Bereits im Herbst 2023 begann dann in der TI-Modellregion "Hamburg und Umland" die Pilotierung einzelner digitaler Anwendungen und Dienste. Dazu zählten in der ersten "Basispilotierung" die Funktionalitäten elektronisches Rezept (E-Rezept), die Anwendungen der Kommunikation im Medizinwesen (KIM) sowie die elektronische Patientenakte (ePA).

Markus Habetha, Projektleiter der TI-Modellregion Hamburg & Umland, berichtet im Interview, wie die Basispilotierung im Versorgungsalltag etwa der Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken wahrgenommen wurde, welche Ergebnisse die Evaluation zeigt und wie diese Ergebnisse nun künftig die Digitalisierung im Gesundheitswesen unterstützen sollen.

TK: Herr Habetha, können Sie uns anhand einzelner Beispiele Ihre Eindrücke schildern, wie die ersten Piloten bei der Ärzteschaft, im Krankenhaus und in der Apotheke angekommen sind?

Markus Habetha: Insgesamt sind wir positiv überrascht, wie groß der Zuspruch für das Projekt seitens der Leistungserbringerinnen und Leistungserbringer ist. Das Engagement der beteiligten (Zahn-) Arztpraxen, Apotheken und Krankenhäuser ist groß, und die Bereitschaft sich einzubringen ist auch knapp ein Jahr nach Projektstart ungebrochen. Und das trotz der Herausforderungen, die sich durch technische Komplexitäten natürlich immer mal wieder als der berüchtigte "Sand im Getriebe" darstellen. Also wenn etwa die Stabilität oder Verfügbarkeit der Telematik-Infrastruktur - beispielsweise, dass der E-Rezept Fachdienst vorübergehend nicht erreichbar oder ein Neustart des Konnektors vor Ort erforderlich ist - noch nicht so bereitsteht, wie es sich alle wünschen.

Ein Schlüsselerlebnis der frühen Vorbereitungsphase (Mai 2023) aus einem der ersten gemeinsamen Projekttermine war die Bitte der Apotheken, doch seitens der (Zahn-)Arztpraxen und Kliniken mehr E-Rezepte auf den Weg zu bringen, um gemeinsam Erfahrung sammeln zu können. Im direkten Austausch in einem moderierten Setting hat sich daraus ganz schnell ein fruchtbarer Dialog in der Sache entwickelt, von dem alle Beteiligten sehr profitiert haben und wodurch wir mit dem E-Rezept sehr früh erste Erfahrungen sammeln konnten.

Aus dem interdisziplinären Austausch hat sich ein beeindruckender Drive entwickelt, der sowohl viel gegenseitige Unterstützungsbereitschaft triggert als auch die gegenseitige Motivation immer wieder auffrischt. Dieser Spirit trägt uns seit Beginn an durch das Projekt und belebt die organisations-übergreifende Zusammenarbeit immer wieder aufs Neue.

Markus Habetha

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Projektleiter der TI-Modellregion Hamburg & Umland

Das große gegenseitige Interesse von Leistungserbringern und Krankenkassen für die Details der Herausforderungen der jeweils anderen Seite hat sehr zur konstruktiven Zusammenarbeit beigetragen. Markus Habetha, Projektleiter der TI-Modellregion Hamburg & Umland.

TK: Kürzlich wurden in Hamburg die Ergebnisse der Evaluation der Basispilotierung vorgestellt. Wie sind sie Ergebnisse ausgefallen? Was hat Sie dabei besonders gefreut? Und was hätten Sie vielleicht auch nicht erwartet?

Habetha: Positiv überrascht hat uns die Erkenntnis, dass es kaum noch eine grundsätzliche Ablehnung der TI-Anwendungen gibt, weil alle Beteiligten dasselbe wollen: eine effiziente, mit weniger Bürokratie behaftete, bestmögliche medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten. Dabei spielt der schnelle und unkomplizierte Austausch der relevanten Informationen am Point of Care eine herausragende Rolle, zu dem eine sinnvolle Digitalisierung sehr viel beitragen kann.

Das große gegenseitige Interesse von Leistungserbringern und Krankenkassen für die Details der Herausforderungen der jeweils anderen Seite im Tagesgeschäft hat bei den gemeinsamen Themen, zum Beispiel der ePA oder der elektronischen Ersatzbescheinigungen, sehr zur konstruktiven Zusammenarbeit beigetragen. Das ist in unserem doch recht fraktionierten Gesundheitswesen ja nicht unbedingt selbstverständlich. Hier macht sich jetzt auch bemerkbar, dass wir in Hamburg bereits vor der Pandemie über die H3-Initiative beim Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen mit allen Beteiligten aus Versorgung, Krankenkassen, Verbänden und Politik ganz eng zusammengerückt sind.

Der digitale Austausch via KIM (Kommunikation im Medizinwesen) ist als Standardkommunikation weitestgehend akzeptiert und Fachgebiets- wie Sektoren-übergreifend höchst erwünscht. Dennoch gelang es im Rahmen der Basispilotierung, den Anteil der digital ausgetauschten Arztbriefe und Befunde auf lediglich knapp 30 Prozent anzuheben. Die Ursachen sehen wir vor allem in der bisher leider noch zu wenig komfortablen Suche nach der richtigen KIM-Adresse der Adressaten. Hier hatten wir mehr erwartet. Gleichzeitig ist dieses Ergebnis richtungsweisend für entsprechende Maßnahmen, die gemeinsam mit der gematik und den beteiligten Primärsystemherstellern angegangen werden können.

Dass die ePA in der heutigen Form so schwer im Versorgungsalltag nutzbar ist, trotz großer Bereitschaft und Experimentierfreudigkeit der Leistungserbringer, war dann schon sehr ernüchternd. Die Einstiegshürden für die Registrierung seitens der Versicherten sind bisher noch zu hoch, und der Mehrwert für die Nutzung im Versorgungsalltag rechtfertigt noch nicht den zusätzlichen Aufwand für die Leistungserbringer, um die ePA neben dem KIM-Verfahren zum Austausch von Behandlungsdaten zu nutzen. Hier benötigen wir dringend die Verbesserungen, wie sie mit der Spezifikation der "ePA für alle" inzwischen auch auf den Weg gebracht wurden

TK: Die Erfahrungen und Ergebnisse aus den Modellregionen sollen in den bundesweiten Flächenrollout einfließen. Was wird aus Hamburg konkret mitgenommen, und wie funktioniert der Transfer in die bundesweite Versorgung?

Habetha: Der Austausch zwischen den Modellregionen und der gematik erfolgt kontinuierlich und ist von großer Offenheit, Transparenz und beidseitiger Kooperationsbereitschaft geprägt. Zum Beispiel wurde die gematik aufgrund der oben beschriebenen Ergebnisse aus den Rückmeldungen der Leistungserbringer zum KIM-Verfahren bereits während der laufenden Pilotierung aktiv. Im gemeinsamen Austausch mit den Betreibern des Verzeichnisdienstes und Primärsystemherstellern wurden die Ergebnisse validiert und geeignete Maßnahmen zur Verbesserung eingeleitet. So kommen die Aktivitäten und Erkenntnisse aus den Modellregionen durch die damit initiierten Verbesserungen zukünftig allen Nutzerinnen und Nutzern in der bundesweiten Versorgung zugute.

TK: Können Sie uns zum Schluss noch verraten, wie es in den kommenden Monaten in der TI-Modellregion Hamburg und Umland weitergeht?

Habetha: Wir sind aktuell in den Vorbereitungen für die Pilotierung des TI-Messengers und freuen uns, damit eine neue, mobile und gleichermaßen innovative wie sichere Ergänzung zur etablierten Kommunikation via KIM zwischen Leistungserbringern anbieten und pilotieren zu können. Damit werden auch neue Zielgruppen wie ambulante und stationäre Pflege, Rehakliniken, aber auch Physiotherapie- oder Hebammenpraxen als Versorgungseinrichtungen eingebunden.

Im weiteren Verlauf wird voraussichtlich das TI-Gateway als Alternative zu den lokal in den Einrichtungen betriebenen "Ein-Box-Konnektoren" folgen und zum Jahreswechsel 2024/25 die "ePA für alle", die einen Meilenstein für die Digitalisierung in der Fläche für unsere Versorgung in Deutschland darstellen wird.

Hintergrund

Als eine von zwei TI-Modellregionen in Deutschland hat "Hamburg und Umland" als erste den Zuschlag erhalten. Das Bewerber-Konsortium rund um das ÄrzteNetz Hamburg e. V. vereint neben Arztpraxen, Apotheken und Kliniken und vielen weiteren Versorgungseinrichtungen des Gesundheitswesens auch weitere Netzwerk-Partner aus Industrie, von Verbänden und Krankenversicherungen. Die zweite Modellregion ist in Franken angesiedelt. Beide Modellregionen stehen über die gematik in intensivem Austausch.