Sehtest-Startup erhält Sonderpreis Gesundheit der TK
Interview aus Sachsen-Anhalt
Das Startup PERCEPTEC hat beim Investforum Pitch-Day 2026 den Sonderpreis Gesundheit der Techniker Krankenkasse erhalten. Im Interview erläutert Mitgründer Nico Trinks die Idee hinter der Technologie, den aktuellen Entwicklungsstand und die langfristige Vision des Teams.
TK: Welche Idee haben Sie beim Pitchday präsentiert und wie kann damit künftig die Gesundheitsversorgung von Betroffenen verbessert werden?
Nico Trinks: Wir haben einen innovativen Sehtest zur einfachen Bestimmung von Fehlsichtigkeiten vorgestellt. Ein solcher Sehtest ist Kern einer jeden augenoptischen und augenärztlichen Untersuchung - und bis heute recht aufwendig: Der klassische Sehtest dauert ca. 20 Minuten, braucht mehrere Geräte, viel Platz und kann nur von geschulten Fachpersonal durchgeführt werden.
Unsere Lösung besteht aus zwei zentralen Komponenten: Zum einen nutzen wir hochmoderne 3D-Display-Technologie, um den Sehtest vom realen in den virtuellen Raum verlagern zu können. Das Gerät ist so groß wie ein Schuhkarton, der Nutzer blickt durch zwei Okulare in das Gerät und sieht einen virtuellen Raum, der es ermöglicht, Testobjekt in der Ferne und im Nahbereich realitätsgetreu darzustellen. Innerhalb dieses virtuellen Raums haben wir einen Testablauf entwickelt, der das Auge und dessen Fehlsichtigkeit nicht mehr als Ganzes untersucht, sondern die Fehlsichtigkeit Schritt für Schritt in verschiedenen Abschnitten des Auges ermittelt, wie einzelne Puzzleteile. Die Einzelteile werden anschließend über einen Algorithmus zur individuellen Fehlsichtigkeit des Auges zusammengesetzt. Damit ist der Testablauf sehr schnell, einfach und eigenständig vom Untersuchten durchführbar.
Für die Versorgung heißt das: Augenärzte und Augenoptiker werden entlastet und gewinnen Zeit für die Fälle, die ihre Expertise wirklich brauchen. Weil der virtuelle Sehtest wenig Platz und kein Personal erfordert, kann er künftig auch dorthin kommen, wo heute Angebote fehlen - etwa in ländliche Regionen. Somit wird der Sehtest zu einer niedrigschwelligen Vorsorgeleistung, welche Wartezeiten und Wege verkürzt. Folglich können Sehschwächen frühzeitiger erkannt werden und eine Versorgung mit optischen Korrektionsmitteln, wie Brillen oder Kontaktlinsen schneller erfolgen. Denn wer schlecht sieht, ist vom gesellschaftlichen Leben abgehängt.
Unternehmen Perceptec erhält den "Sonderpreis Gesundheit"
TK: Wie entstand die Idee und welches Team steckt dahinter?
Trinks: Die Mitgründer Dr. Markus Leicht und Dr. Ilka Urban sind gelernte Augenoptiker, haben in Jena Augenoptik/Optometrie studiert und im Anschluss in komplementären Bereichen promoviert. Dr. Markus Leicht (CEO) hat sich bereits im Rahmen seiner Promotion mit neuen Anwendungsbereichen von 3D-Displays beschäftigt und ist der Ideengeber des virtuellen Sehtests. Dr. Ilka Urban (CSO) beschäftigte sich während ihrer Promotion mit der Modellierung und Simulation verschiedener Augenmodelle. Aus der Verbindung beider Forschungsfelder entstand die Idee, den klassischen Sehtest neu zu denken.
Ich, Nico Trinks (COO), habe Betriebswirtschaft studiert und verantworte die kaufmännische sowie operative Unternehmensführung. Weiterhin unterstützt Thorsten Boss das Team mit seiner langjährigen Erfahrung als Augenoptikmeister und ehemaliger Vertriebsleiter eines mittelständischen Optikgeräteherstellers. Das Team wird komplettiert durch Muhammad Hassnain Barkat und Muhammad Fahad, welche die Entwicklung der medizinischen Software und der Hardwarekomponenten verantworten.
TK: Wo stehen Sie heute und was ist die langfristige Vision von PERCEPTEC?
Trinks: Wir haben 2025 eine Seed-Finanzierung mit zwei institutionellen VC-Investoren und fünf Business Angels abgeschlossen. Mit der Investition haben wir die Weiterentwicklung des Produkts vorangetrieben. Wir können aktuell einen mehrfach prämierten, funktionsfähigen Prototypen vorzeigen, der bereits in dieser Phase sehr vielversprechende Ergebnisse liefert. Ein deutsches Patent wurde bereits 2025 eingereicht, dazu liegt seit 2026 eine internationale PCT-Anmeldung vor. Das Team hat sich zu einer starken Einheit entwickelt und das Unternehmen macht erste, relevante Umsätze. Weiter sind wir aktuell in Gesprächen mit strategischen Kooperationspartnern und auf der Suche nach weiteren starken Partnern, um den Marktzugang mit Weitsicht vorzubereiten.
Zu unserer langfristigen Ausrichtung: Die Geschwindigkeit, in der heute neue Technologien entstehen, ist atemberaubend. Wir wollen gerne unseren Teil dazu beitragen. Aktuell liegt unser Fokus auf dem Testverfahren zur effizienten Bestimmung von Fehlsichtigkeiten. Gleichzeitig gibt es viele andere diagnostische Verfahren im Bereich der Augenoptik und Augenheilkunde, die man neu denken kann - immer mit dem Ziel die Augendiagnostik effizienter zu gestalten und leichter zugänglich zu machen.
TK: Inwieweit haben Sie damit gerechnet, den TK-Sonderpreis zu gewinnen?
Trinks: Ehrlich gesagt gar nicht. Beim Pitch-Day stehen viele starke Teams auf der Bühne, und drei Minuten sind schnell vorbei. Als unser Name fiel, war die Freude deshalb umso größer. Besonders viel bedeutet uns, dass die Auszeichnung von der Techniker Krankenkasse kommt. Als größte gesetzliche Krankenkasse Deutschlands kennt sie die Versorgung aus Sicht von Millionen Versicherten und weiß, wo es heute hakt - etwa bei langen Wartezeiten auf einen Termin beim Augenarzt. Dass sie in unserem virtuellen Sehtest einen Beitrag zu einer besseren Gesundheitsversorgung sieht, bestärkt uns auf dem Weg. Wir freuen uns auf den weiteren Austausch und sagen herzlich Danke - an die Techniker Krankenkasse und an das Team des Investforums!
Übrigens, wir sind gerade dabei eine weitere Finanzierungsrunde für 2027 vorzubereiten, um vom Prototyp zur Vorserie in den Markt zu gelangen. Bei Interesse an einem eingehenderen Austausch kann man uns gerne kontaktieren.
Am 16. September 2026 präsentierten rund 30 Teams aus Sachsen-Anhalt, Deutschland und der Welt beim Investforum Pitch-Day im Technikmuseum "Hugo Junkers" in Dessau-Roßlau ihre Geschäftsideen vor Investoren, Unternehmen und Branchenvertretern. Der Pitch-Day ist das größte Pitch-Event für Startups und Forschende in Sachsen-Anhalt und zielt darauf ab, Gründerinnen und Gründer mit Kapitalgebenden zusammenzubringen und Synergien zwischen Startups, Investoren und Unternehmen zu schaffen. Zum dritten Mal hat die TK-Landesvertretung Sachsen-Anhalt im Rahmen des Pitch-Days den Sonderpreis Gesundheit an ein Startup vergeben, das mit einer besonders innovativen Idee das Gesundheitssystem zum Positiven verändern will.