Gute Steuerung braucht mehr als ein zusätzliches Vertragssystem
Artikel aus Niedersachsen
Kommentar von Annette Hempen, Leiterin der TK-Landesvertretung Niedersachsen, zur Evaluation hausarztzentrierter Versorgung von Gesundheitsökonomen Professor Dr. Jonas Schreyögg, Direktor des Hamburg Center for Health Economics (HCHE).
Die neue Evaluation der hausarztzentrierten Versorgung ist unbequem - aber genau deshalb wichtig. Sie stellt eine gesundheitspolitische Annahme infrage, die in der Debatte häufig fast selbstverständlich mitschwingt: Wenn Patientinnen und Patienten zuerst zur Hausarztpraxis gehen, wird Versorgung automatisch besser koordiniert, effizienter und wirtschaftlicher. Die von der TK veröffentlichte wissenschaftliche Evaluation zeigt jedoch: So einfach ist es nicht. Die untersuchten TK-Hausarztverträge führen weder zu weniger Facharztkontakten noch zu weniger Krankenhausaufenthalten; zugleich entstehen der TK Mehrkosten von rund 160 Millionen Euro pro Jahr.
Das ist ausdrücklich keine Kritik an den Hausärztinnen und Hausärzten. Im Gegenteil: Gerade in Niedersachsen wissen wir, wie zentral eine starke hausärztliche Versorgung ist - besonders in ländlichen Regionen, in denen sie oft die erste, verlässlichste und persönlichste Anlaufstelle im Gesundheitssystem bleibt. Die Evaluation zeigt aber auch: Gute hausärztliche Arbeit allein ersetzt kein modernes, verbindliches und sektorenübergreifend gedachtes Steuerungssystem. Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, kann auch ein gut gemeintes Modell seine Ziele verfehlen.
Die HzV in ihrer heutigen Form darf nicht vorschnell zum Blaupausenmodell für ein künftiges Primärversorgungssystem erklärt werden.
Der entscheidende Punkt lautet deshalb: Die HzV in ihrer heutigen Form darf nicht vorschnell zum Blaupausenmodell für ein künftiges Primärversorgungssystem erklärt werden. Denn ein zusätzliches Pflichtsystem neben der Regelversorgung erzeugt noch keine bessere Patientensteuerung. Im Gegenteil: Wenn Versicherte formal gebunden werden, die Versorgungspfade aber faktisch nicht zielgenau verändert werden, entstehen vor allem zusätzliche Komplexität - und zusätzliche Kosten.
Die TK zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: Wir brauchen kein Nebeneinander immer neuer Sonderverträge, sondern ein Primärversorgungssystem, das Patientinnen und Patienten von Anfang an dorthin leitet, wo ihnen am besten geholfen werden kann. Dazu gehören eine verbindliche digitale Ersteinschätzung, eine bessere Terminsteuerung und eine fallbezogene Koordination. In vielen Fällen wird diese Koordination selbstverständlich in der Hausarztpraxis liegen. In anderen Fällen kann aber auch ein direkter fachärztlicher Zugang, eine Videosprechstunde oder eine andere Versorgungsform sinnvoller sein. Genau diese Flexibilität fehlt der klassischen HzV-Logik.
Besonders relevant ist die Evaluation auch vor dem Hintergrund der angespannten Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung. Beitragsgelder müssen dort eingesetzt werden, wo sie nachweislich Versorgung verbessern. Wenn ein Vertragssystem deutliche Mehrkosten verursacht, ohne die angestrebte Steuerungswirkung zu erreichen, muss die Politik daraus Konsequenzen ziehen. Das gilt umso mehr, wenn Krankenkassen gesetzlich verpflichtet sind, solche Verträge anzubieten - unabhängig davon, ob sie im konkreten Fall einen belegbaren Mehrwert schaffen.
Das heißt nicht, dass HzV-Modelle grundsätzlich keine Rolle mehr spielen können. Dort, wo sie für bestimmte Patientengruppen einen echten Nutzen zeigen - etwa bei einzelnen chronischen Erkrankungen -, können sie auch künftig sinnvoll sein. Dann aber zielgerichtet, freiwillig und ergänzend. Nicht als pauschales Pflichtmodell für alle Kassen und alle Versicherten.
Die Evaluation ist damit weniger ein Abgesang auf die Hausarztzentrierung als ein Weckruf für eine bessere Primärversorgung.
Die Evaluation ist damit weniger ein Abgesang auf die Hausarztzentrierung als ein Weckruf für eine bessere Primärversorgung. Hausärztinnen und Hausärzte bleiben eine tragende Säule des Systems. Es braucht klare Wege, digitale Unterstützung, verbindliche Ersteinschätzung und eine Koordination, die sich am medizinischen Bedarf orientiert - nicht an historisch gewachsenen Vertragsstrukturen.
Aus TK-Sicht ist die Konsequenz klar: Die Politik sollte die Ergebnisse ernst nehmen und beim Aufbau eines Primärversorgungssystems nicht alte Strukturen fortschreiben, sondern Versorgung neu denken. Patientinnen und Patienten brauchen Orientierung. Ärztinnen und Ärzte brauchen Entlastung. Und Beitragszahlende haben Anspruch darauf, dass zusätzliche Ausgaben auch zu besserer Versorgung führen. Genau daran muss sich jede Reform messen lassen.