Wie kommen die Thüringerinnen und Thüringer in angemessener Zeit in die richtige Praxis?
Position aus Thüringen
Dass wir Patientinnen und Patienten viel konsequenter nach dem Motto "zur richtigen Zeit zur richtigen Versorgung" navigieren, ist auch in Thüringen ein drängendes Thema. Warum und wie das funktionieren kann, erklärt Guido Dressel.
Wenn ich ein medizinisches Problem habe, möchte ich Hilfe. So einfach ist das. Ich möchte die Sicherheit, gut versorgt zu werden. Was dafür im Detail nötig ist, hinterfragen die meisten Menschen erst, wenn sie sich nicht mehr gut versorgt fühlen. Wenn sie einen Mangel wahrnehmen.
Wir lesen und hören immer wieder von Thüringer Gemeinden, die händeringend eine allgemeinmedizinisch tätige Ärztin oder einen Arzt suchen oder von Landkreisen wie Greiz, dem Altenburger Land oder der Stadt Gera, die Medizinstudentinnen und -studenten während des Studiums Stipendien zahlen, wenn diese sich im Gegenzug verpflichten, nach ihrem Abschluss in der entsprechenden Gegend zu praktizieren.
Noch sind 90 Prozent der Menschen in Thüringen mit der hausärztlichen Versorgung zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Das wissen wir unter anderem aus einer repräsentativen Umfrage, die Forsa Ende vergangenen Jahres im Auftrag der TK im Freistaat durchgeführt hat. Die Hausärztinnen und Hausärzte in Thüringen machen eine tolle Arbeit. Die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen (KVT) rollt ihnen aus gutem Grund und mit Erfolg seit Jahren den
roten Teppich aus
.
Demografie macht am Bedarf orientierte medizinische Versorgung in Thüringen besonders drängend
Gleichzeitig warten 54 Prozent der Menschen in Thüringen mehr als vier Wochen auf einen Facharzttermin. Ein Drittel der Menschen im Freistaat ist lauf Forsa-Befragung mit der fachärztlichen Versorgung weniger zufrieden oder unzufrieden. Besonders schwierig scheint es für Erwerbstätige zu sein.
Aufgrund der demografischen Veränderungen stehen wir in Thüringen schneller als anderswo vor der Herausforderung, ein Gesundheitswesen mit weniger versorgenden Menschen zu organisieren. Dadurch ist es besonders im Interesse des Freistaats und der Menschen hier, den Zugang zur medizinischen Versorgung zeitnah klug zu steuern.
Die Bundesregierung hat sich ein sogenanntes Primärversorgungssystem in den Koalitionsvertrag geschrieben. Es soll dabei helfen, die drängende Frage zu lösen, wie sich das Thema Arzttermine beziehungsweise Zugang zu einer am Bedarf orientierten, medizinischer Versorgung insgesamt verbessern lässt.
Aus Sicht der TK ist dabei die wichtigste Frage: Wie kommen die Patientinnen und Patienten in angemessener Zeit zum passenden Arzt oder der passenden Ärztin. Und auch: Wie kann denjenigen weitergeholfen werden, die zwar ein medizinisches Anliegen haben, das aber nicht unbedingt von ärztlichem Personal behandelt werden muss?
Von historischen Mustern und Zufallsprinzip zu zielgenauer Unterstützung
Die Versorgungslandschaft im Gesundheitswesen ist oft von historisch gewachsenen Strukturen geprägt. Behandlungspfade folgen nicht konsequent dem Motto "zur richtigen Zeit zum richtigen Arzt", sondern historischen Mustern, Vergütungsanreizen oder dem Zufallsprinzip. Nicht selten entscheiden auch die persönliche Hartnäckigkeit, Beziehungen oder Gewohnheiten der Versicherten mit, wie und wann sie zum Arzt gehen beziehungsweise einen Termin bekommen. Vielleicht sind Erwerbstätige auch deswegen unzufriedener.
Guido Dressel
Ersteinschätzung für zielgenaue und faire Navigation
Es gibt bereits Ideen , das zu ändern. Auch wir haben ein Konzept entwickelt. Die TK wirbt zum einen dafür, dass vor jedem neuen Behandlungsanlass, einfach ausgedrückt: jedem neuen Problem, das einen veranlasst zum Arzt oder der Ärztin zu gehen, eine standardisierte, digitalgestützte Ersteinschätzung erfolgt. Die kann man entweder selbst durchführen, sich also durch eine digitale Abfrage klicken, oder sich von qualifizierten, nicht ärztlichen Fachkräften unterstützen lassen.
Wichtig ist, dass die gleiche Ersteinschätzung mit demselben Ergebnis vor jedem Arztkontakt durchlaufen wird. Egal, ob ich bei der 116117 anrufe, in der Arztpraxis am Tresen stehe oder die Einschätzung digital in der Kassen-App durchführe.
Die möglichen Ergebnisse dieser Ersteinschätzung reichen von selbstgesteuerter Gesundheitsfürsorge, über Chats mit Ärztinnen oder Ärzten und Videosprechstunde, Behandlung durch Ärztinnen und Ärzte oder qualifiziertes medizinisches Personal bis zum direkten Auslösen des Notrufs. Im ersten Fall können Krankenkassen die Versicherten gut beim Gesundwerden unterstützen.
Das Angebot soll außerdem eine digitale Terminvermittlung umfassen. Wer direkt und zügig einen Termin vermittelt bekommt, muss bei der Suche nach einer Behandlung nicht länger mühsam mehrere Praxen parallel anfragen - und fühlt sich hoffentlich auch besser versorgt.
Primärarzt ist nicht zwingend Facharzt für Allgemeinmedizin
Ist für die Behandlung ein Arztkontakt nötig, schlägt das System einen passenden Arzt beziehungsweise Ärztin vor. Das muss je nach Beschwerden nicht zwingend die Hausärztin oder der Hausarzt, in den meisten Fällen also ein Facharzt für Allgemeinmedizin, sein. Primärarzt wird, wer für das aktuelle Anliegen der richtige Arzt oder die richtige Ärztin ist. Er oder sie koordiniert eventuelle weitere Behandlungsschritte.
Medizinischer Bedarf bestimmt Arztkontakt, nicht die Abrechnungssystematik
Auch indem die Kooperation zwischen verschiedenen Fachgruppen verbessert wird und andere Gesundheitsberufe noch mehr Versorgungsaufgaben übernehmen, müssen Ärztinnen und Ärzte weiter entlastet werden.
Hinzu kommt, dass Versicherte so bei ihren Beschwerden unterstützt werden müssen, wie es aus medizinischer Sicht sinnvoll ist. Das schließt eine Prüfung und Anpassung der aktuellen Vergütungssystematik zwingend ein. Wieso ist es zum Beispiel nötig, dass chronisch kranke Menschen jedes Quartal zu ihrem Facharzt müssen, um ein neues Rezept für ein Medikament zu bekommen? Der Turnus für Kontrollen sollte sich am medizinischen Bedarf orientieren - und nicht an der Auslösung eines Quartalsfalls in der aktuellen Honorarabrechnungssystematik.