TK: Herr Haustein, Herr Schönherr-Hempel, was ist für Sie das Wichtigste am neuen Videokonsil zwischen Ärzten, Patienten und Pflegefachkräften?

Andreas Haustein: Unser Pflegepersonal erhält ganz neue Handlungssicherheit, wenn es sich im Rahmen der Krankenbeobachtung gemeinsam mit dem Arzt beraten kann. Und es geht ganz einfach auch um die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung. 

TK: Das müssen Sie jetzt genauer erklären.

Haustein: Die Arztdichte in unserer Region wird in absehbarer Zeit nicht besser. Das Videokonsil ist eine Lösung, mit der wir Patienten und Ärzten unnötige Fahrtzeiten abnehmen können. Unsere Pflegefachkräfte unterstützen die Mediziner auch bei Routinebehandlungen - natürlich fachlich geschult und unter ärztlicher Anleitung.

Andreas Haustein

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Geschäftsführer der Sozialbetriebe Mittleres Erzgebirge gGmbH

Heiko Schönherr-Hempel: Die Delegation ärztlicher Leistungen an Pflegefachkräfte ist ein ganz neuer Weg. Es geht um Blutentnahmen, Impfungen oder das Katheterisieren beim Mann. Das sind alles ärztliche Tätigkeiten, die nun auf juristischer Grundlage an das Pflegepersonal delegiert werden können. Wir als Träger haben die Aufgabe, das Personal zu qualifizieren. Ich halte das für eine Win-Win-Situation. Besonders auch für unsere Bewohner, denn sie bekommen bei uns auch weiterhin eine hohe Behandlungsqualität.

Die Delegation ärztlicher Leistungen an Pflegefachkräfte ist ein ganz neuer Weg.
Heiko Schönherr-Hempel

Ein Beispiel: Für das Legen eines Katheters bei einem männlichen Patienten sind wir bisher mit dem Bewohner bis nach Chemnitz in die Ambulanz gefahren. Wenn wir diesen belastenden Weg einsparen können, beeinflusst das die Lebensqualität positiv. Ähnliches gilt für Blutentnahmen, Impfungen oder das Entfernen von Fäden und Klammern bei OP-Wunden. Ich finde, das ist ein enormer Schritt in die richtige Zukunft.

Heiko Schön­herr-Hempel

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Leiter des KATHARINENHOF Wohnpark in Warmbad

TK: Waren die Ärzte von Anfang an dafür?

Schönherr-Hempel: In der Tat war bei den Ärzten ein bisschen Überzeugungsarbeit zu leisten, damit sie sich beteiligen. Besonders aufgeschlossen waren diejenigen, die bereits seit Jahren mehrere unserer Bewohner betreuen und unseren Qualitätsanspruch kennen. Es war auch wichtig, vor Ort die Mitarbeiter in den Arztpraxen zu informieren, wie die Prozesse laufen sollen.

TK: Und was sagen Ihre Mitarbeiter dazu?

Schönherr-Hempel: Zu Beginn haben unsere Pflegefachkräfte vor allem gefragt, ob sie genügend Zeit für die zusätzlichen Aufgaben zur Umsetzung des Projekts bekommen. Die Befürchtung war, es kommt jetzt irgendetwas "oben drauf". Diese Bedenken konnten wir schnell ausräumen. Unsere Pflegefachkräfte sind mittlerweile sehr stolz auf das Projekt und haben großes Interesse daran. Viele sehen darin eine positive Aufwertung der Behandlungspflege.

Haustein: Auf mehreren Personalveranstaltungen haben wir die Idee erklärt und Interesse und Verständnis geweckt. Unsere Mitarbeiter empfinden das Ganze als klare Qualitätsverbesserung für unsere Bewohner.

TK: Wie reagieren die Bewohner auf die neue Video-Visite?

Schönherr-Hempel: Ich muss als Beobachter über die Reaktionen unserer Bewohner manchmal schmunzeln, wenn sie plötzlich ihren Arzt im Monitor entdecken. Es ist faszinierend, wie aufgeschlossen die Bewohner mitmachen und wie schnell sich eine normale Behandlungssituation einstellt.

Mit der Datenbrille sieht der Arzt in hoher Auflösung genau das Gleiche wie die Pflegefachkraft vor Ort.
Andreas Haustein

Haustein: Natürlich ist es auch abhängig davon, welche Konstitution der Bewohner hat. Bei den aktiveren und mobileren Patienten funktioniert es absolut problemlos. 

TK: Wie läuft das Videokonsil in Ihren Pflegeeinrichtungen konkret ab?

Haustein: Wir haben uns mit den behandelnden Ärzten auf feste Zeiten für die Kontrollvisiten verständigt. Das ist alles abgestimmt mit den Praxen, damit die Videosprechstunden in den ärztlichen Arbeitsablauf integriert werden können. 

Schönherr-Hempel: In Warmbad war bis jetzt der W-LAN-Ausbau nicht möglich. Wir benutzen daher zunächst noch ganz "oldschool" eine LAN-Verbindung in unserem speziellen Behandlungszimmer. Wenn wir im ganzen Haus "Netz" haben werden, kann die Behandlung natürlich auch gleich im Bewohnerzimmer stattfinden. Das ist besonders wichtig für unsere bettlägerigen Pflegebedürftigen.

TK: Bestandteil des Projektes ist auch der Test einer speziellen Datenbrille. Wie funktioniert das?

Haustein: In Marienberg haben wir die Brille mit mehreren Patienten und Mitarbeitern bereits ausprobiert. Mit der Datenbrille sieht der Arzt in hoher Auflösung genau das Gleiche wie die Pflegefachkraft vor Ort. Der Arzt kann so Situation, Umfeld und Zustand des Bewohners besonders gut beurteilen. Die Geräte haben eine hervorragende Qualität und hohe Auflösung. Wir haben zwar noch keine dauerhafte Erfahrung im Alltag damit, aber die ersten Reaktionen stimmen uns sehr optimistisch. Die beteiligten Ärzte waren begeistert.