„Die Migräne-App ist wie ein Cockpit“
Interview aus Schleswig-Holstein
Seit zehn Jahren unterstützt die Migräne-App Menschen dabei, ihre Beschwerden im Alltag im Blick zu behalten und die Behandlung gezielt zu steuern. Im Interview spricht Prof. Dr. Hartmut Göbel über die Entstehung der App, ihre langfristige Nutzung und die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz.
Seit zehn Jahren begleitet die Migräne-App Menschen mit Migräne im Alltag. Entwickelt wurde sie gemeinsam von der Techniker Krankenkasse (TK) und der Schmerzklinik Kiel. Im Interview spricht Prof. Dr. Hartmut Göbel, Ärztlicher Direktor der Schmerzklinik Kiel, darüber, wie die Idee zur App entstand, was die aktuelle Befragung über ihre Nutzung zeigt und welche Rolle Künstliche Intelligenz künftig spielen kann.
TK: Herr Professor Göbel, die Migräne-App wird zehn Jahre alt. Was war 2016 die Idee hinter der Entwicklung?
Prof. Dr. Hartmut Göbel: Unser Ziel war von Anfang an, die Versorgung von Menschen mit Migräne zu verbessern. Wir wollten Betroffenen ermöglichen, den Verlauf ihrer Kopfschmerzen digital im Blick zu behalten. Gleichzeitig sollten Ärztinnen und Ärzte Informationen erhalten, die ihnen helfen, die Therapie zu beurteilen und zu steuern.
Die Idee hat allerdings eine längere Vorgeschichte. Bereits in den 1990er-Jahren habe ich die internationale Kopfschmerzklassifikation für den Computer umgesetzt. Später kam die Überlegung: Wir müssen diese Möglichkeiten in die Hosentasche bringen. Als Smartphones immer leistungsfähiger wurden, konnten wir schließlich eine umfassende Versorgungs-App entwickeln. 2016 entstand daraus gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse die Migräne-App in ihrer heutigen Form.
#SegelSetzen mit Prof. Dr. Hartmut Göbel
TK: Was haben Patientinnen und Patienten konkret von der Migräne-App?
Göbel: Das Kernstück ist der Kopfschmerzkalender. Für die Migränetherapie muss ich wissen: Wie viele Kopfschmerztage habe ich im Monat? Wie häufig nehme ich Medikamente ein? Wie wirken sie? Und funktioniert meine vorbeugende Behandlung? Genau diese Informationen können Betroffene mit der App dokumentieren und auswerten.
Davon profitieren auch Ärztinnen und Ärzte. Sie können im Gespräch direkt sehen, wie sich die Migräne entwickelt hat und ob eine Behandlung wirkt. Ich vergleiche das gerne mit dem Cockpit eines Autos: Dort sehe ich auf einen Blick Geschwindigkeit, Drehzahl oder Motortemperatur. Ein solches Cockpit bietet die Migräne-App für den Kopfschmerzverlauf. Das hilft dabei, die Therapie gezielter zu steuern.
TK: Eine neue Befragung untersucht, wie die App tatsächlich genutzt wird. Hat Sie dabei etwas überrascht?
Göbel: Besonders bemerkenswert finde ich, wie langfristig die App genutzt wird. Die Menschen laden sie nicht herunter, probieren sie kurz aus und vergessen sie dann wieder. Viele verwenden sie über Monate und Jahre, manche bereits seit sechs oder sogar zehn Jahren.
Das zeigt, dass die App für viele Menschen einen dauerhaften Wert im Umgang mit ihrer Migräne hat. Sie können ihren Verlauf besser nachvollziehen und die Informationen auch in die ärztliche Behandlung einbringen. Genau diese Verbindung zwischen dem Alltag der Betroffenen und der Behandlung war von Anfang an ein wichtiger Gedanke der Migräne-App.
TK: Die Migräne-App ist keine App auf Rezept. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?
Göbel: Als die Migräne-App entstand, gab es Digitale Gesundheitsanwendungen in der heutigen Form noch gar nicht. Uns ging es auch nie darum, daraus ein kommerzielles Modell zu entwickeln. Der Kerngedanke war eine bessere Versorgung.
Deshalb haben wir uns entschieden, die App frei zugänglich zu halten. Sie kann ohne Rezept, ohne Freischaltung durch eine Krankenkasse und unabhängig von der jeweiligen Krankenkasse genutzt werden - und zwar nicht als eingeschränkte Version, sondern mit dem gesamten Angebot. Diesen niedrigschwelligen Zugang wollten wir erhalten.
TK: Die App von heute kann deutlich mehr als vor zehn Jahren. Was hat sich verändert?
Göbel: Die Migräne-App wurde kontinuierlich weiterentwickelt. Am Anfang stand vor allem die Dokumentation der Kopfschmerzen im Mittelpunkt. Inzwischen können Betroffene beispielsweise Kopfschmerzexpertinnen und -experten in ihrer Nähe finden, Entspannungstrainings nutzen oder sich in einer Community mit anderen Betroffenen austauschen.
Hinzugekommen sind auch physiotherapeutische Übungen für die Halswirbelsäule. Ganz neu ist ein KI-gestütztes Angebot, über das Nutzerinnen und Nutzer Fragen stellen können. Die Antworten basieren dabei auf fachlichem Wissen, etwa aus Leitlinien, Fachinformationen und Lehrbüchern.
TK: Wenn wir nach zehn Jahren nicht zurück-, sondern nach vorne schauen: Wie soll sich die Migräne-App weiterentwickeln?
Göbel: Ein wichtiger Punkt wird die weitere Personalisierung sein. Die App soll Menschen noch besser dabei unterstützen, aus ihrem individuellen Verlauf Erkenntnisse für ihre Versorgung zu gewinnen. Auch Künstliche Intelligenz eröffnet hier neue Möglichkeiten, indem Betroffene gezielt Fragen stellen und auf fundiertes Fachwissen zugreifen können.
Gleichzeitig wollen wir die App pragmatisch halten. Digital lässt sich heute eine enorme Menge an Daten sammeln. Aber mehr Daten bedeuten nicht automatisch eine bessere Versorgung. Die Migräne-App soll übersichtlich und praktikabel bleiben und den Menschen genau die Informationen geben, die ihnen im Alltag und für ihre Behandlung wirklich helfen.