TK: Demografischer Wandel, überfüllte Notaufnahmen und steigende Einsatzzahlen setzen die Notfallversorgung im Land zunehmend unter Druck. Wie kann Digitalisierung helfen, das Rettungswesen zu entlasten und effizienter zu gestalten?

Dr. Carsten Lott: Angesichts dieser Entwicklungen steht die Notfallversorgung tatsächlich vor großen Herausforderungen. Digitalisierung hilft schon jetzt dabei, Abläufe effizienter zu gestalten und Einsatzkräfte zu entlasten. Bereits bei der Notrufabfrage können digitale Systeme unterstützen, indem sie Informationen standardisiert erfassen, strukturieren und dokumentieren. Künstliche Intelligenz trägt beispielsweise dazu bei, Sprachbarrieren zu überwinden oder die Einschätzung der Dringlichkeit zu unterstützen, sodass Patientinnen und Patienten schneller in die passende Versorgung gelenkt werden.

Dr. Carsten Lott

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Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes für den Bereich Mainz 

Auch die Alarmierung und Koordination im Rettungsdienst lässt sich softwaregestützt verbessern: Verfügbare Ressourcen können gezielter eingesetzt und komplexe Abläufe unter hohem Zeitdruck besser gesteuert werden. Gleichzeitig ermöglichen digitale Anwendungen eine präzisere Ortung von Ersthelferinnen und Ersthelfern, wodurch wichtige Zeit bis zum Beginn der Behandlung gewonnen wird.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die digitale Dokumentation und der sektorenübergreifende Informationsaustausch. Daten lassen sich ohne Medienbrüche zwischen Rettungsdienst, Kliniken und anderen Versorgungsbereichen weitergegeben. Telemedizinische Lösungen unterstützen zudem die Versorgung, etwa durch ärztliche Beratung aus der Ferne oder die bessere Einschätzung, welche Einrichtung für die Weiterbehandlung geeignet ist. Dafür braucht es transparente Informationen über freie Kapazitäten sowie eine gemeinsame Datengrundlage zur Qualitätssicherung. Computergestützte Simulationen helfen dabei, die rettungsdienstliche Planung und Vorhaltung weiter zu optimieren.

TK: Inwiefern verändert die zunehmende Digitalisierung in der Praxis den Arbeitsalltag des Rettungsdienstfachpersonals?

Dr. Lott: Im Arbeitsalltag des Rettungsdienstes werden heute viele bislang papier- oder telefonbasierte Abläufe digital abgebildet. Einsatzaufträge werden elektronisch übermittelt, wodurch Informationen schneller und strukturierter ankommen und Kommunikationsfehler reduziert werden. Gleichzeitig sorgt die digitale Dokumentation dafür, dass der gesamte Einsatzablauf nachvollziehbar gespeichert ist.

Auch die Erfassung von Patientendaten erfolgt inzwischen weitgehend papierlos. Medizinische Gerätedaten lassen sich automatisch übernehmen, müssen jedoch weiterhin fachlich überprüft und eingeordnet werden. Darüber hinaus erleichtern digitale Systeme die Suche nach freien Behandlungskapazitäten sowie die Voranmeldung in geeigneten Kliniken. In vielen Fällen läuft diese Kommunikation bereits vollständig digital ab, sodass sich telefonische Abstimmungen deutlich reduzieren lassen. Insgesamt tragen digitale Anwendungen damit zunehmend zu effizienteren Abläufen im Rettungsdienst bei.

TK: Seit Mai 2024 arbeitet die Integrierte Leitstelle in Mainz-Gonsenheim mit einem digitalen Einsatzleitsystem. Was bedeutet das konkret und welche Erfahrungen haben Sie bisher damit gemacht?

Dr. Lott: Die Integrierte Leitstelle Mainz-Gonsenheim arbeitet mit einem digitalen Einsatzleitsystem (ELS). Notrufabfrage und Disposition laufen damit strukturiert und digital dokumentiert ab. Auf Basis der erfassten Informationen schlägt das System geeignete Fahrzeuge unter Berücksichtigung ihres aktuellen Standorts vor, sodass in der Regel das nächstverfügbare passende Rettungsmittel alarmiert wird. Gleichzeitig erleichtert das ELS den Mitarbeitenden in der Leitstelle die Fahrzeugauswahl und sorgt für eine rechtssichere Nachvollziehbarkeit der Dispositionsentscheidungen.

Die bisherigen Erfahrungen mit dem System sind insgesamt positiv. Perspektivisch soll die Digitalisierung weiter ausgebaut werden, insbesondere durch eine stärker standardisierte digitale Notrufabfrage und Disposition. Die Einführung dieser Erweiterungen ist derzeit in Vorbereitung und für Anfang 2027 geplant.

TK: Digitale Abfragesysteme in Leitstellen sollen künftig eine standardisierte Ersteinschätzung ermöglichen. Ist Rheinland-Pfalz hier auf dem richtigen Weg und sollte das bundesweit einheitlich umgesetzt werden?

Dr. Lott: Derzeit wird ein landesweites digitales Abfragesystem entwickelt, das auf dem bestehenden Einsatzleitsystem aufbaut. Aus unserer Sicht sollte dieses möglichst zeitnah eingeführt werden, da standardisierte digitale Abfragen die Ersteinschätzung in Leitstellen verbessern und Abläufe vereinheitlichen können. Grundsätzlich ist auch ein überregional beziehungsweise bundesweit einheitlicher Ansatz sinnvoll. Gleichzeitig müssen jedoch regionale Besonderheiten und unterschiedliche Versorgungsstrukturen weiterhin berücksichtigt werden können.

TK: Was halten Sie von wenigeren, aber besseren und spezialisierteren Krankenhäusern, selbst wenn es dann einen Ausbau des Rettungsdienstes bräuchte?

Dr. Lott: Das Rettungswesen ist ein zentraler Bestandteil des Gesundheitssystems und eng mit der stationären Versorgung verknüpft. Veränderungen in der Krankenhauslandschaft - etwa hin zu weniger, dafür stärker spezialisierten Kliniken - wirken sich daher unmittelbar auf den Rettungsdienst und die gesamte Patientenversorgung aus. Entscheidend wird sein, dass die verschiedenen Sektoren künftig noch enger zusammenarbeiten, geplant und organisiert werden. Nur dann kann eine Reform der Notfallversorgung langfristig erfolgreich sein.

Zur Person

Dr. Carsten Lott hat seine Tätigkeit im Rettungsdienst mit der Ausbildung zum Rettungssanitäter 1984 begonnen. Nach Studium der Humanmedizin an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz war er bis Ende 2023 in der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Mainz mit den Schwerpunkten klinische Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin tätig. In dieser Zeit erwarb er den Masterabschluss "Medical education" an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Seit November 2023 ist er als Ärztlicher Leiter Rettungsdienst (ÄLRD) für den Bereich Mainz tätig.