"Wir setzen auf eine aktive Vorreiterrolle bei Digitalisierung und Vernetzung im Gesundheitswesen"
Interview aus Bremen
Mit Christian Boiselle hat die TK-Landesvertretung Bremen seit dem 1. August einen neuen Leiter. Der 40-jährige Gesundheitswissenschaftler war zuvor bei der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz der Freien Hansestadt Bremen tätig. Dort arbeitete er zunächst als Referent der ehemaligen Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt, später im Bereich der Kommunalen Kliniken. Im Interview spricht Boiselle über die Motivation und Themenschwerpunkte in seiner neuen Rolle.
TK: Herr Boiselle, zum 1. August haben Sie die Leitung der TK-Landesvertretung Bremen übernommen. Was hat Sie persönlich zu diesem Schritt motiviert?
Christian Boiselle: Ich habe die Techniker Krankenkasse (TK) als Akteurin im Gesundheitswesen erlebt, die mit Gestaltungsanspruch vorangeht. Als Leiter der Landesvertretung Bremen kann ich nun selbst meinen Teil dazu beitragen, dass wir fortschrittlich und innovativ agieren, neue digitale Angebote flächendeckend einführen und die Eigenverantwortung unserer Mitglieder stärken. Für mich bedeutet dies, die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern in Bremen und Bremerhaven die Zukunft der Versorgung aktiv zu gestalten.
Christian Boiselle
Ich habe die TK als Akteurin im Gesundheitswesen erlebt, die mit Gestaltungsanspruch vorangeht. Als Leiter der Landesvertretung Bremen kann ich nun selbst meinen Teil dazu beitragen.
TK: Wie sehen Sie die Aufgabe der TK als Interessenvertreterin ihrer Versicherten?
Boiselle: Die TK ist leistungsstark und trägt einen klaren Gestaltungsanspruch. Wir verstehen uns als Stimme unserer Versicherten und vertreten ihre Anliegen in Politik, Verbänden und im Gesundheitssystem. Dazu setzen wir uns für eine hohe Versorgungsqualität sowie eine zeitgemäße, bedarfsgerechte Versorgungslandschaft ein, und stärken unsere Versicherten in ihrer Eigenverantwortung, damit sie die eigene Gesundheit aktiv mitgestalten können.
TK: Die TK positioniert sich stark als Treiber der Digitalisierung. Welche konkreten Entwicklungen stehen bei Ihnen im Fokus?
Boiselle: Wir setzen auf eine aktive Vorreiterrolle bei der Digitalisierung und Vernetzung im Gesundheitswesen mit dem Ziel, die Versorgung unserer Versicherten immer weiter zu verbessern. Besonders im Fokus stehen dabei die Weiterentwicklung der elektronischen Patientenakte (ePA) sowie die Etablierung einer digitalgestützten Ersteinschätzung in Verbindung mit einer digitalen Terminvergabe, um die Menschen, orientiert am medizinischen Bedarf, schneller in die individuell passende Versorgungsform zu geleiten.
TK: Warum ist ein fairer Wettbewerb in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Sie wichtig?
Boiselle: Wettbewerb wirkt als Treiber für Qualität, Innovation und Wirtschaftlichkeit. Das gilt auch für ein effizientes Gesundheitswesen. Dabei stehen die gesetzlichen Krankenkassen nicht nur untereinander im Wettbewerb, sondern vor allem auch mit den privaten Krankenversicherungen (PKV). Hier herrschen jedoch ungleiche Voraussetzungen, die die GKV benachteiligen, so zum Beispiel bei den Beiträgen für Bürgergeldempfangende, bei denen die PKV nicht im gleichen Maße beteiligt ist. Für einen funktionierenden Wettbewerb im Gesundheitssystem müssen faire Rahmenbedingungen für gesetzliche und private Krankenversicherung herrschen.
TK: Welchen Fokus setzen Sie, wenn es darum geht, die Finanzen der GKV nachhaltig aufzustellen?
Boiselle: Für eine nachhaltige Finanzierung der GKV ist es wichtig, die Ausgabenseite in den Blick zu nehmen und die Beitragszahlenden und Arbeitgebenden nicht immer stärker zu belasten. Es ist ausreichend Geld im System, dieses muss aber besser verteilt werden.
TK: Was bedeuten die Ansätze der TK beim Thema Pflege für Pflegebedürftige und deren Angehörige?
Für eine nachhaltige Finanzierung der GKV ist es wichtig, die Ausgabenseite in den Blick zu nehmen und die Beitragszahlenden und Arbeitgebenden nicht immer stärker zu belasten.
Boiselle: Für uns steht die zukunftsfähige Versorgung von Pflegebedürftigen im Zentrum. Wir bieten digitale Informations- und Beratungsangebote, die pflegenden Angehörigen den Alltag erleichtern, und fördern innovative Pflegemodelle, die Digitalisierung nutzen. Gleichzeitig arbeiten wir an einer nachhaltigen Finanzierung der Pflege.
TK: Welche Schwerpunkte stehen in den kommenden Monaten ganz besonders im Fokus Ihrer Arbeit?
Boiselle: Die TK muss wieder stärker als aktiver Gestalter sichtbarer werden. Das Gesundheitswesen steht derzeit unter enormem Reformdruck - sei es durch die Krankenhausstrukturreform, die Notfallreform, die Entwicklungen in der Pflege oder nicht zuletzt durch die konkrete Ausgestaltung des Beitragsstabilisierungsgesetzes. In einer solchen Phase reicht es nicht, nur zu reagieren. Wir müssen mitgestalten, Position beziehen und Lösungen einbringen, die für Versicherte und für das System funktionieren.
Ein Thema darf dabei auf keinen Fall zu kurz kommen: die Prävention. Denn alles, was wir verhindern können, bevor es überhaupt zur Erkrankung kommt, spart am Ende unnötige Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung. Prävention ist deshalb nicht nur ein nettes Add-on, sondern ein zentraler Hebel für ein zukunftsfähiges, solidarisches Gesundheitssystem.