"Internet und soziale Netzwerke sind jederzeit verfügbar. Dabei verwischen die Grenzen zwischen sinnvollem und ungesundem Medienverhalten oft schneller, als uns bewusst ist. Was als Zeitvertreib oder Notwendigkeit beginnt, kann sich schleichend zu einem problematischen Umgang mit digitalen Medien entwickeln. Häufig geschieht das so unauffällig, dass Betroffene es erst bemerken, wenn der Medienkonsum das eigene Leben negativ beeinflusst", sagt Kai Müller, Psychologe und Wissenschaftler an der Ambulanz für Spielsucht der Universitätsmedizin Mainz und Mitglied im Fachverband Medienabhängigkeit. Er ist Gast der ersten Staffel des Podcasts "Mediensucht verstehen", den die Hessische Landesstelle für Suchtfragen (HLS) im September 2025 gestartet hat. Die TK in Hessen fördert das Projekt.

Es kann jede und jeden treffen

Ein Teenager kompensiert Frust über die Mathe-Hausaufgaben mit ein paar Runden Fortnite. Ein Mädchen scrollt abends durch TikTok und Instagram, auf der Suche nach Likes und Bestätigung. Ein Mann in den Dreißigern entspannt sich nach der Arbeit mit Pornos - zunächst nur kurz. Eine Frau verliert sich nach einer Trennung in Facebook-Posts und Streaming-Formaten, um sich weniger einsam zu fühlen. Eine Sechzigjährige teilt zunehmend Fotos und Nachrichten über WhatsApp, um den Anschluss an Familie und Freunde zu halten. Ein Senior vertreibt sich mit Nachrichten-Apps die Langeweile. So weit, so harmlos? 

Alltägliche Gewohnheiten können allmählich in eine emotionale Abhängigkeit führen. Kai Müller

Es sind oft alltägliche Gewohnheiten wie diese, die allmählich in eine emotionale Abhängigkeit führen können, unabhängig von Alter oder Lebenssituation. Zwar unterscheiden sich Auslöser und Ausdrucksformen, doch das Grundmuster bleibt gleich:

Gefährlicher Kreislauf

Mediensucht entsteht selten plötzlich; sie entwickelt sich meist schrittweise. Digitale Angebote sind gezielt darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden: Likes, Benachrichtigungen und ständig neue Inhalte reizen das Belohnungssystem im Gehirn. Jedes Mal, wenn wir eine neue Nachricht erhalten oder ein spannendes Video ansehen, wird Dopamin ausgeschüttet - ein Botenstoff, der ein Hochgefühl erzeugt und motiviert, immer mehr von der vermeintlichen Belohnungsquelle haben zu wollen. Mit der Zeit gewöhnt sich das Gehirn an diese Belohnung, sucht sie immer häufiger und steigert so das Bedürfnis nach weiterer Nutzung. Was als harmlose Ablenkung begann, kann dazu führen, dass Betroffene stundenlang vor ihren Geräten sitzen, Freundschaften und Hobbys vernachlässigen und unruhig oder gereizt werden, wenn sie offline sind.

Negative Stimmungen wie Einsamkeit, Stress, Angst oder Unsicherheit können mit einer Mediennutzung überdeckt werden. Kai Müller

Mit Medien negative Gefühle überdecken

"Häufig spielen auch persönliche Faktoren eine Rolle", sagt Müller. "Menschen, die sich einsam fühlen, unter Stress stehen oder mit Angst und Unsicherheit kämpfen, nutzen Medien, um negative Gefühle zu überdecken . Doch dadurch verfestigt sich der Konsum oft als einzige Bewältigungsstrategie - ein Kreislauf, der schwer zu durchbrechen ist."

Eine Mediensucht oder Internetnutzungsstörung gilt als klinisches Krankheitsbild, das nach internationalen Klassifikationssystemen für psychische Erkrankungen klar definierte Kriterien erfüllt. In Deutschland sind laut Müller etwa ein bis zwei Prozent der Gesamtbevölkerung betroffen. Besonders häufig tritt die Störung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf; hier liegt der Anteil der Betroffenen bei rund fünf Prozent, Tendenz steigend.

Mediensucht ist kein einheitliches Krankheitsbild, sondern umfasst verschiedene Ausprägungen problematischen Medienverhaltens. Zu den häufigsten Varianten zählt die Social-Media-Sucht: Das ständige Überprüfen von Likes, Kommentaren oder neuen Beiträgen dient dabei vor allem der Suche nach sozialer Bestätigung. Beim Online-Gaming stehen exzessives Spielen, Leistungsstreben oder die Flucht aus der Realität im Vordergrund. Wenn aus scheinbar harmlosen Streams nächtelange Serienmarathons werden, spricht man von einer Streaming- oder Serienabhängigkeit. Auch das dauerhafte Bedürfnis, online zu sein und negative Nachrichten in sozialen Medien oder Nachrichtenportalen zu lesen oder pausenlos durch Feeds zu scrollen, obwohl man dies als belastend empfindet, kann auf eine Internetsucht hindeuten.

Was macht problematischen Medienkonsum aus?

Mediensucht unterscheidet sich vom intensiven, aber kontrollierten Mediengebrauch gerade durch das Gefühl, nicht mehr davon loskommen zu können. Ein typisches Signal ist daher der Kontrollverlust. Betroffene wissen zwar, dass sie zu viel Zeit online verbringen, schaffen es aber nicht, aufzuhören. Wenn kein Zugang zu Medien möglich ist, treten oft Unruhe, Gereiztheit oder Nervosität auf. Auch soziale Rückzüge, Leistungsabfall in Schule oder Beruf und das Vernachlässigen anderer Interessen sind Anzeichen einer Abhängigkeit.

Digitale Medien sind aus unserem Alltag nicht wegzudenken - doch der gesunde Umgang lässt sich lernen. Kai Müller

Digitale Medien sind aus unserem Alltag nicht wegzudenken - doch der gesunde Umgang lässt sich lernen.  Entscheidend ist dabei nicht, wie viel Zeit wir online verbringen, sondern welche Rolle Medien in unserem Leben spielen.

Info

Der Podcast "Mediensucht verstehen" der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) startete im September 2025. Fachleute aus Wissenschaft und Praxis erklären darin, was Anzeichen für einen problematischen Umgang mit Medien sind und geben Tipps zur Selbsthilfe. Gastgeberin ist Saskia Rößner, Projektkoordinatorin bei der HLS. Geplant sind fünf Staffeln bis Ende 2027, jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunktthemen rund um digitale Gesundheit. Die zweite Staffel widmet sich ab April 2026 dem Thema Computerspielsucht. 
Der Podcast "Mediensucht verstehen" ist auf dem YouTube-Kanal @webcareplus und auf allen gängigen Podcast-Plattformen abrufbar. Gefördert wird das Projekt durch die Techniker Krankenkasse (TK) in Hessen. Weitere Angebote der TK zum Thema Medienkompetenz gibt es hier.

Wege aus der Mediensucht

"Mediensucht ist kein persönliches Versagen, sondern eine ernstzunehmende psychische Erkrankung", erklärt Müller. Mit professioneller Unterstützung und neuen Routinen lasse sich ein bewusster und gesunder Umgang mit digitalen Medien erlernen. Der erste Schritt sei häufig die ehrliche Selbstreflexion und die Frage: Wie viel Zeit verbringe ich wirklich vor dem Bildschirm - und womit könnte ich diese Zeit stattdessen füllen?

Darüber hinaus empfiehlt Müller, regelmäßig medienfreie Zeiten oder ganze Tage ohne Smartphone und soziale Medien einzuplanen. Apps zur Begrenzung der Bildschirmzeit können dabei unterstützen, feste Offline-Zeiten einzuhalten. Sinnvoll ist es auch, alternative Aktivitäten in den Alltag zu integrieren - etwa Sport, kreative Hobbys, Treffen mit Freunden oder Erlebnisse in der Natur. Wenn es trotz aller Bemühungen nicht gelingt, die Nutzung selbst zu kontrollieren, kann ein Gespräch mit dem Hausarzt oder einer professionellen Suchtberatungsstelle hilfreich sein, um Unterstützung und geeignete Strategien zu finden. In schwerwiegenden Fällen ist es aus Sicht von Kai Müller empfehlenswert, eine störungsspezifische ambulante oder auch stationäre Psychotherapie wahrzunehmen.

Zur Person

Der Diplompsychologe Dr. Kai W. Müller ist Mitglied des wissenschaftlichen Leitungsteams der Ambulanz für Spielsucht an der Universitätsmedizin Mainz und gilt international als anerkannter Experte in der Diagnostik und Therapie von Verhaltenssüchten. Er forscht unter anderem zu Epidemiologie, Neurobiologie und Identifikation von Risikofaktoren verschiedener Formen von Internetnutzungsstörungen. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Entwicklung und Evaluation entsprechender diagnostischer Verfahren. Im Rahmen der Entwicklung der ersten S1-Leitlinie "Diagnostik und Behandlung von Internetnutzungsstörungen" leitete Müller die Ausarbeitung des Abschnitts zur suchtartigen Nutzung Sozialer Netzwerke. Zudem ist er Autor zahlreicher nationaler und internationaler Fachpublikationen.