Telemedizin - das klingt immer noch ein wenig nach Zukunftsmusik und gleichzeitig doch etwas unpersönlich. Dabei ist das Thema jetzt schon aktuell und darf gerne auch positiv assoziiert werden. Mit dem Begriff Telemedizin verbindet sich nämlich die Definition, dass mit Hilfe von Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten, trotz einer räumlichen Trennung, eine medizinische Versorgung geleistet werden kann. Grundsätzlich verbirgt sich hier also vor allem ein vielversprechender Lösungsansatz, um insbesondere die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum - wenn auch nicht sicherzustellen -, so doch zumindest erheblich zu unterstützen. Und das mit einer guten Qualität. Auch beim Thema "seltene Erkrankungen" liegen hier klare Chancen für eine bessere Versorgung durch ein telemedizinisches "in die Fläche bringen" von Expertenwissen.

Jörn Simon

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Leiter der TK-Landesvertretung Rheinland-Pfalz

Außerdem ist diese Versorgungsform inzwischen flächendeckend in Deutschland angekommen, insbesondere seitdem im März 2024 auch die Ärztekammer Brandenburg als letzte Landeskammer den Regelungen der Muster-Berufsordnung der Bundesärztekammer bei der Fernbehandlung zugestimmt hat. Und doch wird das Potenzial der Telemedizin derzeit noch gar nicht voll ausgeschöpft. Denn es ist ja fast schon eine Binsenweisheit, dass Videosprechstunden während der Coronapandemie boomten. So gab es bei TK-Versicherten in Rheinland-Pfalz im Jahr 2019 nur ganze drei Fernkonsultationen! 2021 wurde dann eine Höchstzahl von über 33.000 erreicht, die danach aber wieder deutlich abflaute. Insgesamt zeigte eine Befragung, dass bislang nur etwa jede oder jeder Zehnte die Erfahrung einer Videosprechstunde gemacht hat.

Vorteile liegen auf der Hand

Dabei liegen die Vorteile auf der Hand: Patientinnen und Patienten können schnell eine wichtige Ersteinschätzung erhalten, vermeiden ein Infektionsrisiko in Wartezimmer und Praxis und können in den nötigen Fällen eine konsequentere Bettruhe einhalten anstatt sich zu Außer-Haus-Terminen in den Praxen zu "schleppen". Vor allem sparen sie extreme Wege- und Wartezeiten, was nicht nur ihnen, sondern in vielen Fällen Familienzeiten, Arbeitgebern und in Summe der Gesamtgesellschaft zugutekommt. 

Aber auch die Ärzteschaft profitiert vom Wegfall nicht unerheblicher Wegezeiten beim Hausbesuch, der entweder als Videosprechstunde oder durch eine Kombination mit einer nichtärztlichen Praxisassistenz vor Ort durchgeführt werden könnte. Entlastung bringt Telemedizin auch bei der Praxisrezeption und der Wartezimmerauslastung. Vor allem gehen wichtige Personalressourcen nicht mehr verloren, wenn zum Beispiel junge Ärztinnen und Ärzte in Erziehungszeiten nicht komplett aus der Versorgung rausfallen, sondern zum Beispiel durch den stundenweisen Einsatz in Telemedizinpraxen und -zentren weiter praktizieren können. Oftmals dann vermutlich sogar in ansonsten schwer abzudeckenden Abendzeiten. Hinzu kommen die erleichterten Austauschmöglichkeiten im Rahmen von Telekonsilen zwischen verschiedenen Ärztinnen und Ärzten. Hier hat sich beispielsweise in Rheinland-Pfalz beim Temes-Netzwerk gezeigt, dass Tele Stroke Units beim akuten Schlaganfall mit über 17.000 Telestroke-Konsilen die medizinischen Ergebnisse entscheidend verbessern und zur flächendeckenden Versorgung beitragen.

Neue Dimensionen der Telediagnostik     

Mit zu erwartenden weiteren technischen Entwicklungen, aber auch einer stärkeren Equipmentverbreitung, ließen sich noch mehr Potenziale der Telemedizin erschließen. Man kann sich leicht vorstellen, was es bedeuten würde, wenn viel mehr Haushalte in Deutschland mit Geräten ausgestattet wären, die Blutdruckwerte digital an die behandelnde Ärzteschaft übertragen, oder Patientinnen und Patienten sich selbst Stethoskope anlegen würden, die Atemgeräusche live übermitteln - alles Dinge, die in anderen Ländern teils schon funktionieren und praktiziert werden. Gleichzeitig gibt es Entwicklungen, bei denen robotergestützte Systeme in der Lage sind, immer mehr Vitalparameter zu erfassen und auch stellvertretend für die Ärztin oder den Arzt Organe (Herz, Lungen, etc.) zu untersuchen. Kombiniert mit moderner Videotechnologie vermittelt dies den Betroffenen durchaus das Gefühl einer authentischen Untersuchung. Damit werden ganz neue Dimensionen in der Telediagnostik erschlossen. Auch im Extremfall eventuell neuer hochansteckender Epidemien würde dies eine sinnvolle Möglichkeit und Strategie zur Ansteckungs- und Übertragungsvermeidung von Krankheitserregern darstellen.

Wir als Techniker Krankenkasse haben ebenfalls über die Jahre sehr viele Telemedizinangebote in unser Digitalportfolio aufgenommen und dieses erweitert und ausgebaut. An prominenter Stelle seien hier einmal unsere TK Doc App genannt, die über das angeschlossene TK-ÄrzteZentrum rund um die Uhr an 365 Tagen eine telemedizinische Beratung anbietet, oder unser Online-Hautcheck, bei dem Fachärztinnen und -ärzte innerhalb kurzer Zeit aufgrund von übermittelten Fotos in vielen Fällen (ausgenommen sind aus Qualitätsfragen z.B. Muttermale) eine Diagnose und Therapieempfehlung liefern. In rund 85 Prozent der Fälle war anschließend kein Vor-Ort-Besuch mehr nötig. Dabei geht es uns immer um die Entlastung des Medizinbetriebs und einen schnellen Service für Versicherte, die sonst drohen, ohne zeitnahe Beratung in ein Informationsleck zu fallen.

Telemedizin muss selbstverständlich werden

Für die Zukunft braucht es eine noch konsequentere Angebotsstruktur und Inanspruchnahme von telemedizinischen Anwendungen, um die Verfahren zu einer Selbstverständlichkeit für alle Beteiligten werden zu lassen. Jetzt müssen vor allem die bereits gesetzlich verankerten Schritte umgesetzt werden, damit die Digitalisierung im Allgemeinen und die Telemedizin im Besonderen weiter durchstarten. Ein wichtiger Schritt ist hierbei der Wegfall der unsinnigen Mengenbegrenzung von Videosprechstunden (bislang begrenzt auf 30 Prozent der ärztlichen Fallzahlen und Leistungsmengen) mit dem Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Auch psychotherapeutische Sprechstunden wurden damit endlich dauerhaft digital möglich. Es folgt zudem die Opt-Out-Regelung bei der elektronischen Patientenakte (ePA), damit diese endlich zum Standard mit all ihren Chancen wird. 

Eine gesetzlich noch nicht umgesetzte Vision wäre eine flächendeckende, digitale Terminbuchung, bei der über eine zentrale Plattform die Praxisverwaltungssysteme der Arztpraxen, die Kassen-Apps und die schon etablierten Terminierungsanbieter über einheitliche Schnittstellen Hand in Hand zusammenarbeiten, um eine digitale Terminbuchung von fachärztlichen Leistungen auf die Beine zu stellen. Man sieht, welche Potenziale bei der Telemedizin noch vor uns liegen. Bezogen auf die ländliche Versorgung wird es die Telemedizin zwar nicht allein richten, aber ohne Telemedizin wird es auch nicht gehen.