Im August 2025 begann Annette Hempen ein neues Kapitel in ihrer beruflichen Laufbahn - als Leiterin der TK-Landesvertretung in Hannover. Nach einem Jahr zieht die Wahl-Niedersächsin Zwischenbilanz und fordert mehr Zusammenhalt im Gesundheitswesen.
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TK: Mit welchem Gefühl sind Sie heute ins Büro gekommen?
Annette Hempen: Mit einem sehr guten Gefühl, weil ich mich inzwischen sehr gut angekommen fühle in der TK, in Niedersachsen sowieso. Das Team in unserer Landesvertretung spielt sich mehr und mehr ein, die Durchmischung mit erfahrenen und ganz neuen Kolleg:innen ist wirklich prima. Das Miteinander macht einfach sehr viel Spaß.
TK: Sie haben ihr erstes Jahr in der TK in Niedersachsen hinter sich. Was waren in dieser Zeit die größten Überraschungen für Sie - im positiven wie negativen Sinne?
Hempen: Fangen wir mit dem Negativen an, dann können wir das abhaken (lacht). Zum einen hat mich der raue Ton in der Politik überrascht, auch wenn ich davon nur bedingt betroffen bin. Weniger überrascht, als vielmehr besorgt bin ich über den großen und immer noch wachsenden Einfluss von Social Media auf die politische Meinungsbildung. Für mich ist das schwer nachzuvollziehen.
Die schönste Überraschung war gleich zu Beginn zu sehen, wie die Menschen in der TK arbeiten. Als ich früher von extern auf Krankenkassen geblickt habe, dachte ich, dass da alle mit Ärmelschonern arbeiten: zwar sehr korrekt und penibel, aber auch sehr eindimensional in ihren Sichtweisen. Aber das ist gar nicht so, also zumindest nicht der zweite Teil (lacht). Die TK ist unglaublich agil - und das nicht zuletzt dank vieler sehr, sehr kompetenter Menschen.
TK: Wir durften Sie in Ihrem ersten Jahr als Menschen kennenlernen, der die Dinge gerne anpackt und zum Guten wenden möchte - und das am liebsten gleich. Doch das ist nicht unbedingt das Motto des Gesundheitswesens…
Frustrierend wird es für mich dann, wenn politische Entscheidungen nicht von Evidenz getrieben sind. Annette Hempen
Hempen: Naja, ich bin ja zum Glück nicht erst seit gestern im Gesundheitswesen unterwegs. Insofern kenne ich dieses Phänomen. Es gibt Themen, an denen wir seit Jahrzehnten arbeiten - z.B. die Aufhebung der starken Sektorengrenzen, Digitalisierung, Bürokratieabbau, Prävention und eine längerfristige und bedarfsorientierte Krankenhausplanung. Frustrierend wird es für mich dann, wenn politische Entscheidungen irrational und nicht von Evidenz getrieben sind. Wenn das Gegeneinander schwerer wiegt als das gemeinsame Ziel.
Wir alle wollen doch das deutsche Gesundheitssystem und somit die Versorgung der Menschen besser machen. Jede und jeder von uns ist dabei nur ein kleines Zahnrädchen. Und ich glaube, man muss das verstehen und akzeptieren. Auch das kleinste Zahnrädchen kann wirksam sein, wenn es in das nächste greift. Wenn wir alle dran arbeiten, dann gehen die Dinge voran; dann werden sie gut. TK: Eine letzte Frage mit Retrospektive: Wenn Sie nicht gerade das niedersächsische Gesundheitswesen umkrempeln, spielen Sie leidenschaftlich Piccoloflöte. Welches Stück würden Sie als Soundtrack für Ihr erstes TK-Jahr auswählen?
Hempen: Es muss ein facettenreiches Stück sein. Denn so sehr ich die Arbeit hier in Hannover genieße, herrscht nicht immer heiter Sonnenschein. Wir wollen die Versorgung voranbringen - und da gibt es auch einmal Rückschläge und Frustration. Das gehört dazu. Das Leben ist wie eine Amplitude, es geht hoch und runter. Im letzten Konzert hatten wir ein Stück, das das alles gut widerspiegelt: "The Garden of Earthly Delights" von Klaas Coulembier, eine Vertonung von Hieronymus Boschs Triptychon. Das Triptychon zeigt sowohl den Garten Eden als auch die Hölle. Das passt also ziemlich gut (lacht).
TK: Was lässt sich aus dem Miteinander in Ihrem Orchester noch mitnehmen als ein guter Soundtrack?
Hempen: Wenn es darauf ankommt, sprich im Konzert, dann kommunizieren wir fast ausschließlich nonverbal. Das ist ungefiltert, das ist echt. Und ich glaube, das würde unserer Gesellschaft auch gut zu Gesicht stehen: Authentizität.
In der Musik geht es um das Erreichen eines gemeinsamen Ziels. Da werden alle gebraucht. Annette Hempen
Zudem wird im Orchester jedes Mitglied so akzeptiert, wie es ist. Da kommt es nicht drauf an, wie alt jemand ist. Ob dick oder dünn. Mann oder Frau oder keines von beidem. In der Musik geht es um das Erreichen eines gemeinsamen Ziels. Da werden alle gebraucht; auch ein einzelner Beckenschlag ist dann super wichtig. Das nehme ich mit.
TK: Stichwort langer Atem: Sie fragten zuletzt unseren Gesundheitsminister auf dem Blauen Sofa, was er sich in 5, 10 Jahren für das Gesundheitswesen in Niedersachsen wünscht. Welche Wünsche haben Sie?
Hempen: Ich wünsche mir, dass wir mutig sind. Dass wir uns trauen, echte Veränderungen herbeizuführen, um die Versorgung in Niedersachsen besser zu machen. Dafür müssen wir die Menschen mitnehmen. Denn Veränderung ist manchmal schwer zu akzeptieren, das ist menschlich. Gleichzeitig habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Menschen in Niedersachsen bereit sind, Veränderungen - auch Einschnitte - zu akzeptieren, wenn man ehrlich zu ihnen ist, wenn sie die Notwendigkeit erkennen. Dafür braucht es Ehrlichkeit, Empathie und die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln. Die meisten von uns realisieren die Versorgung vom Schreibtisch aus. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, rauszugehen und mit den Menschen zu sprechen.
TK: Wenn wir uns zum nächsten Jubiläums-Interview-Treffen, welche Musik sollte dann spielen?
Hempen: Ich komme auch privat mehr und mehr in Niedersachsen an und will im nächsten Jahr noch viele weitere Ecken meines neuen Zuhauses entdecken. Denn was ich bisher von Niedersachsen gesehen habe, ist wunderschön. Wenn ich dann so durch die Felder gehe oder über Land fahre, höre ich in meinem Kopf immer ein bestimmtes Stück, das ich mit dieser Schönheit verbinde: Die Moldau von Bedřich Smetana. Das Stück symbolisiert das Fließen - mal ruhig, mal kraftvoll - so wünsche ich mir, dass auch mein kommendes TK-Jahr nur so fließt.
Annette Hempen
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Leiterin der TK-Landesvertretung Niedersachsen.atelier pfleiderer- FOTOGRAFIE
Annette Hempen verstärkt seit dem 1. August 2025 die TK-Landesvertretung Niedersachsen. Die Medizinökonomin verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Gesundheitswesen und hat in verschiedenen medizinischen Einrichtungen umfassende Führungserfahrung gesammelt. Zuvor war sie Geschäftsführerin der MuM - Medizin und Mehr eG und verantwortete dort seit März 2016 die strategische Weiterentwicklung sowie das operative Tagesgeschäft.
Von September 2023 bis Juli 2025 war sie als Versichertenvertreterin Mitglied im Verwaltungsrat der TK. Außerdem wirkte sie bis Juli 2025 als stellvertretende Vorstandsvorsitzende des AdA-Bundesverbands der Arzt-, Praxis- und Gesundheitsnetze und prägte dort die Weiterentwicklung vernetzter Versorgungsstrukturen.