Zur Sache: Einfacher Zugang, faire Terminvergabe
Interview aus Hamburg
Fachkräftemangel, Überlastung von Notaufnahmen und lange Wartezeiten auf Arzttermine: Die Gesundheitsversorgung ist mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Um die ambulante Versorgung künftig effizienter zu gestalten, will Bundesgesundheitsministerin Nina Warken ein Primärversorgungssystem auf den Weg bringen.
Eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der TK zeigt, dass die Wartezeiten auf Arzttermine in Hamburg sehr unterschiedlich ausfallen: Während jede bzw. jeder Vierte mehrere Monate auf einen Termin in der Facharztpraxis wartet, bekommt zeitgleich jede bzw. jeder Fünfte bereits innerhalb von wenigen Tagen einen Termin. Warum dieses Ungleichgewicht die aktuellen Probleme in der ambulanten Gesundheitsversorgung verdeutlicht und wie eine bessere Steuerung nach dem Prinzip "Digital vor ambulant vor stationär" helfen kann, erklärt Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg, im Interview.
TK: Frau Puttfarcken, welche Herausforderungen sehen Sie aktuell im Zugang zur Gesundheitsversorgung?
Maren Puttfarcken: Wer krank ist oder wird, braucht schnell Klarheit, an welcher Stelle in der Versorgung er oder sie am besten aufgehoben ist. Aktuell fehlt es jedoch an klaren Hilfestellungen, die Patientinnen und Patienten dabei unterstützen, genau dies herauszufinden.
Das wird auch durch die Ergebnisse Forsa-Umfrage deutlich: Etwa ein Fünftel der Hamburgerinnen und Hamburger hat Probleme, bei neuen gesundheitlichen Problemen den passenden Arzt oder die passende Ärztin zu finden. Bei der Suche nach einer passenden Arztpraxis greifen sie neben persönlichen Empfehlungen von der Ärztin oder dem Arzt, der Familie oder dem Bekanntenkreis auch häufig auf digitale Recherchen zurück: 40 Prozent nutzen dafür Bewertungsportale und -Apps, 28 Prozent informieren sich auf Social Media.
Es mangelt an klaren Anlaufstellen und strukturierten Behandlungswegen. Das Resultat ist eine Terminvergabe, die sich nicht stringent am medizinischen Bedarf der Patientinnen und Patienten ausrichtet, sondern vielfach vom Zufall und der individuellen Gesundheitskompetenz bestimmt wird.
Maren Puttfarcken
Für eine effiziente und bedarfsgerechte Versorgung benötigen wir ein gutes Primärversorgungssystem, das auf dem Prinzip 'digital vor ambulant vor stationär' aufbaut.
TK: Die Bundesgesundheitsministerin hat einen besseren Zugang zur ambulanten Versorgung für dieses Jahr auf die Agenda gesetzt. Wie sollte dieser aus Sicht der TK künftig gestaltet werden?
Puttfarcken: Für eine effiziente und bedarfsgerechte Versorgung benötigen wir ein gutes Primärversorgungssystem, das auf dem Prinzip "digital vor ambulant vor stationär" aufbaut. Die Grundlage hierfür bildet eine verbindliche, möglichst digital-gestützte medizinische Ersteinschätzung mit zentraler Terminplattform. Diese soll die Hilfesuchenden schnell und zielgerichtet an die Stelle im System leiten, die ihnen, je nach Bedarf, am besten helfen kann. Diese Ersteinschätzung muss standardisiert und online, telefonisch oder am Praxistresen möglich sein. Sehr erfreulich ist, dass sich der Großteil der Hamburgerinnen und Hamburger sehr offen für dieses System zeigt: Fast Dreiviertel von ihnen könnten sich vorstellen, bei neuauftretenden gesundheitlichen Problemen eine medizinische Ersteinschätzung zu nutzen, bevor sie auf eigene Faust eine Arztpraxis aufsuchen.
Besonders wichtig ist es, dass durch ein Primärversorgungssystem keine neuen Engpässe geschaffen werden, etwa durch eine verpflichtende Vorstellung bei der Hausärztin oder dem Hausarzt. Auch wenn wir in der hausärztlichen Versorgung in Hamburg aktuell gut aufgestellt sind - insgesamt 85 Prozent der Hamburgerinnen und Hamburger bekommen innerhalb von wenigen Tagen bis zwei Wochen einen Termin in der Hausarztpraxis - müssen wir den voranschreitenden Fachkräftemangel bedenken. Laut dem Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2024 40,5 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte in unserer Stadt 60 Jahre oder älter. Für eine effiziente Gesundheitsversorgung und um Fachkräfte zu entlasten, brauchen wir deshalb eine medizinische Ersteinschätzung, die die Patientinnen und Patienten nach Bedarf auch direkt in die Facharztpraxis leitet.
Medizinische Ersteinschätzung
TK: Welche Maßnahmen sind nötig, damit sich die Vergabe von Arztterminen künftig stärker am tatsächlichen medizinischen Bedarf der Patientinnen und Patienten orientiert?
Puttfarcken: Für eine bedarfsgerechte Vergabe von Arztterminen fordern wir als TK eine zentrale, bundesweit einheitliche Terminplattform, an die Praxen schnell und unkompliziert ihre freien Termine melden. So wird die Terminvergabe transparent gestaltet, und wir schaffen faire Bedingungen für alle Versicherten. Wenn Terminvergabe und Ersteinschätzung digital miteinander verknüpft sind, lässt sich die Dringlichkeit einer Behandlung direkt berücksichtigen - medizinisch dringende Fälle bekommen so schneller den passenden Termin. Dafür braucht es klare Rahmenbedingungen: Datenschutz, Interoperabilität und Diskriminierungsfreiheit müssen verbindlich geregelt sein. So entsteht ein geregeltes, bedarfsgerechtes System, das den Versicherten einen echten Mehrwert bietet: Sie finden schneller den passenden Termin und können sich darauf verlassen, dass dabei die medizinische Dringlichkeit ihres Anliegens das Hauptkriterium ist.
Wartezeiten auf Arzttermine in Hamburg
TK-Position: Primärversorgungssystem
In der Position Faire Regeln bei der Ersteinschätzung und Terminvergabe formuliert die TK konkrete Forderungen für die Ersteinschätzung und Terminplattform.