Im Fokus: Arzneimittelkosten klettern auf Rekordniveau
Interview aus Sachsen
Mit über 55 Milliarden Euro rangieren Arzneimittel nach stationären Krankenhausbehandlungen auf Platz 2 der Gesamtausgaben in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Ausschlaggebend ist insbesondere der Patentbereich, der nicht nur durch sehr hohe Kosten, sondern auch durch einen geringen Innovationsgrad sowie hohe Einsparpotenziale auffällt.
Was diese Entwicklung für das Gesundheitssystem bedeutet und wie diesem Trend zum Wohle der Patientinnen und Patienten entgegengesteuert werden kann, haben wir mit Alexander Krauß, Leiter der TK-Landesvertretung Sachsen, besprochen.
TK: Die Arzneimittelausgaben sind 2025 erneut stark gestiegen. Wie ernst ist die Lage?
Alexander Krauß: Sehr ernst. Die Arzneimittelausgaben sind seit 2019 jährlich gestiegen und es deutet nichts auf eine Änderung dieses Trends hin, ganz im Gegenteil. 2024 betrugen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel mehr als 55 Milliarden Euro - ein Rekordwert. Besonders teuer sind neue Therapien gegen Krebs oder seltene Erkrankungen. Hier muss die Balance zwischen Innovation, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit neu ausgelotet werden.
TK: Welche Arzneimittel sind die größten Kostentreiber?
Krauß: Patentgeschütze Arzneimittel treiben die Arzneimittelausgaben der GKV weiter in die Höhe. Obwohl sie nur knapp sieben Prozent der abgegebenen Packungen ausmachen, verursachen sie fast 54 Prozent der Ausgaben. Allein die zehn umsatzstärksten Einzelprodukte machten 2024 mit einem durchschnittlichen Apothekenverkaufspreis von knapp 4.300 Euro über elf Prozent der Gesamtausgaben aus - bei einem Anteil von nur einem Prozent an den abgegebenen Packungen. Neuartige Produkte könnten auf Dauer das System sprengen - das neue Demenz-Therapeutikum Leqembi® beispielsweise wartet mit Jahrestherapiekosten von über 40.000 Euro auf.
Alexander Krauß
TK: Von Befürwortern hoher Arzneimittelpreise werden diese regelmäßig in einen positiven Zusammenhang mit der Ansiedlung bzw. Sicherung von Produktionsstandorten der Pharma-Branche gebracht. Besteht diese Art von Kausalität?
Krauß: Nicht zwangsläufig. Es wird immer wieder suggeriert, höhere Erstattungspreise führten zu Produktion und Forschung im jeweiligen Land. Allerdings wird de facto nicht dort produziert oder geforscht, wo die Erstattungspreise hoch sind. Hohe Listenpreise in der gesetzlichen Krankenversicherung verlagern keine Lieferketten nach Europa; sie erhöhen nur Margen und belasten Versicherte und Arbeitgeber. Die Pharmaindustrie erwirtschaftet in Deutschland circa 0,8 Prozent der gesamten nationalen Bruttowertschöpfung. Damit liegt sie im europäischen Vergleich lediglich auf Platz 7, obwohl Deutschland gleichzeitig bei den Arzneimittelausgaben pro Kopf an der Spitze Europas liegt. Diese Diskrepanz verdeutlicht, dass in einer global vernetzten Industrie hohe Arzneimittelausgaben nicht zwingend zu einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik führen. Wenn es politisch gewünscht ist, den Pharmastandort Deutschland zu fördern, dann sollte dies über den Bundeshaushalt und nicht auf Kosten der Beitragszahlenden erfolgen.
TK: Und wie ist es um die Innovationskraft dieser neuen, sehr kostenintensiven Arzneimittel bestellt?
Krauß: Hier fällt das Urteil eher bescheiden aus. Innovation ist wichtig, sie darf aber dennoch kein Freibrief für Fantasiepreise sein. Der Preis muss vielmehr den tatsächlichen Nutzen widerspiegeln. Übersetzt man die Ergebniskategorien der Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz-Beschlüsse für das Ausmaß des Zusatznutzens neuer Arzneimittel in Schulnoten, so fallen die Ergebnisse der letzten Jahre durchschnittlich schwach aus. Der Gesamtdurchschnitt liegt bei 4,1, was der Note "ausreichend" entspricht. Auch eine Steigerung der Innovationskraft ist im Zeitverlauf nicht erkennbar.
TK: Wo sehen Sie in Anbetracht dieser Tatsachen und der stark angestiegen Kosten das notwendige Einsparpotenzial?
Krauß: Es besteht ein Milliarden-Einsparpotenzial bei Arzneimitteln, wenn eine internationale Preisangleichung vorgenommen würde; denn auch im internationalen Vergleich sind deutsche Arzneimittelpreise zu hoch - insbesondere im Vergleich zu anderen Industrienationen. Bereits bei den 30 umsatzstärksten Medikamenten ließen sich durch Anpassungen der Preise an den internationalen Vergleich jährlich mehrere Milliarden Euro an GKV-Arzneimittelausgaben einsparen. Auf Produktebene liegen die Preisunterschiede bei bis zu -76 Prozent. Wir als TK haben drei schnellwirksame Maßnahmen zur resilienten Arzneimittelfinanzierung vorgeschlagen, die bis zu elf Mrd. Euro jährliche Einsparungen für die GKV ermöglichen. Hierbei handelt es sich um eine Umsatzsteuersenkung von derzeit 19 Prozent auf den ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent, die Erhöhung des Herstellerabschlags für Patentarzneimittel auf 17 Prozent und die Einführung von Arzneimittel-Fokuslisten, also einen Katalog mit Gruppen von (pharmakologisch)-therapeutisch vergleichbaren Arzneimitteln, aus dem die Krankenkasse auswählen kann.
TK: Lassen Sie uns abschließend noch auf das Thema Lieferengpässe von Arzneimitteln eingehen. Wie ist es um die Lieferfähigkeit von Arzneimitteln in Deutschland bestimmt?
Krauß: Insgesamt stehen für die GKV in Deutschland rund 83.000 Arzneimittel zur Verfügung, darunter rund 1.500 Antibiotika-Produkte. Gerade das Thema Lieferengpässe wird medial oft sehr emotional behandelt. Hier ist es jedoch angebracht, die Relation nicht aus dem Auge zu verlieren. Vor kurzem ist der Lieferklima-Report 2025 - Logistik, Lagermengen und Lieferketten der TK erschienen, welcher einen fundierten Überblick gibt. Hervorzuheben ist, dass die Generika-Versorgung bereits sehr gut funktioniert, wozu auch das Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) merklich beigetragen hat. Immerhin sind 98,9 Prozent der Arzneimittel hierzulande sofort lieferfähig und für weitere 0,8 Prozent ist ein identisches Austauschpräparat, zum Beispiel durch Wechsel auf einen anderen Hersteller, verfügbar. Das heißt, 99,7 Prozent aller Arzneimittel sind direkt verfügbar. Auf der Lieferunfähigkeits-Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) waren im Oktober vergangenen Jahres 35 antibiotische Arzneimittel gemeldet, im Juni 2023 vor ALBVVG-Inkrafttreten waren es noch 166. Dies verdeutlicht ebenfalls die positive Tendenz.