"Es geht um nicht weniger als eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung"
Interview aus Niedersachsen
Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi über den Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) 2026, Chancen und Risiken des Krankenhausreformanpassungsgesetzes (KHAG) und den Balanceakt zwischen Kostendruck und Qualitätsanspruch.
TK: Herr Minister, der GMK-Vorsitz ist mehr als nur Sitzungsleitung. Welche konkrete gesundheitspolitische "Baustelle" wollen Sie 2026 sichtbar voranbringen - und woran werden wir den Fortschritt messen können?
Dr. Andreas Philippi: Die diesjährige GMK steht ganz unter dem Leitmotto "sicher.versorgt.überall.". Damit machen wir klar, dass es uns um nichts anderes geht als um eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung. Hierzu gehören etwa eine bessere Steuerung von Patientinnen und Patienten oder die Einführung eines Primärversorgungsmodells. Darüber hinaus setzen wir uns in Niedersachsen dafür ein, dass Wartezeiten verkürzt und die Hybrid-DRG bei Fachärztinnen und Fachärzten angepasst werden. Ebenso werden wir darüber sprechen, wie die Apotheken insbesondere im ländlichen Raum gestärkt werden und wie Gesundheitseinrichtungen schnell und effizient auf zivile und militärische Zwischenfälle reagieren können. Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Verbesserung der personellen und technischen Ausstattung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes.
TK: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen gilt als Dauerprojekt. Wo sehen Sie den größten Hebel: bei der Entwicklung der ePA, bei der Nutzung von Daten zur Prävention oder bei der digitalen Ersteinschätzung?
Philippi: Die Digitalisierung ist eine große Chance für das Gesundheitssystem. Natürlich ersetzt sie keinen direkten ärztlichen Kontakt, aber sie kann die Steuerungsmechanismen erheblich erleichtern. Ein gutes Beispiel ist für mich die Neuaufstellung des kassenärztlichen Notdienstes in Niedersachsen. Der Erstkontakt mit medizinischem Personal erfolgt mittlerweile ausschließlich telefonisch oder digital. Rund 80 Prozent der Patientinnen und Patienten lassen sich damit nach Aussage der KVN zufriedenstellend versorgen. Auch können KI-Systeme für schnellere Diagnosedaten sorgen. Dass am Anfang nicht immer alles reibungslos klappt, wie z.B. bei der ePA, ist völlig normal und sollte uns nicht aus der Ruhe bringen. Grundsätzlich gilt es, Berührungsängste abzubauen und Digitalisierung nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung zu sehen.
Grundsätzlich gilt es, Berührungsängste abzubauen und Digitalisierung nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung zu sehen.
TK: Primärversorgung wird bundesweit neu gedacht. Wie stellen Sie sich ein zukunftsfähiges Primärversorgungssystem vor - insbesondere für Flächenländer wie Niedersachsen?
Philippi: Eine zentrale Schlüsselposition in einem modernen Gesundheitswesen nehmen für mich die Hausärztinnen und Hausärzte ein. Andere Länder zeigen bereits vorbildhaft, dass sie als erste Anlaufstelle die weitere Steuerung an die Fachärztinnen und Fachärzte übernehmen können. Mir schwebt dabei kein reines Primärarztsystem vor, sondern die Einführung eines Primärversorgungssystems. Das bedeutet, dass neben Ärztinnen und Ärzten neue Fachkräfte hinzukommen, die bestimmte Aufgaben übernehmen. Das können Physician Assistants sein, für die wir in Niedersachsen gerade schon eine Förderung umsetzen, aber auch nichtärztliche Praxis- und Versorgungsassistenten.
Dr. Andreas Philippi
Dr. Andreas Philippi wurde am 4. Juli 1965 in Wehrda (jetzt Marburg) geboren. Seit dem 25. Januar 2023 ist der Facharzt für Chirurgie (SPD) Niedersächsischer Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung. 2026 übernimmt Niedersachsen mit Dr. Philippi für die Dauer eines Jahres den Vorsitz der 99. Konferenz der für Gesundheit zuständigen Ministerinnen und Minister bzw. Senatorinnen und Senatoren (GMK).
TK: Die Krankenhausreform verspricht mehr Qualität durch Leistungsgruppen und Spezialisierung. Wie haben Sie die Verhandlungen zwischen dem Bund und den Ländern hinsichtlich des KHAG wahrgenommen? Können Sie die Sorge teilen, dass zu viele Kompromisse den Sinn des KHAG verwässern könnten?
Philippi: Bund und Länder haben bis zuletzt um gute Lösungen bei der Krankenhausreform gerungen und am Ende Handlungsfähigkeit und Kompromissbereitschaft gezeigt. Natürlich verstehe ich die Sorge derer, die Verwässerung befürchten, allerdings geht es uns nicht darum, das Gesetz zu verwässern, sondern zu verbessern. An den grundsätzlichen Zielen der Reform wollen wir nicht rütteln, allerdings ist es wichtig, dass auch die besonderen Herausforderungen, mit denen sich gerade Flächenländer wie Niedersachsen konfrontiert sehen, ausreichend Berücksichtigung finden. Eine Reform bringt wenig, wenn am Ende die medizinische Versorgung darunter leidet.
An den grundsätzlichen Zielen der Reform wollen wir nicht rütteln.
TK: Digitale Innovationen entstehen häufig außerhalb klassischer Versorgungsstrukturen. Wie wollen Sie Start-ups und technologische Akteure systematischer in gesundheitspolitische Prozesse einbinden?
Philippi: Technische Innovationen von Firmen, die sich auf den Bereich Medizin spezialisiert haben, sind bereits heute eine große Bereicherung. Erst im vergangenen Jahr habe ich das Projekt eines niedersächsischen Unternehmens besucht, das eine mobile Stroke Unit entwickelt hat. Darunter ist ein Rettungswagen zu verstehen, der ein mobiles CT für die Schlaganfallakutversorgung beinhaltet. Auch in der Pflege gibt es beeindruckende Beispiele, wie z.B. den Pflegeroboter Ricky, der mit den Pflegebedürftigen kommunizieren kann. Ich werbe sehr stark dafür, dass solche Anwendungen den Weg in die Praxis finden. Aber wie bereits angedeutet, muss auch erst eine gewisse Skepsis überwunden werden.
TK: Wenn Sie am Ende Ihres GMK-Vorsitzes auf 2026 zurückblicken: Was müsste passiert sein, damit Sie sagen können, es war ein struktureller Erfolg: wir Niedersachsen haben uns gut eingebracht?
Philippi: Ich möchte, dass wir am Ende des Vorsitzjahres in all den genannten Punkten zwischen Bund und Ländern abgestimmte Konzepte haben. Oder besser gesagt: einen Fahrplan, der konkret vorgibt, welche Schritte wir hinsichtlich der ambulanten und der stationären Versorgung, der Stärkung unserer Apotheken, der Krisenresilienz sowie des Öffentlichen Gesundheitsdienstes unternehmen werden. Es geht dabei um das klare Signal, dass alle Akteurinnen und Akteure die Herausforderungen verstanden haben und gemeinsam an einem Strang ziehen.
TK: Unser Gesundheitssystem ist im internationalen Vergleich teuer, in der Leistungsfähigkeit aber durchschnittlich. Wo sehen Sie die größten Chancen, das Finanzierungsproblem zu lösen und eine Beitragssteigerung zu vermeiden?
Philippi: Wir erleben seit einigen Jahren, dass Medizin viel individualisierter geworden ist. Es gibt Medikamente und Therapien, die teilweise mit sehr hohen Kosten verbunden sind. In Niedersachsen verfolgen wir den Ansatz, Leistungen konstengünstiger anzubieten, in dem wir sie zunehmend auf ambulantem Wege durchführen. Zugleich gibt es Defizite struktureller Art. So muss definitiv darüber nachgedacht werden, wie mit den Freibeträgen für Angehörige umgegangen werden soll. Es ist ein schwieriger Spagat zwischen dem Ziel, dass nicht alles teurer werden darf und dem Ziel, dass es nicht weniger Leistung geben darf.
Es ist ein schwieriger Spagat zwischen dem Ziel, dass nicht alles teurer werden darf und dem Ziel, dass es nicht weniger Leistung geben darf.