TK: Frau Bessin, wir kennen Sie noch als Cindy aus Marzahn. Jetzt haben Sie Ihr erstes Buch veröffentlicht. In "Abgeschminkt" beschreiben Sie sehr offen auch die weniger schönen Seiten in Ihrem Leben. Warum war es für Sie wichtig, dieses Buch zu schreiben?

Ilka Bessin: Es gab immer wieder Leute, die gefragt haben, wer eigentlich hinter dieser Figur "Cindy aus Marzahn" steckt. Das war sicherlich ein Grund dafür, "Abgeschminkt" zu schreiben. Ein zweiter wichtiger Grund: Die junge Dame, mit der ich das Buch zusammen geschrieben habe, nannte es ein "Mut-Mach-Buch". Ich glaube, dass ganz viele Menschen in negativen Situationen mit sich hadern und denken: "Oh Gott, wie geht es denn jetzt bloß weiter?" Diesen Menschen wollte ich zeigen, dass es den sogenannten Prominenten auch so geht, dass in meinem Leben auch nicht alles eitel Sonnenschein war. 

TK: Hatten Sie beim Schreiben bestimmte Leserinnen oder Leser vor Augen, denen Sie Mut machen wollten?

Bessin: Denen, die an sich zweifeln und die sich selbst nicht toll finden. Zum Beispiel in kleinen Situationen, wenn man morgens aufsteht und sich fragt, wie wohl der Tag heute bloß werden soll. Ich glaube, es gibt ganz viele Menschen, die mit sich nicht zufrieden sind und sich wünschen, anders zu sein. Wenn ich denjenigen Mut machen kann und sie meine Geschichte inspiriert etwas zu ändern, dann hat sich das Schreiben schon gelohnt.

TK: In Ihrem Buch schreiben Sie von ihrer keinesfalls unbeschwerten Kindheit, vom Mobbing in der Schule, aber auch von der schwierigen Zeit, als ihr Vater an Demenz erkrankte. Dabei erzählen Sie mit beeindruckender Offenheit…

Bessin: Finden Sie nicht auch, dass man offen mit schwierigen Situationen umgehen muss, wenn man ein Mut-Mach-Buch schreiben will? In meinem Leben war nicht alles toll, das ist einfach so. Aber ich bin nicht jemand, der damit hadert. Ich habe mit bestimmten Dingen abgeschlossen, ich habe mich zum Beispiel mit meinen Eltern zusammengesetzt und sie haben sich bei mir entschuldigt. Dann war das Thema für mich auch durch. Mein Vater ist ja vor zwei Jahren gestorben, und ich habe mir immer gesagt, ich möchte nicht an seinem Grab stehen und sagen müssen: "Hätte ich mal noch dieses und jenes mit ihm besprochen!"

TK: Zu Offenheit gehört ja auch Stärke. Wissen Sie, woher Sie diese Stärke nehmen?

Bessin: Ich denke, zu Offenheit gehört in erster Linie die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Ich habe mir zum Beispiel eingestanden, dass ich nicht immer der geilste Typ Mensch war, dass ich nicht immer der netteste Mensch war. Das habe ich irgendwann für mich selbst reflektiert und habe gemerkt, dass ich ein paar Sachen ändern muss, damit ich morgens aufstehen und sagen kann: "Ja, ich bin ein wertvoller Mensch und ich bin toll, so wie ich bin." Ein ehrlicher Umgang mit sich selbst ist die Grundlage dafür. Bestes Beispiel: Ich kann auch zum zehnten Mal die Hose in Größe 42 kaufen. Wenn ich aber 'ne 48/50 habe, werde ich da nie reinpassen. Also: Reflektiere einfach, kauf dir eine 48/50 - und dann ist es auch gut.

Zur Person

Ilka Bessin wurde 1971 in Luckenwalde geboren und ging dort zur Schule. Nach einer Ausbildung zur Köchin arbeitete sie unter anderem als Hotelfachfrau und Animateurin und war vier Jahre lang arbeitslos. Anfang der 2000er-Jahre entwickelte sie die Bühnenfigur „Cindy aus Marzahn“, eine übergewichtige Langzeitarbeitslose mit einer Vorliebe für pinkfarbene Jogginganzüge. Mit dieser Figur gelang ihr im Quatsch Comedy Club der Durchbruch, eine eigene Fernsehshow und die Co-Moderation von "Wetten, dass..?" folgten. Ilka Bessin wurde vielfach ausgezeichnet, allein sechsmal erhielt sie den Deutschen Comedypreis. 2016 gab sie die Kunstfigur "Cindy" auf. Heute hat Ilka Bessin ein eigenes Modelabel, sie engagiert sich für sozial benachteiligte Familien - und Ende des Jahres startet ihre Tournee "Abgeschminkt und trotzdem lustig". Die Tourdaten finden sich auf ihrer Internetseite: www.ilkabessin.de Ilka Bessin lebt in Berlin-Wilmersdorf.

TK: Ein großes Thema, das Sie in Ihrem Buch beschreiben, ist das Mobbing in Ihrer Kindheit und was es mit Ihnen gemacht hat. Haben Sie eine Idee, was wir gegen Mobbing tun können?

Bessin: Wir als Erwachsene müssen anfangen, uns zu ändern. Wenn ich nicht respektvoll mit Menschen umgehe, kann ich nicht erwarten, dass Kinder es lernen, respektvoll miteinander umzugehen. Wir müssen es vorleben. Das tun wir aber immer weniger. Man merkt das im Straßenverkehr. Sobald einer die Vorfahrt nimmt, wird der rundgeschrien. In sozialen Medien ist das natürlich noch einmal besonders einfach. Ich finde es ja völlig in Ordnung, wenn man seine Meinung sagt. Wenn man sagt: "Ich finde Dich nicht toll." oder: "Ich mag das nicht, was Du machst." Kritik in einen ordentlichen Satz verpackt ist ja okay. Aber am Ton in sozialen Medien muss sich einiges ändern. Und dafür müssen wir uns ändern.

TK: Das Potsdamer Selbsthilfezentrum SEKIZ hat Sie für die Talkreihe "Dann eben anders" interviewt. Hier kommen Prominente zu Wort, die zeigen, wie sie mit Lebenskrisen umgehen. Wie kann ein Austausch bei besonderen Belastungen und in Krankheitssituationen helfen?

Bessin: Es gibt Menschen, die ihre Probleme am liebsten mit sich selbst ausmachen. Das finde ich auch völlig legitim. Wichtig ist aber, dass wir uns nicht verschließen, wenn wir in einer Krise sind und Hilfe von anderen brauchen. Man sollte eine helfende Hand auch annehmen, wenn sie einem gereicht wird. 

TK: Sie gehen bald mit Ihrem Soloprogramm "Abgeschminkt und trotzdem lustig" auf Tour - eine Tour ohne Cindy aus Marzahn. Vermissen Sie Cindy?

Bessin: Manchmal gucke ich mir alte Videos an. Vermissen vielleicht nicht. Aber man schmunzelt schon mit ein bisschen Wehmut vor sich hin und denkt: War echt 'ne tolle Zeit. 

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Das Buch "Abgeschminkt. Das Leben ist schön - Von einfach war nie die Rede" von Ilka Bessin ist im Heyne Verlag erschienen und kostet 15 Euro




Talkreihe "Dann eben anders"

Das Talk-Format "Dann eben anders" des Selbsthilfe-, Kontakt- und Informationszentrums Potsdam (SEKIZ e.V.) zeigt, wie Prominente mit persönlichen Krisen und gesundheitlichen Belastungen umgehen.  Immer am 15. des Monats wird ein neues Video auf YouTube veröffentlicht. Moderatorin Nadine-Claire Geldener begrüßte bisher als Talkgäste neben Ilka Bessin unter anderen Anastasia Zampounidis, Gregor Gysi, Wolfgang Bosbach, Jürgen Domian und Thomas Drechsel. "Dann eben anders" wird von der Techniker Krankenkasse im Rahmen der Selbsthilfeförderung unterstützt. http://www.dann-eben-anders.de/