"Müssen schauen, wie wir die Entstehung von Krankheiten verhindern können"
Interview aus Niedersachsen
Das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz hat für viele Reaktionen aus allen Bereichen des Gesundheitswesens gesorgt. Die TK ist davon überzeugt, dass eine Reform dringend notwendig ist, damit die Beiträge für die Versicherten nicht noch weiter steigen. Was Dr. med. Marion Charlotte Renneberg dazu sagt, wie sie zur fortschreitenden Digitalisierung steht und welche Bedeutung Prävention in ihrer künftigen Arbeit haben wird, verrät die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen im Interview.
TK: Frau Dr. Renneberg, Sie haben Anfang 2026 das Amt der Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen übernommen. Welche gesundheitspolitischen Themen haben für Sie derzeit höchste Priorität?
Dr. med. Marion Charlotte Renneberg: Die höchste Priorität hat aktuell eine maßgebliche Anpassung des GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes. Die geplanten Einsparungen würden negative Konsequenzen für die Versorgung haben, daher hat der Deutsche Ärztetag das Sparpaket in seiner jetzigen Form eindeutig abgelehnt. Das Ziel, die Krankenkassenbeiträge nicht weiter steigen zu lassen, ist natürlich richtig. Aber wenn man dem Gesundheitssystem einfach die Mittel kürzt, wird die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten darunter leiden. Das ist der falsche Weg. Wir müssen das System durch kluge Strukturveränderungen wieder leistungsfähiger und effizienter machen, nur dann können wir die Versorgung zukunftssicher aufstellen.
Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie muss Ärztinnen und Ärzte, Praxisteams, Kliniken sowie Patientinnen und Patienten spürbar unterstützen, sonst wird sie nicht angenommen.
TK: Digitalisierung soll den Versorgungsalltag erleichtern. Viele Ärztinnen und Ärzte empfinden digitale Tools jedoch häufig immer noch als zusätzlichen Aufwand. Was müsste sich ändern, damit Digitalisierung tatsächlich als Unterstützungsmöglichkeit und Erleichterung im Arbeitsalltag akzeptiert wird?
Dr. Renneberg: Digitalisierung kann entlasten - wenn sie zuverlässig funktioniert. Das ist der entscheidende Zusatz. Wenn Systeme abstürzen, Schnittstellen fehlen und Abläufe dadurch komplizierter werden, entsteht das Gegenteil von Entlastung und dann ist auch keine Akzeptanz zu erwarten. Grundsätzlich würde ich sagen: Wir stehen hier immer noch am Anfang. Die elektronische Patientenakte beispielsweise ist ein großer Schritt, aber der geplante Ausbau muss zeitnah weitergehen. Wir sind auf dem richtigen Weg, jetzt muss konsequent verbessert werden: Nutzerfreundlichkeit, Interoperabilität, Alltagstauglichkeit. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie muss Ärztinnen und Ärzte, Praxisteams, Kliniken sowie Patientinnen und Patienten spürbar unterstützen, sonst wird sie nicht angenommen.
TK: Die von der Bundesregierung eingesetzte Finanzkommission Gesundheit wird in ihrem zweiten Bericht sehr wahrscheinlich den Stellenwert von Prävention hervorheben. Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht Prävention für die Zukunft des Gesundheitswesens - und (wo) gibt es in Niedersachsen Nachholbedarf?
Dr. Renneberg: Die Finanzkommission hat die Prävention richtigerweise als entscheidende Stellgröße erkannt. Aktuell liegt unser Fokus vor allem auf der Behandlung von Krankheiten - wir müssen jedoch genauer darauf schauen, wie wir bereits die Entstehung von Krankheiten verhindern können. Hier müssen wir insbesondere auf die Themen Ernährung, Bewegung, Alkoholkonsum und Rauchen eingehen. Die Erhöhung der Steuer auf Alkohol und Tabak sowie die Einführung einer Abgabe auf stark zuckerhaltige Getränke wären hier der richtige Weg. Ärztinnen und Ärzte - auch aus unserer Kammerversammlung - haben genau diese und weitere Maßnahmen wiederholt gefordert. Um solch eine Prävention nachhaltig zu gestalten, brauchen wir mehr Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung. Ich sehe in einem Gesundheitsunterricht an Schulen eine vielversprechende Möglichkeit, um diese Kompetenz gerade bei jungen Menschen nachhaltig zu stärken. Es könnte ihnen enorm dabei helfen, gesünder durchs Leben zu gehen.
TK: Die Ärztekammer Niedersachsen setzt sich für ärztliche Weiterbildung ein. Welche Reformen wünschen Sie sich in diesem Bereich?
Dr. Renneberg: Eine Weiterbildung machen Ärztinnen und Ärzte, um sich zu spezialisieren und als Fachärztin oder Facharzt zu qualifizieren. Je nach Fachgebiet durchlaufen Ärztinnen und Ärzte dann mindestens fünf bis sechs Jahre unterschiedliche Stationen in Kliniken und Praxen und erlangen so die Fähigkeiten, die sie benötigen, um am Ende dieser Zeit eine Facharztprüfung abzulegen. Dass die Weiterbildung auch weiterhin in hoher Qualität stattfindet, ist mir aus Gründen der Patientensicherheit besonders wichtig. Und ebenso wichtig: dass junge Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit haben, ihre Weiterbildung möglichst regional zu absolvieren. Das hat mehrere Gründe. Die Weiterbildung fällt oft in eine Lebensphase, in der Ärztinnen und Ärzte eine Familie gründen. Es ist kaum zumutbar, dass sie quer durchs Land reisen müssen, um ihre Weiterbildungsabschnitte zu absolvieren. Natürlich wünschen wir uns, dass unsere jungen Kolleginnen und Kollegen in Niedersachsen bleiben und hier später arbeiten. Deshalb müssen wir Weiterbildung so organisieren, dass sie ohne Qualitäts- und Zeitverlust verlässlich planbar ist, unbürokratisch koordiniert werden kann und regional stattfindet. Wir sind hier in engem Austausch mit Kliniken, Praxen und MVZs, um Kooperationen zu intensivieren und Weiterbildungen in Verbünden auszubauen.
Natürlich wünschen wir uns, dass unsere jungen Kolleginnen und Kollegen in Niedersachsen bleiben und hier später arbeiten.
TK: Was motiviert Sie persönlich in Ihrer neuen Aufgabe als Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen?
Dr. Renneberg: Als Ärztinnen und Ärzte können wir die Rahmenbedingungen unseres Berufs und die Gesundheitsversorgung der Menschen in unserem Land mitgestalten. Die Selbstverwaltung ermöglicht es uns, fachliche Kompetenz, ethische Verantwortung und praktische Erfahrung in die Ausrichtung unseres Gesundheitswesens einzubringen. Medizinische Entscheidungen sollten in erster Linie dem Wohl unserer Patientinnen und Patienten dienen und nicht allein von ökonomischen oder politischen Erwägungen abhängig sein. Das ist ärztliches Selbstverständnis, das ist der Kern guter Versorgung - und genau dies motiviert mich in meiner Arbeit als Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Ganz besonders freut es mich, dass auch viele junge Kolleginnen und Kollegen diese Chance erkennen und sich in der ärztlichen Selbstverwaltung einbringen.
Zur Person
Dr. med. Marion Charlotte Renneberg
Dr. med. Marion Charlotte Renneberg ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und niedergelassene Hausärztin in Ilsede. Seit Januar 2026 steht sie als Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen an der Spitze der ärztlichen Selbstverwaltung des Landes. Zuvor war sie zehn Jahre lang Vizepräsidentin der Kammer und engagiert sich seit vielen Jahren in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung sowie in gesundheitspolitischen Gremien auf Landes- und Bundesebene.