Sandro marschiert auf einem Laufband, die Bewegung tut ihm gut, sagt er, und er habe mehr Appetit und würde auch mehr trinken. "Unser Bewegungsprogramm hat viele Vorteile", sagt Karolin Zeller. Sie ist Sportwissenschaftlerin und trainiert mit den jungen Patientinnen und Patienten während der Akuttherapie und in der Nachsorge im extra Sportraum der Kinderkrebsstation. "Die Sporttherapie hilft bei körperlicher Schwäche, Schmerzen und bei Niedergeschlagenheit. Sie kann Appetitlosigkeit reduzieren und reguliert die Flüssigkeitsaufnahme. Dazu stärkt sie das Selbstbewusstsein der jungen Patientinnen und Patienten."

Keine Bewegung führt auch bei Gesunden zu Muskelverlust

Karolin Zeller nimmt die fünfjährige Ida an die Hand und hilft ihr, auf einem Parcours zu balancieren. Selbstbewusst geht das Mädchen über die bunten Stapelsteine. Als nächstes läuft sie zu den rosa Kinderhanteln und hebt sie viermal hoch, bis es schon zur nächsten Station geht. Ida darf heute selbst entscheiden, was sie als nächstes machen möchte. Sie saust flink durch den Sportraum. "Spielerische Angebote und eine gute Bindung zu den Kindern und Jugendlichen sorgen dafür, dass die Sporttherapie während der Krebsbehandlung klappt", erklärt Zeller. Deshalb wird zum ersten Kennenlernen und als Motivation auch manchmal die Spielkonsole der Station ausgepackt und gemeinsam gezockt oder per Computer-Choreographie getanzt. Gerade die Teenager holen Karolin Zeller und ihre drei Kolleginnen und Kollegen so aus dem Klinikbett. "Krebs-Patientinnen und -Patienten verbringen den ganzen Tag in Bett sitzend oder liegend, das würde auch bei gesunden Menschen zu einem Muskelverlust führen. Daher ist jede Minute Bewegung für die Kinder ein Gewinn", erklärt Zeller.

Treffen im Sport­raum

Prof. Dr. med. Markus Metzler, Paula Kinzel und Karolin Zeller Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
von links nach rechts: Prof. Dr. med. Markus Metzler, stellvertretender Klinikdirektor und Abteilungsleiter für Onkologie und Hämatologie im Universitätsklinikum Erlangen, Paula Kinzel, Vertragsreferentin bei der TK in Bayern und Sportwissenschaftlerin Karolin Zeller

Reduktion von Therapie-Nebenwirkungen wie Wassereinlagerungen und Fatigue

Die Idee des speziellen Bewegungsprogramms für Kinder und Jugendliche mit Krebs haben Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler am Universitätsklinikum Leipzig erforscht und entwickelt. Die TK in Sachsen hat die wegweisende Idee als erste gesetzliche Krankenkasse unterstützt. Mittlerweile übernehmen, neben der TK, auch die KKH, hkk und HEK die Kosten für die behandlungsbegleitende Sporttherapie auf der kinderonkologischen Station in Erlangen. 

Prof. Dr. med. Markus Metzler, stellvertretender Klinikdirektor und Abteilungsleiter für Onkologie und Hämatologie im Universitätsklinikum Erlangen, hat den Aufbau der Sporttherapie am Klinikum 2017 initiiert. Er ist von der positiven Wirkung überzeugt. "Im Vordergrund steht der Aufbau der Muskelmasse und die Infektionsvermeidung. Hinzu kommen die Reduktion von Therapie-Nebenwirkungen wie Wassereinlagerungen und Fatigue und nicht zuletzt die positive Erfahrung der Patientinnen und Patienten, trotz der Krebserkrankung leistungsfähig zu sein."

Die Sport­the­rapie für Kinder und Jugend­liche mit Krebs

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Je nach Krebsart - am häufigsten sind in dieser Altersgruppe Leukämien und Hirntumore - gibt es unterschiedliche Anforderungen an die Sporttherapie. Die Altersgruppen und Erkrankungsbilder sind darüber hinaus sehr heterogen, daher muss das vierköpfige Team aus Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern ganz individuell auf die Kinder und Jugendlichen, deren aktuellen Zustand und die bisherige Erfahrung mit Bewegung und Sport eingehen. Ausschlusskriterien sind Fieber, starke Übelkeit, Thrombosen oder Patientinnen und Patienten mit hochdosierten Chemotherapien.

Sport als wertvolle Ressource

"Alle anderen, die älter als drei Jahre sind, sollten regelmäßig aufs Laufband, ans Klettergerüst oder über den Parcours laufen", sagt Zeller. Die meisten Patientinnen und Patienten sind während der Akutbehandlung zwei bis drei Wochen durchgehend in der Klinik und kommen dann zur Nachsorge in die Tagesklinik. Wer gerade vor Ort ist, erfahren die Sporttherapeutinnen und -therapeuten anhand der täglichen Belegungsliste. Besonders freut sich Karolin Zeller, wenn Kinder während der Krebstherapie den Sport als wertvolle Ressource entdecken und von ganz alleine in den Sportraum kommen, um sich auszutoben und vom Klinikalltag abzuschalten. So wie Ida und Sandro. 

Eltern, die sich sorgen, dass die Bewegung ihr Kind zusätzlich belastet, überzeugt sie von den Vorteilen der begleitenden Sporttherapie. "Zum gemeinsamen Gespräch habe ich auch schon die Eltern auf das Laufband geholt", sagt sie. Karolin Zeller und ihr Team möchten, dass der Sport und die Bewegung auch nach der Behandlung eine Rolle im Leben der Kinder und Jugendlichen spielen: Neben der sporttherapeutischen Arbeit, organisieren sie Aktionstage bei Sportvereinen, die ihren ehemaligen Patientinnen und Patienten und deren Familien Sportaktivitäten oder Eintrittskarten für Spiele spendieren. "Oft", sagt Zeller, "ist die Freude am Sport auch nach der Therapie noch da."