TK: Frau Krieg, "ein gesundheitsbewusster Umgang mit der Pandemiesituation an Hochschulen" - was gehört aus Ihrer Sicht dazu?

Andrea Krieg: Am wichtigsten ist es, Sicherheit und Strukturen zu geben. Das haben mir die vergangenen Wochen und Monate ganz deutlich gezeigt. Das bedeutet, dass die Hochschule in dieser Ausnahmesituation so klar und aktuell wie möglich kommuniziert, welche Regeln für die Studierenden und Beschäftigten gelten: Unter welchen Voraussetzungen darf ich an in die Uni kommen? Falle ich durch die Prüfung, weil meine digitalen Zugänge nicht funktionieren? Wie ist das Infektionsgeschehen an der Hochschule? All das, was die Menschen für ihr aktuelles Lernen und Arbeiten bei uns brauchen, sollen sie eindeutig und leicht nachvollziehbar von einer Stelle erfahren und nicht an verschiedensten anderen Stellen recherchieren müssen.

Wir haben einen Krisenstab, der sehr gut und aktuell arbeitet. Die Aufgabe der Universitätsleitung und Pressestelle ist es dann, die vielen Informationen und die Ergebnisse, die dort besprochen werden, aufzubereiten und für alle an der Hochschule schnell zugänglich zu machen. Wir als Gesundheitsmanagement sind Mitglied des Krisenstabs und können uns einbringen.

Langfristig geht es darum, die Gesundheitskompetenzen zu stärken und die Selbstwirksamkeit zu erhöhen. Damit meine ich beispielsweise Resilienz und das Vermögen, für Veränderungen offen zu sein. Nicht immer nur darauf zu schauen, was nicht klappt, sondern auf das, was unter den gegebenen
Bedingungen möglich ist.

Andrea Krieg

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Leiterin der Stabsstelle Campus-Familie an der TU Ilmenau

Wir müssen an die grundsätzlichen Ursachen für zum Beispiel Überforderungssituationen, die sich jetzt verständlicherweise zeigen. Nur Pflaster kleben reicht nicht. Diese Erkenntnis hätte ohne die Pandemie sicher noch etwas auf sich warten lassen und bietet aus meiner Sicht große Chancen.

TK: Heißt das, die klassischen Präventionsfelder Ernährung und Bewegung spielen im Moment keine Rolle?

Krieg: Sie spielen erst dann eine Rolle, wenn die mentale und organisatorische Sicherheit gegeben ist. Wir an der TU Ilmenau haben natürlich im Frühjahr auch erst einmal agiert: Newsletter verschickt, etwa zum Thema Homeoffice oder zum Studieren von zu Hause aus. Wie arbeitet man da? Worauf muss ich in Videokonferenzen achten? Und schon wurden die Empfänger mit noch mehr Informationen überschüttet als ohnehin schon. Jetzt haben wir dazugelernt: Auch wenn eine Informationsbegleitung durchaus nützlich ist, sollte sie von zentraler Stelle und nicht von vielen Seiten erfolgen.

Im zweiten Schritt sind auch wieder die bekannten Schwerpunkte interessant. Unser Sportzentrum bietet zum Beispiel den sogenannten Pausenexpress an. Das sind kurze digitale Sporteinheiten für Beschäftigte und Studierende. Auch ein großer Teil des Sportangebots unseres Sportzentrums wurde online zur Verfügung gestellt.

Die Beratungsstellen an der Universität haben ihre Angebote um digitale Beratungsformate ergänzt. Es gibt viele neue Herausforderungen, die die Pandemie für die Menschen an der Universität hervorgebracht hat, und ich denke, dass wir das hier an der Uni ganz gut gemeistert haben. Letztlich geht es bei allen Maßnahmen darum, den Menschen und das menschliche Miteinander im Blick zu behalten. Wenn der Mensch nicht gesund ist, ist es auch nicht die Organisation.

Die klassischen Präventionsfelder spielen erst dann eine Rolle, wenn die mentale und organisatorische Sicherheit gegeben ist.
Andrea Krieg

TK: Im Austauschforum "Von Hochschule - für Hochschule" der Initiative Gesunde Hochschule in Thüringen sprechen die zehn öffentlichen Hochschulen Thüringens regelmäßig miteinander. Hatte das einen Einfluss auf den Umgang mit der Pandemie, zum Beispiel wenn es darum ging, digitales Lernen und Lehren zu gestalten?

Krieg: Gesundheitsförderung in der digitalen Lehre war bisher kein Thema im Austauschforum, aber wir werden das natürlich aufgreifen. Jede Hochschule hat ihr eigenes Gesundheitsmanagement, und der Sinn des Forums besteht darin, sich auszutauschen, Best Practices vorzustellen und Herausforderungen kritisch zu diskutieren.

Aus meiner Sicht ist es für die digitale Lehre das wichtigste zu erkennen, dass man die analogen Angebote nicht eins zu eins digital übersetzen kann. Es bedarf einer anderen Didaktik und der klaren Formulierung von Rahmenbedingungen, vor allem bei Gruppenarbeiten.

Der etablierte vertrauensvolle Austausch ist generell in diesen besonderen Zeiten sehr hilfreich. Es ist nie gut, nur im eigenen Saft zu schwimmen. Und für spezifische Fragen zum Umgang mit der Pandemie, die ja für alle neu ist, war es umso hilfreicher, sich mit den anderen Thüringer Hochschulen auszutauschen.

TK: Bezüglich welcher nötigen Maßnahmen zum Gesundheitsmanagement wurden Sie seit der Pandemie besonders angesprochen?

Krieg: Wir waren einer der zentralen Ansprechpartner für Fragen von Beschäftigten und Studierenden zu den klassischen Rahmenbedingungen: Wer stellt Desinfektionsmittelspender auf? Gibt es Masken von der Hochschule? Kann ich Dienstreisen noch antreten? Und so weiter.

Für spezifische Fragen zum Umgang mit der Pandemie war es umso hilfreicher, sich mit den anderen Thüringer Hochschulen auszutauschen.
Andrea Krieg

In der psychosozialen Beratungsstelle für Studierende spielt die Sorge um Familienmitglieder und die Vereinsamung im Lockdown eine große Rolle. Teilweise konnten unsere internationalen Beschäftigten und Studierenden lange Zeit nicht nach Hause fahren. Wenn man sich dann auch hier vor Ort nicht treffen kann, ist das nicht einfach. Wir suchen noch nach kreativen Ideen, wie wir dieser Herausforderung begegnen können.

Abgesehen davon waren die Themen in der Beratung nicht viel anders als vor der Pandemie.

TK: Können Sie Beispiele für Aktivitäten nennen, die gut laufen oder jetzt besonders hilfreich sind?

Krieg: Anfang November konnten sich bei uns 360 Leute gegen Grippe impfen lassen. Das kam sehr gut an, und viele waren wirklich dankbar.

Auch haben wir gerade eine Befragung unserer Beschäftigten durchgeführt und warten auf die Ergebnisse. Über 50 Prozent haben sich beteiligt - das ist ein großer Erfolg. Aus den Ergebnissen können wir in Kürze gemeinsam mit der Universitätsleitung notwendige Handlungsfelder ableiten. Aus meiner Sicht sind wir am wirksamsten und hilfreichsten als Gesundheitsförderung, wenn wir es schaffen, an laufenden Prozesse anzudocken, diese mit unserer Fachkompetenz gesundheitsfördernd begleiten und die Gesundheitskompetenzen bei Studierenden und Hochschulmitarbeitern stärken.

Zur Person

Andrea Krieg leitet seit zehn Jahren die Stabsstelle Campus-Familie an der TU Ilmenau. Sie verantwortet zudem das Universitäre Gesundheitsmanagement und ist Projektleiterin des
Austauschforums Gesunde Hochschulen in Thüringen.

Zu den Themenschwerpunkten der Diplom-Betriebswirtin zählen neben Gesundheit auch Wertekultur, Diversität und Konfliktbewältigung. Andrea Krieg ist ausgebildete Mediatorin, Supervisorin und Coach.