In unserem Interviewformat Zur Sache haben wir Lisa Lindrum aus dem Ernährungsteam des Israelitischen Krankenhauses und Bente Kroll, Team Krankenhausstrategie bei der TK, gefragt, wie wichtig es ist, das Thema krankheitsbedingte Mangelernährung gezielt anzugehen und wieso das gemeinsame Pilotprojekt die Behandlung von Patientinnen und Patientinnen optimieren kann.

TK: Wie akut ist das Problem der krankheitsbedingten Mangelernährung und welche Patientengruppen betrifft es besonders?

Lisa Lindrum: Sehr akut. Im Israelitischen Krankenhaus ist unser Berufsalltag als Ernährungsteam geprägt durch dieses Thema. Aufgrund des chirurgischen und internistischen Schwerpunktes unseres Hauses auf Gastroenterologie und Viszeralonkologie leiden bei der Aufnahme schätzungsweise die Hälfte der Patientinnen und Patienten an einer krankheitsbedingten Mangelernährung oder haben ein Risiko dafür. Dazu kommen diejenigen, die zwar vom Nutritional Risk Screening (NRS 2002) unauffällig aufgenommen werden, nach einer großen OP aber doch in ein Risiko einer Mangelernährung rutschen. Unsere Erfahrung zeigt, dass viel zu viele Patientinnen und Patienten bereits vor der Aufnahme ins Krankenhaus eine Mangelernährung oder das Risiko für eine Mangelernährung aufweisen.  

Lisa Lindrum

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Ernährungsteam Israelitisches Krankenhaus Hamburg

Unsere Erfahrung zeigt, dass viel zu viele Patientinnen und Patienten bereits vor der Aufnahme ins Krankenhaus eine Mangelernährung oder das Risiko für eine Mangelernährung aufweisen. Lisa Lindrum, Ernährungsteam Israelitisches Krankenhaus Hamburg

TK: Weshalb braucht es einen sogenannten Qualitätsvertrag in diesem Bereich? 

Bente Kroll: Nicht jedes deutsche Krankenhaus verfügt über ein Ernährungsteam. Im Regelfall werden keine flächendeckenden Screenings auf Mangelernährung durchgeführt, weshalb eine vorliegende Mangelernährung auch nicht immer erkannt und behandelt wird. Über befristete Qualitätsverträge können Leistungen vereinbart werden, die über die Regelversorgung hinausgehen und diese ergänzen. 
Mittlerweile beteiligt sich die TK an elf Qualitätsverträgen im Leistungsbereich Mangelernährung. Das ist aus unserer Sicht eine angemessene Anzahl an Verträgen, mit denen erprobt werden kann, ob sich Verbesserungen in der Versorgung von Mangelernährten erzielen lassen. Neun Konzepte haben wir selbst mit verschiedenen Krankenhäusern erarbeitet. Hierbei haben wir jeweils die individuelle Ausgangslage und die Umsetzungsmöglichkeiten mit bedacht. Beim Israelitischen Krankenhaus konnten wir gut auf bestehenden Strukturen aufbauen. 

Bente Kroll

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Team Krankenhausstrategie bei der Techniker Krankenkasse

Um eine Mangelernährung gezielt behandeln zu können, muss sie im ersten Schritt erkannt werden. Aus diesem Grund setzt unser Qualitätsvertrag schon bei der stationären Aufnahme an. Bente Kroll, TK-Krankenhausstrategie

TK: Welche Auswirkungen hat ein Ernährungsdefizit auf die Genesung von Betroffenen?

Lindrum: Die vielfältigen medizinischen Auswirkungen einer krankheitsassoziierten Mangelernährung sind in den letzten 30 Jahren wissenschaftlich sehr gut untersucht und belegt worden. Diese Auswirkungen zeigen sich unter anderem in einer höheren Krankheitsschwere und Sterblichkeit bei akuten Erkrankungen, nach chirurgischen Traumata oder im spontanen Krankheitsverlauf chronischer Erkrankungen. Darüber hinaus zeigt sich eine verzögerte Genesung  unter anderem durch Wundheilungsstörungen und eine damit verbundene längere Krankenhausverweildauer.  Daraus folgend sind die klinischen Behandlungskosten deutlich höher.

TK: Wie genau soll der neu geschlossene Qualitätsvertrag dabei unterstützen, krankheitsbedingte Mangelernährung gezielt zu behandeln?

Kroll: Um eine Mangelernährung gezielt behandeln zu können, muss sie im ersten Schritt erkannt werden. Aus diesem Grund setzt unser Qualitätsvertrag schon bei der stationären Aufnahme an. Patientinnen und Patienten werden auf das Vorliegen einer Mangelernährung gescreent. Weisen die Screening-Ergebnisse auf eine Mangelernährung hin, erhalten sie die weiteren vereinbarten Leistungen. Hierfür erhebt das Ernährungsteam des Israelitischen Krankenhauses die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen und geht im Rahmen einer Ernährungstherapie auf diese ein. Um auch später eintretende Risiken für eine Mangelernährung zu erkennen, werden die Screenings abhängig von der Verweildauer im Verlauf des stationären Aufenthaltes wiederholt.    

Hinweis

Kliniken und Krankenkassen können miteinander befristete Qualitätsverträge (§ 110a SGB V) schließen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat hierfür acht stationäre Leistungsbereiche für die Erprobung von Qualitätsverträgen beschlossen.