Mehr Unterstützung in der Versorgung durch Physician Assistants
Interview aus Sachsen
Wie kann das Gesundheitswesen entlastet und die ärztliche Versorgung zukunftsfest gemacht werden? Eine Lösung könnten Physician Assistants (PAs) sein. Über die Chancen und Herausforderungen tauschten sich Vertreterinnen und Vertreter des sächsischen Gesundheitswesens bei einem Fachgespräch der TK-Landesvertretung Sachsen aus.
In seiner Keynote betonte Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, die Bedeutung klarer Aufgabenprofile und geregelter Rahmenbedingungen für eine gelingende Zusammenarbeit. Im Interview erklärt er, warum PAs ein wichtiges Bindeglied im Versorgungsteam sein können - und wo er die nächsten Schritte sieht.
TK: Welche Chancen ergeben sich mit dem Einsatz von Physician Assistants (PAs) für die Gesundheitsversorgung?
Erik Bodendieck: Der Zuwachs an wissenschaftlichen Erkenntnissen, der Einzug neuer Technologien in nahezu allen Versorgungsbereichen, soziodemografische und ökonomische Entwicklungen, neue Rollenerwartungen sowie nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe erfordern eine permanente und systematische Anpassung der Gesundheitsversorgung. Für erforderliche personelle Ressourcen sind in diesem Zusammenhang sowohl der Mehrbedarf an medizinischen Versorgungsleistungen als auch der Ersatzbedarf infolge der Alterung des derzeitigen Personals bedeutsam.
Der Beitrag von PAs zur Gesundheitsversorgung besteht in der dauerhaften und damit routinierten Übernahme delegierbarer ärztlicher Tätigkeiten, wobei der Grundgedanke einer einheitlichen Heilkundeausübung von Ärztinnen und Ärzten davon unberührt bleibt. Weiterhin sind die Tätigkeiten zu beachten, die aufgrund gesetzlicher Vorgaben unter ärztlichem Vorbehalt stehen. Im Grunde muss gelten: "Wo Routinen verlassen werden, braucht es den Arzt/die Ärztin."
PAs können Arztpraxen und Kliniken vor allem bei Routineaufgaben entlasten und die Patientenversorgung verbessern.
Vor diesem Hintergrund können sowohl der ambulante als auch der stationäre Versorgungsbereich vom Einsatz von PA profitieren. PAs können Arztpraxen und Kliniken vor allem bei Routineaufgaben entlasten und die Patientenversorgung verbessern. Dadurch bleibt Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit für schwierige Fälle und sie können sich stärker auf Diagnostik, Therapieentscheidungen und komplexe Verläufe konzentrieren. Durch die Übernahme delegierbarer Tätigkeiten können mehr Patientinnen und Patienten behandelt und so Wartezeiten verkürzt werden. Dies kann sich positiv auf die Patientenzufriedenheit und auch wirtschaftlich positiv auf Praxis und Klinik auswirken.
Das Modell des PA stößt dort klar an Grenzen, wo eine Endabstimmung zwischen Ärzteschaft und PA nicht mehr möglich ist. Ebenso hängt die mögliche Delegierbarkeit von Leistungen erstens vom Schwierigkeitsgrad und der Komplexität derselben sowie vom Kenntnis- und Fertigkeitsstand der PA ab.
TK: Gibt es bereits Erfahrungen mit PAs im stationären Bereich?
Bodendieck: Aus chirurgischen und unfallchirurgischen Kliniken wird berichtet, dass PAs eine merkliche Entlastung der Assistenz- und Fachärzte bringen, insbesondere bei Routineaufgaben und Dokumentation. Sie tragen auch zur Kontinuität auf Station bei, weil sie oft länger auf derselben Station bleiben als rotierende Assistenzärzte. PAs werden vom ärztlichen Dienst, der Pflege und Patienten überwiegend positiv wahrgenommen, wenn Rollen und Kompetenzen klar definiert sind. Nur ein Beispiel: In chirurgischen Abteilungen wurden angehende PAs als wertvoll beschrieben, weil sie Anamnesen, bestimmte invasive Tätigkeiten in der Notaufnahme, Dokumentation und Angehörigengespräche übernehmen und so die Station spürbar stabilisieren. Weitere Vorteile sind die Entlastung der ärztlichen Dienstpläne, besonders bei Routine‑ und Dokumentationstätigkeiten, oder die Verbesserung der Termin- und Schnittstellenkoordination.
Extrem hilfreich dabei sind klare Stellenprofile und eine gute Einarbeitung der PAs, damit es nicht zu Überschneidungen mit der Pflege oder Assistenzärzten kommt.
TK: Mit dem BÄK-Papier, welches in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Physician Assistants entstand, erfolgte eine Öffnung für die ambulante Versorgung. Welche Einsatzmöglichkeiten für PAs sehen Sie in diesem Bereich?
Erste Auswertungen zeigen, dass PAs besonders in größeren Hausarztpraxen und MVZ mit vielen Chronikern und hoher Akutlast einen deutlichen Mehrwert bringen.
Bodendieck: Im ambulanten Bereich gibt es inzwischen eine ganze Reihe sinnvoller Einsatzmöglichkeiten für PAs, vor allem in Hausarztpraxen und MVZ, aber auch in fachärztlichen Praxen. Dazu gehören die Unterstützung der ärztlichen Sprechstunde, wie Vorbereitung, strukturierte Anamnese, Basisuntersuchungen oder Dokumentation. Aber auch in der Akutsprechstunde bei einfachen, monosymptomatischen Beschwerden wie Halsschmerzen, banale Infekte, kleinere Verletzungen oder im Impfmanagement. In der Chronikerbetreuung können PAs im Rahmen von Disease‑Management‑ Programmen zum Beispiel Blutdruck- und Blutzuckerkontrollen, Medikationschecks und der Schulung nach Vorgabe übernehmen. Weiterhin delegierte Hausbesuche bei stabilen Patienten, hier zum Beispiel Wundkontrollen, Vitalzeichenkontrolle oder Verlaufskontrollen bei bekannten Diagnosen, und die Mitwirkung bei Pflegeheimbesuchen, bei der Kommunikation mit Pflegepersonal und Angehörigen.
Mit der Digitalisierung ergeben sich weitere Punkte, wie die Vorbereitung ärztlicher Telefon- oder Videosprechstunden im Bereich der Informationssammlung und Strukturierung der Befunde.
Bisherige ambulante Modellprojekte zum Einsatz von PAs ergeben überwiegend positive Rückmeldungen von Praxen und Patienten. Erste Auswertungen zeigen, dass PAs besonders in größeren Hausarztpraxen und MVZ mit vielen Chronikern und hoher Akutlast einen deutlichen Mehrwert bringen.
TK: Kann der Physician Assistant langfristig dazu beitragen, die medizinische Versorgung gerade im ländlichen Raum zu stabilisieren - oder braucht es dafür zwingend strukturelle Reformen, die über neue Berufsprofile hinausgehen?
Bodendieck: Ein Versorgungsengpass droht vor allem in ländlichen Regionen. Um dort dem Fachkräftemangel schnell entgegensteuern zu können, ist es daher sehr wichtig, das Berufsbild Physician Assistance sowohl für den ambulanten als auch den klinischen Sektor weiterzuentwickeln. Der PA ist ein akademischer Gesundheitsberuf. Daher muss insbesondere diskutiert werden, inwieweit für dieses Berufsbild ein entsprechendes Berufsgesetz und damit Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen notwendig sind. Derzeit fehlt es an einer konkreten berufsrechtlichen Regelung für den Beruf des PA, die aber unabdingbar ist.