211 Mal haben sich Thüringer TK-Versicherte im zweiten Quartal 2020 ausschließlich per Video behandeln lassen. Im ersten Quartal waren es noch 65 Behandlungen, im vierten Quartal 2019 vier. Das zeigen Abrechnungsdaten der TK.

Sucht man im Arztverzeichnis der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen (KVT) nach Ärzten und Psychotherapeuten, die Video-Sprechstunden im Leistungsangebot haben, erhält man 559 unterschiedliche Namen (Stand: Februar 2021). Das entspricht etwa jedem achten der rund 4.200 ambulant tätigen Mediziner und Psychotherapeuten im Freistaat.

Video-Psychotherapien enorm gestiegen

Der Großteil von ihnen, nämlich 305, ist Kinder- und Jugendpsychotherapeut (83), psychologischer Psychotherapeut (195) oder psychotherapeutisch tätiger Arzt (27). Nicht verwunderlich ist deswegen, dass die abgerechneten Video-Psychotherapien enorm gestiegen sind. Im ersten Quartal des Jahres 2020 wurden 27 Therapiestunden der TK-Versicherten Thüringer abgerechnet. Im zweiten Quartal bereits 409. Das ist eine Steigerung um fast das 15-Fache.

In der Psychotherapie sind die Vorteile der digitalen Technik offensichtlich besonders gut zu nutzen. Auch wenn in Sachen Vertrautheit einige Abstriche gemacht werden müssen und Teile der Körpersprache weniger gut einbezogen werden können als im Vor-Ort-Gespräch, können Therapiegespräche unkompliziert geführt werden - ohne Ansteckungsgefahr und ohne lange Anfahrtswege.

Digitale Technik gehört zum Praxisalltag

Jens-Uwe Lipfert und seine Kollegen nutzen seit 2019 Videokonsultationen in ihrer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis, zunächst mittels Tablet vor Ort und seit 2020 mit eigenständiger Software. Digitale Technik gehört zum Praxisalltag, wo sie sinnvolle Unterstützung bietet. So werden zum Beispiel die Online-Terminvergabe oder das Bestellen von Wiederholungsrezepten auf der Internetseite der Hausarztpraxis angeboten.

Jens-Uwe Lipfert

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Facharzt für Allgemeinmedizin, Chirotherapie und Palliativmedizin

Auf die Frage, wie er die Entwicklung von Video-Sprechstunden seit Beginn der Corona-Pandemie sieht, hat er uns Folgendes geantwortet: "Nach einem initialen Anstieg der Nachfrage im Frühling und Frühsommer 2020 sind die Video-Sprechstunden weniger geworden. Viele Patienten habe doch das direkte Gespräch in unserer geschützten Atmosphäre gesucht. Sicher, weil das Leben zu schnell digital wurde. Bei den Kollegen in unserer Gegend ist es ähnlich gewesen.

Die Politik, private Anbieter und die Krankenkassen haben Arztkontakt mittels digitaler Technik stark in den Fokus gerückt. Mit dem Ziel, physische Kontakte in der Pandemie zu vermeiden, ist das nachvollziehbar. Gleichzeitig waren direkte Patientenanfragen nach Video-Sprechstunden sehr selten.

Das bestätigt die Erfahrungen, die wir auch schon vor Corona mit Video-Sprechstunden gemacht haben. Die Technik ist eine sehr sinnvolle und hilfreiche Ergänzung und in manchen Fällen auch eine Alternative zum herkömmlichen Praxisbesuch. Aus diesem Grund arbeiten wir ja auch schon länger damit. Für ein vertrauensvolles Arzt-Patientenverhältnis, dem Grundstein jeder erfolgreichen Behandlung, brauchen wir jedoch den Kontakt vor Ort.

Ich gehe davon aus, dass Videokonsultationen weiter zunehmen, wenn sich das Leben normalisiert hat und Patienten deshalb weniger Zeit haben."

Schwachstelle bei Datenqualität

Ob sich Lipferts Beobachtung auch in den Abrechnungsdaten widerspiegelt, bleibt abzuwarten. Für das zweite Halbjahr der Pandemie liegen die ambulanten Abrechnungsdaten noch nicht vor. Die Abrechnungen aus den Arztpraxen erreichen Krankenkassen aufgrund des quartalsbezogenen Prozesses erst mit einem zeitlichen Verzug von teilweise mehr als sechs Monaten.

Diese Schwachstelle bei der Datenqualität sollte dringend behoben werden. Die Möglichkeiten der Digitalisierung sollten auch dafür genutzt werden, dass Daten aus Praxen in Echtzeit an die Kassen übermittelt werden.

Zur Person 

Jens-Uwe Lipfert ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Chirotherapie und Palliativmedizin ist Hausarzt in Wutha-Farnroda. Er arbeitet mit drei Ärztekollegen in einer Gemeinschaftspraxis. Die Ärzte und zehn Praxismitarbeiterinnen versorgen Patienten neben der Hauptpraxis auch in Standorten in Ruhla, Ortsteil Thal und in Mosbach.