In dem bundesweit einzigartigen Projekt dürfen ausgewählte qualifizierte Pflegefachkräfte im Auftrag des Arztes spezielle Leistungen erbringen. Die Patienten müssen das Heim nicht verlassen, der Arzt schaltet sich per Video zu - ganz ohne zusätzliches Ansteckungsrisiko für die Heimbewohner.

Verheilt die Wunde gut? Wie ist der allgemeine Gesundheitszustand einzuschätzen? Müssen Medikamente gegeben werden? Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Pflegeeinrichtungen stellen sich bei der Betreuung ihrer Pflegebedürftigen viele solcher Fragen. Die Entscheidung muss ein Arzt treffen. Doch sind dafür immer Fahrten in die Arztpraxis oder ärztliche Hausbesuche im Pflegeheim notwendig? Ein innovatives Konzept vereinfacht die die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegekräften in Pflegeeinrichtungen der Region Marienberg ganz wesentlich.

Pflegekräfte erbringen spezielle Leistungen

Per Telemedizin werden seit April 2020 die Bewohner in vier Pflegeeinrichtungen im Erzgebirge von ihrem Hausarzt betreut. In die Konsultation können - je nach Bedarf - Fachärzte einbezogen werden. Das Besondere an diesem einzigartigen Projekt: Im Auftrag des Arztes dürfen ausgewählte qualifizierte Pflegefachkräfte in den Einrichtungen spezielle Leistungen erbringen. Dazu zählen Blutentnahmen, Impfungen, der Blasen-Katheterwechsel beim Mann oder die Wundversorgung. Für die qualifizierten Pflegefachkräfte ist dieses Konzept mit hoher persönlicher Verantwortung verbunden.

"Wir stärken mit der Delegation ärztlicher Leistungen die Pflegefachkräfte in Kompetenz und Wertschätzung, was sich auf ihre berufliche Zufriedenheit auswirkt", erklärt Simone Hartmann, Chefin der Techniker Krankenkasse in Sachsen und Leiterin der Arbeitsgruppe Telemedizin und Gesundheitsmanagement. Die Arbeitsgruppe, bestehend aus gesetzlichen Krankenkassen, Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen (KVS) und den beteiligten Pflegeunternehmen, hat das innovative Projekt in Zusammenarbeit mit den beteiligten Ärzten und Pflegeeinrichtungen entwickelt. "Pflegefachkräfte gewinnen so ganz neue Sicherheit im Umgang mit den Patienten", so Hartmann.

Elektronische Visite in Zeiten der Pandemie

Der Leiter des Wohnparks KATHARINENHOF, Heiko Schönherr-Hempel, sieht gerade in der jetzigen Zeit der Pandemie einen großen Vorteil in der elektronischen Visite: "Heimbewohner sollen so wenig wie möglich mit Außenkontakten in Berührung kommen. Trotzdem ist der Arzt anwesend - eben virtuell -, und wir können die ärztliche Versorgung sicherstellen."

Andreas Haustein, Geschäftsführer der Sozialbetriebe Mittleres Erzgebirge gGmbH: "Mit der Delegation ärztlicher Leistungen an stationäre Pflegeeinrichtungen verbessert sich die haus- und fachärztliche Versorgung von pflegebedürftigen Versicherten zunehmend und ermöglicht eine kontinuierliche Versorgung der Menschen in der ländlichen Region."

Pflegekräfte tragen und steuern Videodatenbrille

In den beiden Pflegeeinrichtungen in Marienberg und Zschopau der Sozialbetriebe wird außerdem die elektronische Visite mittels Videodatenbrille getestet. Dahinter steckt die neuartige digitale Lösung "Xpert Eye" der Firma AMA Xpert Eye GmbH. Durch diese Videodatenbrille, die Pflegefachkräfte tragen und steuern, können Ärzte den Patienten wie mit eigenen Augen sehen und untersuchen, ohne persönlich vor Ort zu sein. Marienberg und Zschopau sind Testeinrichtungen, in denen die Videodatenbrille des Unternehmens AMA Xpert Eye GmbH gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im Rahmen der KBV-Zukunftspraxis erprobt wird.

Dr. Gunnar Dittrich, Hauptabteilungsleiter der KV Sachsen und Leiter der Arbeitsgruppe Pflege: "Die Pflegefachkraft kann mit dieser Lösung unbeeinträchtigt am und mit dem Patienten agieren. Zusätzliche technische Funktionalitäten der Videodatenbrille wie beispielsweise Bild-Annotationen, Video Zoom und Cursor Datenbrille erlauben eine zeitversetzte, unmissverständliche Kommunikation zwischen dem Arzt und der Pflegefachkraft, was die Sicherheit in der Umsetzung der ärztlich delegierten Leistungen stärkt."

Mit Hilfe modernster Videotechnik und der elektronischen Visite per Laptop, PC oder Smartphone können Sprechstunden von Ärzten mit Bewohnern - unterstützt von Pflegepersonal - auf innovative Weise ortsunabhängig und einfach erfolgen. Diese digitalen Systeme erlauben es, Bewohner direkt im Pflegeheim medizinisch zu versorgen. Auch Fachärzte wie Neurologen, Dermatologen, Urologen oder HNO-Ärzte können zum Konsil hinzugezogen werden. Genauso ist der Austausch der Ärzte untereinander möglich.

Entlastung für Heimbewohner und Ärzte

Die pflegebedürftigen Patienten müssen wegen Routineuntersuchungen oder einfachen Behandlungen nicht die Arztpraxis aufsuchen. Gerade für sie ist der Praxisbesuch meist mit Aufregung und körperlicher Belastung verbunden. Mit diesem zusätzlichen Versorgungsangebot in den Einrichtungen durch besonders qualifiziertes Pflegepersonal können medizinisch notwendige Behandlungen schonender erfolgen.

Die Haus- und Fachärzte entlastet dieses Projekt zeitlich, so dass die begrenzten Ressourcen in den für gewöhnlich ohnehin hochfrequentierten Arztpraxen effektiver genutzt werden können. Darüber hinaus notwendige Hausbesuche in den Pflegeeinrichtungen werden durch die versorgenden Haus- und Fachärzte in Absprache mit den Pflegefachkräften wie gewohnt durchgeführt. Das Projekt ist durch die bundesweit beispielgebende Vertragsregelung zwischen den Pflegeeinrichtungen KATHARINENHOF Wohnpark Warmbad und der Sozialbetriebe Mittleres Erzgebirge gGmbH in Olbernhau, Marienberg und Zschopau, der KVS und den sächsischen Krankenkassen möglich geworden.