsleben.

Dr. Mira Tschorn

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Psychologin und psychologische Psychotherapeutin an der FU Berlin

TK: Gibt es Unterschiede zwischen den beiden Bundesländern?

Dr. Tschorn: In unseren Daten zeigen sich Unterschiede zwischen den beiden Uni-Stichproben (Charité/Berlin vs. Uni Potsdam/Brandenburg) - aber: Das sind keine belastbaren Länderunterschiede, sondern gegebenenfalls studiengangs- und stichprobenspezifische Effekte. 
Wir können da aus unseren eigenen Daten also keine Aussage treffen bezüglich Unterschieden zwischen den Bundesländern in der psychischen Belastung Studierender.

Verordnungen von Antidepressiva deutlich gestiegen

Bezüglich der eben angesprochenen Routinedaten der Techniker Krankenkasse sehen wir, dass die Verordnungen von Antidepressiva in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind und in vielen Bundesländern höher als bei Gleichaltrigen im Berufsleben liegen. Depressionsdiagnosen haben bei Studierenden ebenfalls stärker zugenommen und waren 2021 in fast allen Ländern häufiger als bei gleichaltrigen Erwerbstätigen. 

Es gibt aber Ausnahmen und Schwankungen zwischen den Ländern - zum Beispiel zeigte Brandenburg bei Studierenden einen kleinen Rückgang im Vergleich zu 2019. Wichtig ist: Solche Routinedaten spiegeln vor allem Versorgung und Abrechnung wider und sind nicht eins zu eins mit repräsentativen Prävalenzen in der gesamten Studierendenpopulation gleichzusetzen.

TK: Erkennen Sie Entwicklungen im Vergleich zu früheren Generationen von Studentinnen und Studenten?

Julia Seiffert: Ja, es gibt derartige Entwicklungen. Aktuelle Studierendengenerationen berichten häufiger über psychische Belastungen wie Stress, Angst und Erschöpfung wie zum Beispiel der TK Gesundheitsreport von 2023 berichtet. 

Gründe sind unter anderem Leistungsverdichtung (zurückzuführen auf den Bologna-Prozess), hohe Unsicherheit durch Krisen (zum Beispiel Pandemie, Klimawandel) sowie finanzielle Unsicherheit durch steigende Lebenshaltungskosten und schlechtere Zukunftsaussichten. All das beeinflusst den Studienalltag heute mehr. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass die Bereitschaft gestiegen ist, über mentale und psychische Gesundheit offen zu sprechen.

Einsamkeit ist ein relevantes und zunehmendes Problem, auch an Hochschulen. Julia Seiffert

TK: Soziale Kontakte gelten als ein Schlüssel für mentale Gesundheit. Wie groß ist das Problem der Einsamkeit an den Hochschulen?

Julia Seif­fert M.A.

Julia Seiffert M.A., Leiterin des studentischen Gesundheitsmanagements an der Universität Potsdam Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiterin des studentischen Gesundheitsmanagements an der Universität Potsdam

Seiffert: Einsamkeit ist ein relevantes und zunehmendes Problem, auch an Hochschulen. Internationale Studien zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Studierenden sich sozial isoliert fühlt, trotz formaler Kontakte im Studium. Besonders betroffen sind Erstsemester, internationale Studierende und Personen im digitalen oder hybriden Studium. Soziale Isolation und Einsamkeit können die psychische Gesundheit entscheidend beeinflussen, weil mit ihr wichtige Ressourcen für das Wohlergehen fehlen.

Dr.Tschorn: Unsere Daten aus Berlin und Brandenburg haben sehr deutlich gezeigt, dass weniger erlebte soziale Unterstützung mit stärkeren depressiven Symptomen und einer schlechteren subjektiven Gesundheit einhergeht. Beziehungsstatus oder Wohnform spielten dagegen keinen eigenständigen Unterschied - entscheidend ist also die Qualität des Rückhalts, nicht alleine die Tatsache, ob ich in einer Beziehung bin oder in einer Wohngemeinschaft lebe. 

Auch bundesweit sehen wir Hinweise, dass soziale Einbindung zurückgeht und Stress sowie Erschöpfung zunehmen; viele Studierende berichten weniger Sozialkontakte und häufiger Einsamkeitsgefühle im digitaleren Studienalltag. Das passt zu unserem Befund, dass fehlender Rückhalt ein wichtiger Risikofaktor ist.

Prävention sollte soziale Netze im Studienalltag stärken. Dr. Mira Tschorn

TK: Welche Rezepte gibt es gegen Vereinsamung? Was können Hochschulen, was können Studierende selbst tun?

Dr.Tschorn: Prävention sollte soziale Netze im Studienalltag stärken (Peer-Programme, Mentoring, Ankommens-/Onboarding-Formate, sozial eingebettete Lern- und Bewegungsangebote).
In unserer laufenden HAY-Studie an der Uni Potsdam vertiefen wir genau diese Themen (psychische Gesundheit, soziale Einbindung, Studienbedingungen); die Analysen laufen - wir erwarten hier weitere Anhaltspunkte, welche konkreten Unterstützungsformen besonders wirksam sind.

Seiffert: Gegen Vereinsamung hilft vor allem, Begegnungen leicht zu machen. Dazu gehört ein gut auffindbares Wegweisersystem - online und auf dem Campus -, welches schnell zu Beratung, Unisport, Kultur, Buddy- und Mentoring-Angeboten führt. Ein Campus, auf dem man gern bleibt, wirkt ebenso: offene Lern- und Aufenthaltsräume, längere Öffnungszeiten, kleine, regelmäßige Formate wie Lern-Sessions oder Spaziergruppen. 

Wichtig ist außerdem, studentische Initiativen stärker zu unterstützen: mit Räumen, kleinen Budgets, Technik - und einer zentralen, übersichtlichen Terminseite. Studierende selbst können schon viel bewegen, wenn sie klein anfangen, zum Beispiel im Seminar ein Lerntandem vorschlagen oder eine Chatgruppe starten.

Zur Person

Dr. Mira Tschorn ist Psychologin und psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt klinische Psychologie und Psychotherapie sowie Gesundheitspsychologie an der Freien Universität Berlin. Inhaltliche Schwerpunkte ihrer Forschung und Lehre sind die psychische Gesundheit über die Lebensspanne, mentale Gesundheit von Studierenden, soziale und ökologische Determinanten seelischer Gesundheit sowie verhaltenstherapeutische Interventionen.

Julia Seiffert M.A., leitet an der Universität Potsdam das studentische Gesundheitsmanagement. Mit politikwissenschaftlichem Hintergrund und Schwerpunkt auf Bildung und psychische Gesundheit besitzt sie neben Erfahrungen im Mentoring und in der Lehre langjährige Expertise in der Projekt- und Programmkoordination sowie in der Maßnahmenevaluation. An der Universität Potsdam trägt sie Verantwortung für Strukturaufbau, Strategie und Umsetzung gesundheitsfördernder Maßnahmen für über 20.000 Studierende.