TK: Herr Blaser, welche Chancen bietet die Digitalisierung für kleine und mittlere Krankenhäuser bei der Behandlung von Patienten, insbesondere in strukturschwachen Gebieten?

Jochen Blaser: Die Digitalisierung ermöglicht den Zugang zu Expertenwissen. Dieses Expertenwissen ist für Kliniken in strukturschwachen Gebieten häufig schwierig vorzuhalten. Ein Bereich, in dem das sehr gut funktioniert, ist zum Beispiel die Schlaganfallversorgung: CT-Bilder werden an ein Expertenzentrum gesendet, so dass eine schnelle fundierte Therapieempfehlung erfolgen oder eine zeitnahe fundierte Entscheidung getroffen werden kann, ob gegebenenfalls eine Verlegung in ein überregionales Krankenhauszentrum notwendig ist. 

Für die Behandlungsqualität bietet der Einsatz einer Telematiklösung zwischen Zentren und anderen Kliniken für alle Beteiligten - einschließlich der Patienten - große Vorteile. In Niedersachsen wird dies in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) oder auch im Klinikum Braunschweig schon seit mehreren Jahren praktiziert. Künftig wäre es sinnvoll, solche Telematik-Lösungen bei der Krankenhausplanung mit zu berücksichtigen, beispielsweise im Bereich der Neurologie.

TK: Herr Prof. Wichelhaus, Worin sehen Sie derzeit die größten Engpässe im Hinblick auf die Umsetzung von Digitalisierungsstrategien?

Prof. Dr. Dr. Daniel Wichel­haus

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Professor für BWL an der Hochschule Hannover

Prof. Daniel Wichelhaus: Es gibt zwei Beschränkungen bei der Umsetzung der Digitalisierung in kleinen oder mittelgroßen Krankenhäusern.

Die erste Beschränkung liegt darin, dass die EDV-Investitionen grundsätzlich über die pauschalen Fördermittel durch das Bundesland finanziert werden. Da die pauschale Bettenförderung seit Jahren gedeckelt ist, ist es schwer, daraus finanzielle Mittel abzuzweigen. Hinzu kommt, dass die Bundesländer ihren Investitionsfinanzierungen nicht in ausreichender Weise nachkommen und daher die Krankenhäuser nach Aussage der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) rund 50 Prozent der Krankenhausinvestitionsmittel selbst aufbringen müssen. Darüber hinaus werden Investitionen in Digitalisierung nur dann wirtschaftlich sinnvoll sein, wenn ein entsprechendes Fallvolumen vorhanden ist. Denn nur dann können der technische und finanzielle Aufwand für die Implementierung und Anbindung an das Krankenhausinformationssystem sowie die Lizenz- und Trainingskosten über die Einnahmen wieder generiert werden. 

Die zweite Hürde ist die Rekrutierung von entsprechendem EDV-Fachpersonal. In Deutschland versuchen derzeit fast alle Unternehmen, die Digitalisierung umzusetzen und haben einen entsprechenden Bedarf an Fachkräften. Ein kleines Krankenhaus in ländlicher Umgebung wird sich deshalb unter Umständen mit der Rekrutierung des entsprechenden Fachpersonals schwertun. 

Übertragen kann man hier vermutlich die Erfahrungen dieser Krankenhäuser bei der Rekrutierung von Ärzten. Gegebenenfalls müssen Preise über dem durchschnittlichen Marktniveau bezahlt werden, um überhaupt Personal gewinnen zu können. Andererseits bietet die Digitalisierung auch neue Möglichkeiten. Überträgt man etwa die Möglichkeit der Telemedizin auf die IT-Unterstützung, so können viele administrative Tätigkeiten auch von Ferne gelöst werden. Dann werden im Krankenhaus selber nur wenige IT-Mitarbeiter eingesetzt. Dadurch können mehrere Krankenhäuser eine gemeinsame IT-Abteilung aufbauen und die Kosten entsprechend aufteilen.

TK: Herr Blaser, worin sehen Sie die Vorteile der elektronischen Patientenakte?

Blaser: Derzeit sind Daten von Patienten bei Akutereignissen in den Krankenhäusern häufig nicht vollständig vorhanden. So muss das aufnehmende Krankenhaus gegebenenfalls bei vorherigen Krankenhäusern anrufen, um sich nach notwendigen Unterlagen zu erkundigen. Durch die Speicherung der Daten in der elektronischen Akte kann dagegen schnell und ortsunabhängig auf die notwendigen Daten zugegriffen werden. Ein Vorteil der gesetzlichen Lösung ist auch die Einhaltung des Datenschutzes. Der Patient hat die Datenhoheit und entscheidet, wer die Daten erhält. Weder die Krankenkasse noch ein dritter gewerblicher Anbieter können auf die Daten zugreifen. Derzeit ist die Anbindung der Krankenhäuser an die Telematikinfrastruktur (TI) noch nicht vollständig gewährleistet, da noch keine geeigneten Konnektoren am Markt verfügbar sind. Sofern die geeigneten Konnektoren bereitstehen, sind die Krankenhäuser ab März 2021 über die TI an die elektronische Patientenakte (ePA) angebunden und können die relevanten medizinischen Informationen nutzen.

TK: Herr Prof. Wichelhaus, können kleine spezialisierte Kliniken Wettbewerbsvorteile aus der Digitalisierung für sich generieren und falls ja, welche?

Prof. Wichelhaus: Spezialisierte Einrichtungen können einigen Nutzen aus der Digitalisierung ziehen. Sie haben den Vorteil, dass sie wirtschaftlich besser dastehen und Investitionen in ein Expertensystem aufgrund einer hohen Fallzahl für sie wirtschaftlich umsetzbar sind. So können zusätzlich neue Leistungen angeboten und die Einbindung von Patienten und Einweisern verstärkt werden.

Die Möglichkeit des Zugriffs auf medizinisches Spezialwissen durch die Möglichkeiten der Digitalisierung stellt darüber hinaus eine wesentliche Verbesserung der medizinischen Versorgung im Krankenhaus dar. Durch das schnelle Wachstum des medizinischen Wissens ist es mittlerweile auch für viele anerkannte Spezialisten herausfordernd, auf Basis der neuesten, aktuellen, weltweiten Studienlage die richtige Entscheidung hinsichtlich der Indikations- bzw. Therapiestellung für den Patienten zu treffen. Die Möglichkeiten des gezielten Einsatzes von strukturiert wiedergegebenem Wissen ergeben im medizinischen Betrieb völlig neue Einsatzfelder.

TK: Herr Blaser, wie ist Ihr abschließendes Fazit: Ist die Digitalisierung im Krankenhausbereich ein "Game Changer", oder wird sich der bestehende Trend hin zu Spezialisierung und zu größeren Kliniken fortsetzen?

Blaser: Für die kleineren und mittleren Krankenhäuser ergeben sich durch die Möglichkeiten der Digitalisierung Chancen, ihre Marktposition innerhalb eines begrenzten Rahmens zu verbessern. Dabei kommt es letztlich wieder auf den Zusammenhang zwischen Fallzahl, Qualität und Wirtschaftlichkeit an. 

Ein Krankenhaus, das zum Beispiel viele onkologische Patienten behandelt, hat eine hohe Expertise (Diagnostik, Operationsmöglichkeiten und technische Ausstattung), in der Folge eine gute Qualität und letztlich eine hohe Wirtschaftlichkeit. Für Krankenhäuser mit geringerer Fallzahl wäre beispielsweise eine KI-basierte Software zu teuer, zumal die Expertise bei Operationen dadurch nicht ersetzt wird. Möglich ist dagegen der Anschluss beziehungsweise die Vernetzung mit großen Einrichtungen, wie zum Beispiel in der bereits erwähnten Telematik-Schlaganfallversorgung. 

Ein "Game Changer" ist der Einsatz digitaler Technologien für kleinere und mittlere Krankenhäuser insgesamt nicht. Der Trend hin zu höherer Spezialisierung und Konzentration der Krankenhäuser wird letztlich fortgeführt. Allerdings verbessert sich die Qualität vor Ort durch den Zugriff auf die Experten eines Zentrums.

TK: Vielen Dank!
 

Zur Person

Prof. Dr. Dr. Daniel Wichelhaus ist Arzt und Professor für BWL an der Hochschule Hannover. In den vergangenen zwölf Jahren war er Geschäftsführer der Hannover School of Health Management GmbH. Zuvor war er sechs Jahre lang Unternehmensberater. Davor hat er zehn Jahre in der medizinischen Grundlagenforschung, klinisch pharmazeutischen Forschung und als Uniklinikarzt gearbeitet.

Das Spezialgebiet von Daniel Wichelhaus ist "BWL for People who hate BWL". Seit über zwölf Jahren bietet er Krankenhausmitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem ärztlichen sowie Pflege-, Funktions- und Verwaltungsdienst Seminare zu den Themen Führung, Kommunikation und Grundlagen der Krankenhaus-BWL an. Dazu nutzt er insbesondere Unternehmensplanspiele und Simulationen.

Prof. Dr. Dr. Daniel Wichelhaus studierte von 1985 bis 1992 an den Universitäten LMU München, Wien, Pierre et Marie Curie Paris sowie Sorbonne Paris, Complutence de Madrid und Oxford. 1993 schloss er seine Promotion zum Doctor of Philosophy an der University of Oxford ab. 1994 promovierte er an der Ludwig Maximilians Universität München zum Doktor der Medizin.