Mit den digitalen Veränderungen im Gesundheitswesen beschreiten wir unaufhaltbar den Weg in eine vernetzte Versorgungswelt. Während gegenwärtig noch Sektorengrenzen, analoge Prozesse und statische Arbeitsabläufe die Versorgungsrealität kennzeichnen, werden die Patientengewohnheiten des digitalen Zeitalters unsere analogen Strukturen immer mehr überfordern. 

Fünf Thesen für das Gesundheitswesen in Mecklenburg-Vorpommern

Wir erwarten in den kommenden Jahren folgende Entwicklungen im Gesundheitsland Mecklenburg-Vorpommern:

These 1: Die Grenzen zwischen den einzelnen Versorgungssektoren werden nach und nach verschwinden.

Insbesondere der demografische Wandel und der Wegzug jüngerer Personen aus den ländlichen Gebieten, wird diesen Trend beschleunigen. Zukünftig werden bestehende Kapazitäten in den einzelnen Sektoren gezielt zur Sicherstellung einer bedarfsgerechten Versorgung eingesetzt.  Sundmacher et al. (2018) liefern bereits einen spannenden Ansatz zur sektorenübergreifenden Bedarfsplanung. Die TK-Landesvertretung ist ebenfalls überzeugt von der Idee,  Kapazitäten ganzheitlich zu planen und fordert dies in ihrer politischen Position .  

These 2: Politische und geografische Grenzen verlieren ihre Relevanz bei der Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen.

Im Herzen des freizügigen Euros werden die Menschen Gesundheitsdienstleistungen unabhängig von Ort und Zeit nachfragen. Die technischen Lösungen für derartige Services gibt es bereits. Für zukunftssichere und leistungsfähige Versorgungsstrukturen ist es daher wichtig, Versorgungsprozesse nah an den Bedürfnissen der Patienten auszurichten und nicht an den Organisationsbedürfnissen der Körperschaften oder Leistungserbringer. Die Aufhebung des Fernbehandlungsverbots in Mecklenburg-Vorpommern zeigt, dass die Ärzteschaft in M-V diesen Trend bereits erkannt hat.

These 3: Die traditionellen Berufsbilder im Gesundheitswesen werden sich verändern.

Seit dem Zeitalter der Industrialisierung sind die Menschen davon fasziniert monotone und körperlich belastende Aufgaben durch Roboter substituieren zu lassen. In einigen Wirtschaftsbereichen, z. B. in der Automobilindustrie, erleichtern Maschinen die Arbeitslast der Beschäftigten bereits seit Jahrzehnten. Nun liefern digitale Helfer ähnliche Aussichten für das Gesundheitswesen. OP-Roboter und spezielle Eingabegeräte unterstützen bereits heute die Versorgungsakteure. In Zukunft werden in den datengetriebenen Disziplinen die Aktionen der Behandler unterstützen. Zukünftige Generationen von Ärzten, Pflegern und Physiotherapeuten werden direkt mit Computerprogrammen kommunizieren. Insbesondere die intelligenten Bildinterpretationen und Datenauswertungen von Softwareprogrammen werden den Bedarf für veränderte Berufsbilder schaffen. 

These 4: Computertechnologien werden den menschlichen Austausch im Gesundheitswesen fördern.

Bürokratische Pflichten, z. B. die Patientendokumentation, Ausfertigung von Arztbriefen und Befundablagen binden eine Vielzahl dringend benötigter Versorgungskapazitäten. Die zeitlichen Ressourcen für diese Aufgaben fehlen am Patienten. Digitale Technologien wie die elektronische Patientenakte (ePA) werden das Personal im Gesundheitswesen entlasten. Gleichsam bildet die ePA eine zentrale Säule für das Selbstmanagement und die Gesundheitskompetenz von Patienten. Für zukünftige Erweiterungen ist es wichtig, dass die Akten nicht als Sammelbehälter von Daten und Dokumenten missbraucht werden. Nur wenn die Ablage entsprechender Dateien strukturiert ist - also die einzelnen Datenfelder genau definiert sind - können mit Hilfe von Algorithmen entsprechende Hinweise an Behandler und Patienten gegeben werden.

These 5: Intuition und Erfahrung bleiben im Gesundheitssystem der Zukunft unerlässlich.

Gegenwärtig entsteht oftmals der Eindruck, dass computergestützte Systeme und menschliche Expertise im Wettstreit befinden. Die Zukunft der bestmöglichen Versorgung ist allerdings vernetzt, interdisziplinär und kooperativ. Im Wettstreit quantitativer Analysen, der Datenspeicherung und Datenauswertung werden Wissensnetze die Behandler unterstützen. Die Heilkunst wird für absehbare Zeit Heilkunst bleiben. Intuition und Erfahrung sind weiterhin Schlüsselfähigkeiten der Patientenbehandlung. Die Bedeutung von Expertensystemen zur Entscheidungsfindung wird dennoch beträchtlich zunehmen.

Strukturwandel frühzeitig gestalten und aus internationalen Erfahrungen lernen

Einige Länder in der Europäischen Union haben sich bereits vor einiger Zeit auf den Weg gemacht, um Versorgungsprobleme zu lösen. Das dänische Gesundheitssystem beispielsweise krankte vor zwei Jahrzehnten an mangelnder Versorgungsqualität, elendigen Wartezeiten und ausbaufähigen Behandlungsoutcomes. Dies führte dazu, dass ein erheblicher Teil der süddänischen Bevölkerung den Weg zu einem Arzt in Deutschland auf sich nahm. Seitdem hat die dänische Regierung eifrig die Weichenstellung für ein besseres Gesundheitswesen betrieben. Der ambulante Sektor wurde massiv gestärkt, die dänischen Krankenhäuser haben sich spezialisiert und auch die digitale Infrastruktur wurde rasch ausgebaut. Mittlerweile zeigen die Reformen Wirkung, wenn auch nicht nur positive. Mit Blick auf die Versorgungsherausforderungen in unserem Bundesland wird angesichts der dänischen Erfahrungen deutlich, ein einfaches weiter so wird die Probleme ebenso wenig lösen, wie politisch motivierte Individuallösungen.