Die ambulante Versorgung in Deutschland steht unter Druck: lange Wartezeiten, unklare Versorgungswege, hohe Belastung für Praxisteams. Die Bundesgesundheitsministerin hat einen besseren Zugang zur ambulanten Versorgung für dieses Jahr auf die Agenda gesetzt. Im Interview mit Nico Dreißig, Experte für ambulante Versorgung bei der TK, sprechen wir über die aktuellen Herausforderungen, über Lösungsvorschläge und werfen einen Blick in die Zukunft der ambulanten Versorgung. 

TK: Viele Menschen klagen über lange Wartezeiten für Facharzttermine. Gleichzeitig sind die Ressourcen in den Arztpraxen knapp, die Belastung ist hoch. Wo liegen aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ursachen für die angespannte Situation in der ambulanten Versorgung?

Nico Dreißig: Es ist ein Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen. Zum einen sind es die historisch gewachsenen Strukturen des Systems. Die ambulante Versorgung ist im Grunde weitgehend unkoordiniert und auch die Vergütungslogik ist nicht so ausgestaltet, dass Patientinnen und Patienten auf schnellstem Wege an passender Stelle versorgt werden.

Auch Überweisungen führen nicht immer automatisch in geordnete Bahnen. Terminvergaben richten sich nicht immer nach der medizinischen Notwendigkeit. Hinzu kommt, dass die mit einer Überweisung verbundenen Informationsflüsse keinem strukturierten Prozess folgen. Das Gelingen des Informationsaustauschs hängt zu sehr von der Organisation der einzelnen Praxen und den Patienten selbst ab.

Zum anderen hat sich das Verhalten der Versicherten verändert. Das Gesundheitswissen und das Vertrauen in die eigene Einschätzung haben eher abgenommen. Viele gehen bei vergleichsweise kleinen Beschwerden in die Praxis, weil sie die Dringlichkeit ihrer Beschwerden schwer einordnen können und es kaum noch Zugangshürden gibt. Das ist menschlich verständlich, führt aber in der Summe zu einem hohen Aufkommen in den Praxen.

Nico Dreißig

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Experte für ambulante Versorgung bei der TK

TK: Die TK fordert ein Primärversorgungssystem mit einer standardisierten medizinischen Ersteinschätzung. Wie kann ein solches Modell konkret helfen, Menschen schneller und passender zu versorgen? Können Sie ein Beispiel nennen?

Dreißig: Der Ansatz ist zweistufig: Zuerst geht es um den Zugang in die Versorgung, dann um die Steuerung innerhalb der Versorgung. Beim Zugang hilft eine strukturierte Ersteinschätzung: Patientinnen und Patienten erfahren, ob sie mit ihrem Anliegen am besten in eine Hausarztpraxis, zu einer Facharztpraxis, in die Notfallversorgung oder vielleicht zunächst gar nicht in eine Praxis gehen sollten, sondern mit guten, niedrigschwelligen Gesundheitsinformationen besser beraten sind.

Es gibt typische Konstellationen: Je klarer und konkreter ein Beschwerdebild ist, desto eher ist der direkte Weg zum Facharzt sinnvoll. Die klassische Sportverletzung, wie zum Beispiel ein umgeknickter Knöchel, gehört meist in die orthopädische Abklärung. Der Umweg über den Hausarzt oder die Hausärztin bringt hier wenig. Anders ist es bei unspezifischen Beschwerden, etwa anhaltenden Spannungskopfschmerzen. Da ist die Hausarztpraxis der richtige erste Anlaufpunkt: Dort kann geklärt werden, ob eher Neurologie, Orthopädie, Psychosomatik oder etwas anderes gefragt ist. Stark vereinfacht sollte die Logik lauten: je unklarer die Beschwerden, desto eher die Hausarztpraxis - je klarer, desto eher die Facharztpraxis. 

Dazu kommt die Abgrenzung von Notfällen: Über Leitfragen müssen Warnsignale schnell erkannt werden, damit Betroffene nicht in einer Terminlogik "stecken bleiben", sondern unmittelbar in die Notfallversorgung kommen.

Auf der anderen Seite gibt es Situationen, in denen eine Arztpraxis gar nicht zwingend nötig ist, wie etwa Erkältungen, die am besten mit viel Ruhe und Tee zu Hause auskuriert werden. Hier ist es sinnvoll, dass die benötigte Krankmeldung digital und möglichst asynchron organisiert werden kann, ohne volle Wartezimmer und blockierte Termine für Menschen, die akut ärztliche Behandlung brauchen. 

TK: Welche Rolle spielt in diesem Konzept eine zentrale Terminplattform?

Dreißig: Eine Ersteinschätzung nützt wenig, wenn ich anschließend keinen passenden Termin bekomme. Wenn mir das System sagt: "Sie brauchen einen Facharzttermin", ich aber sechs oder sieben Wochen warten muss oder mich mühsam selbst durch Praxen telefonieren soll, ist das für viele Menschen schlicht unzumutbar, gerade bei starken Schmerzen oder eingeschränkter Mobilität. Die Terminplattform soll den nächsten Schritt unmittelbar ermöglichen: Wer Behandlungsbedarf hat, soll zeitnah konkrete Terminangebote sehen und direkt buchen können. Idealerweise werden zuerst die eigenen Stammpraxen vorgeschlagen. Gleichzeitig kann ich mich - je nach eingeschätzter Dringlichkeit - entscheiden: Warte ich lieber etwas länger und gehe zu meiner vertrauten Praxis oder nehme ich einen früheren Termin bei einer anderen Praxis wahr?

Das Gelingen des Informationsaustauschs hängt zu sehr von der Organisation der einzelnen Praxen und den Patienten selbst ab. Nico Dreißig, Experte für ambulante Versorgung

Wichtig ist dabei die enge Kopplung an die Praxisverwaltungssysteme: Verfügbare und gebuchte Termine müssen synchronisiert werden, damit es keine Doppelbelegungen gibt. 

TK: Viele Ärztinnen und Ärzte klagen über eine hohe Arbeitsbelastung. Wie kann ein Primärversorgungssystem hier tatsächlich entlasten - nicht nur die Ärztinnen und Ärzte, sondern das gesamte Praxisteam?

Dreißig: Die Effekte setzen an mehreren Stellen an. Wer durch eine Ersteinschätzung über die Terminplattform kommt, bringt zwei zentrale Informationen in die Praxis mit: eine vorläufige Einschätzung des Problems und einen definierten Termin. Beides zusammen erleichtert Planung und Ablauf. Wenn eine Praxis vorab weiß, welche Symptomatik sie erwartet, kann sie Zeitfenster besser dimensionieren und vorbereiten - von der Frage, ob bildgebende Verfahren nötig sein könnten, bis zur Einbindung anderer Berufsgruppen. Schon ohne zusätzliche medizinische Daten in der elektronischen Patientenakte (ePA) ist das ein Gewinn für die Praxen.

Wird die ePA, wie geplant, zukünftig zur zentralen medizinischen Informationsquelle, entstehen weitere Entlastungen. Patientinnen und Patienten könnten dann bereits bei der Terminbuchung der Praxis Zugriff auf relevante Informationen gewähren. So sieht die Praxis, ob und wie gut sie die Person kennt, welche Vorerkrankungen bestehen und welche Befunde vorliegen. Das macht eine noch zielgerichtetere Vorbereitung des Termins möglich.

Ganz praktisch reduziert eine digitale Terminorganisation auch das Telefonaufkommen. Heute sitzt in vielen Praxen morgens jemand stundenlang nur am Telefon, um Termine zu koordinieren. Wenn Buchung, Verschiebung und Absage strukturiert digital laufen, bleibt mehr Zeit für die eigentliche medizinische Arbeit - für Ärztinnen, Ärzte und Praxisteams. Natürlich bedeutet die Einführung neuer Systeme zunächst Mehraufwand. Entscheidend ist, dass der Nutzen im Alltag schnell spürbar wird und die Entlastung mittel- bis langfristig überwiegt. 

TK: Welcher konkrete politische, organisatorische oder technologische Schritt ist jetzt entscheidend, damit sich das neue Versorgungskonzept erfolgreich etabliert und langfristig die Versorgungsqualität verbessert? 

Dreißig: Zunächst braucht es eine klare gesetzliche Grundlage. Im Koalitionsvertrag ist das Thema Primärversorgung verankert, das heißt: Es wird eine Regelung kommen, die festlegt, welche Elemente umgesetzt werden sollen und wer wofür zuständig ist - im Gesundheitswesen sind dies üblicherweise zunächst der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) oder die gemeinsame Selbstverwaltung. Danach beginnt die eigentliche Umsetzungsarbeit.

Organisatorisch lässt sich an vorhandene Strukturen anknüpfen. Die bestehende Terminservicestelle, die 116 117, kann zu einer verpflichtenden, deutlich ausgebauten Terminplattform weiterentwickelt werden. Parallel muss das Verfahren der Ersteinschätzung im Gesetz verankert werden: Wo findet sie statt, für welche Anlässe ist sie vorgesehen, welche technischen und qualitativen Anforderungen gelten?

Aktuell sprechen Verantwortliche im Bundesgesundheitsministerium intensiv mit den Akteuren im System. Realistisch ist ein mehrjähriger Prozess. Selbst bei zügiger Gesetzgebung braucht es Zeit, bis Strukturen aufgebaut, getestet und flächendeckend etabliert sind. Für ein System von der Größe und Komplexität der ambulanten Versorgung ist das ein normaler Zeithorizont. Wichtig wird sein, nicht auf das perfekte System zu warten, sondern mit einer praxistauglichen Lösung zu starten und diese iterativ zu verbessern.

TK: Wenn wir zehn Jahre nach vorn schauen: Woran würden Sie erkennen, dass der Umbau hin zu einem Primärversorgungssystem geglückt ist?

Dreißig: Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Facharzttermin ist deutlich gesunken. Das wäre ein erstes, greifbares Erfolgskriterium. Hinzu kommen auch qualitative Aspekte: Fühlen sich die Wege durchs System verständlicher und geordneter an? Wie zufrieden sind Versicherte mit der Versorgung und wie bewerten Ärztinnen, Ärzte und Praxisteams ihre Arbeitssituation? Im besten Fall sind beide Seiten deutlich zufriedener und auch die Ergebnisse der medizinischen Versorgung qualitativ besser. Die ePA wird dann wie selbstverständlich genutzt, die Bürokratielast in den Praxen ist deutlich zurückgegangen und es bleibt mehr Zeit für die Behandlung der Patientinnen und Patienten, die sie auch dringend benötigen. 

TK-Position: Primärversorgungssystem

In der Position Faire Regeln bei Ersteinschätzung und Terminvergabe formuliert die TK konkrete Forderungen für die Ersteinschätzung und Terminplattform.