Zur Sache: Neues Jahr, aber gleiche Probleme
Interview aus Hamburg
Ein Vermittlungsausschuss kurz vor dem Jahreswechsel, Diskussionen um die Zusatzbeiträge der gesetzlichen Krankenversicherung und ein Bundeskanzler, der mit den Ergebnissen der Arbeitsgruppe "Zukunftspakt Pflege" nicht zufrieden ist - die Herausforderungen im Gesundheitswesen sind in diesem Jahr mutmaßlich so groß wie selten zuvor.
Welche Änderungen kommen in diesem Jahr auf die Versicherten zu, welche Gesetze müssen aus Sicht der Techniker Krankenkasse (TK) unbedingt umgesetzt werden, und was wird gesundheitspolitisch wichtig? Antworten hierauf gibt Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg.
TK: Frau Puttfarcken, was ändert sich im Jahr 2026 für Versicherte der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung?
Puttfarcken: Viele Versicherte der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mussten sich zum Jahreswechsel auf höhere Beiträge einstellen. Laut GKV-Spitzenverband ist der durchschnittliche, nach Mitgliedern gewichtete Zusatzbeitrag von 2,94 auf 3,13 Prozent gestiegen. Das liegt auch daran, dass viele Krankenkassen ihre gesetzlich vorgeschriebene Mindestreserve noch nicht erfüllen und gezwungen sind, ihre Reserven weiter aufzufüllen. Der Beitragssatz der Sozialen Pflegeversicherung (SPV) liegt bei 3,6 Prozent.
Auch sonst gibt es einige Änderungen im Gesundheitswesen: So gibt es in den Krankenhäusern jetzt für zehn Erkrankungen Mindestmengen-Regelungen. Neu ab dem 1. Januar 2026 ist die Mindestmenge für Herztransplantationen in Höhe von zehn Behandlungen pro Jahr. Im Bereich der Früherkennung können bestimmte aktive und ehemalige Raucherinnen und Raucher ab April 2026 eine Lungenkrebs-Früherkennung mittels einer Niedrigdosis-Computertomographie nutzen.
Weiter geht es auch mit der elektronischen Patientenakte (ePA). Bereits seit Oktober 2025 sind Leistungserbringende angehalten, medizinische Informationen in die ePA einzustellen. Dieses Jahr im Oktober soll die bisher vorhandene und gut genutzte Medikationsliste in der ePA zu einem digital gestützten Medikationsprozess ausgebaut werden. Dass soll vor allem die Versorgung von Versicherten verbessern, die mehrere Arzneimittel parallel einnehmen.
Maren Puttfarcken
Der deutliche Anstieg des durchschnittlichen Zusatzbeitrages bestätigt uns darin, dass wir nachhaltige Lösungen auf Bundesebene für die GKV-Finanzen benötigen.
TK: Besonders die steigenden Ausgaben in der GKV und SPV waren in den vergangenen Monaten Thema. Was muss getan werden, um Entlastung für die Beitragszahlenden zu schaffen?
Puttfarcken: Eine aktuelle Umfrage des GKV-Spitzenverbands zeigt, dass zwei Drittel (66 Prozent) der Befragten sich eher große oder sogar sehr große Sorgen um die finanzielle Stabilität der GKV machen. Gleichzeitig sehen 80 Prozent der Deutschen die GKV als wichtigen Bestandteil des Sozialstaats an. Damit hat das Thema GKV-Finanzen eine gesamtgesellschaftliche Tragweite. Das und der deutliche Anstieg des durchschnittlichen Zusatzbeitrags zeigt ganz klar, dass wir auf Bundesebene dringend nachhaltige Lösungen für eine Stabilisierung und Entlastung der GKV-Finanzen benötigen!
Auslöser für die explodierenden Kosten ist auch ein Reformstau und die Tatsache, dass es uns nicht gelingt, die im System ja durchaus vorhandenen Effizienzpotenziale zu heben. Wir brauchen strukturelle Reformen und keine Geldspritzen in das bestehende System. Das mahnen wir Krankenkassen nun schon seit geraumer Zeit an. Zum einen brauchen wir ein Sofortprogramm, um die Beiträge zu stabilisieren. Als TK haben wir eigens einen Katalog mit kurzfristig umsetzbaren Maßnahmen zur Verfügung gestellt. Zum anderen müssen strukturelle Vorhaben wie die lang diskutierte Notfallreform oder geeignete Maßnahmen, um den starken Anstieg der Krankenhauskosten und der Medikamentenpreise zu begrenzen, endlich umgesetzt werden. Klar ist: Wir haben kein Erkenntnis-, wohl aber ein Umsetzungsproblem. Das können wir uns einfach nicht mehr leisten!
Auch im ambulanten Bereich brauchen wir eine Reform, die langfristig Effizienzen hebt - und, ganz wichtig, auch die Versorgung verbessert. Als TK haben wir im vergangenen Jahr vorgeschlagen, eine verbindliche medizinische Ersteinschätzung des Versorgungsbedarfs für neue Behandlungsanlässe einzuführen. Damit würden wir eine passgenaue Versorgung sicherstellen. Zusätzlich muss es eine zentrale digitale Terminplattform geben, um zeitnahe Termine in der jeweils passenden Versorgungsform zu vermitteln. Das würde die Versorgungsqualität erhöhen und Wartezeiten verkürzen.
Genauso benötigen wir für die Soziale Pflegeversicherung die angekündigte große Pflegereform. Hier scheint es aber vor allem noch Abstimmungsbedarf zwischen dem Bund und den Ländern zu geben. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich mit den vorgestellten Ergebnissen einer Arbeitsgruppe zwischen Bund und Ländern nicht zufrieden. Die Zeit drängt.
TK: Und wie sieht es bei der Krankenhausreform aus?
Puttfarcken: Mit dem Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) soll die im vergangenen Jahr in Kraft getretene Krankenhausreform nochmals angepasst werden. Im Laufe des Gesetzgebungsprozesses hat sich gezeigt, dass die Länder weiterhin großen Anpassungsbedarf haben. Daher ist völlig unklar, ob die Krankenhausreform im Jahr 2026 wirklich greift und ein Umbau zu mehr Spezialisierung und damit auch mehr Qualität stattfindet. Als TK sehen wir das KHAG kritisch: Immer mehr Ausnahmen werden zur Regel. So können wir das ursprüngliche Ziel einer bundesweit vergleichbaren, qualitativ hochwertigen Krankenhausversorgung aus unserer Sicht nicht erreichen. Hier muss nachgebessert werden, damit noch ein Minimum an Qualitätskriterien im KHAG verankert wird.
In Hamburg hat die Sozialbehörde im Dezember letzten Jahres den Medizinischen Dienst Nord (MD Nord) mit der Überprüfung der beantragten Leistungsgruppen beauftragt. Aber aus der Pressemeldung des MD Nord war bereits herauszulesen, dass man auf das KHAG warten werde. Seit dem 1. Januar 2026 werden die ersten Fördermittel aus dem Krankenhaus-Transformationsfonds zur Verfügung gestellt. Mit diesen Mitteln soll der Umbau der Krankenhauslandschaft unterstützt werden.
TK: Das klingt in der Tat ernüchternd. Was erhoffen Sie sich denn für das kommende Jahr?
Puttfarcken: Stimmt: Wir haben wirklich viele Großbaustellen im Gesundheitswesen. Ich wünsche mir sehr, dass Bundesgesundheitsministerin Nina Warken den Mut aufbringt, sie anzugehen, Widerstände überwindet und Reformen umsetzt. Wirklich schön wäre es, wenn wir Ende des Jahres auf erste Erfolge zurückblicken können. Schließlich haben wir in Deutschland ein Gesundheitssystem, um das uns viele zu Recht beneiden. Aber ohne Reformen drohen wir das Erreichte auf Spiel zu setzen.
TK-Positionen zur Bundestagswahl 2025
Alle Forderungen der TK zur Bundestagswahl sind unter tk.de/bundestagswahl zu finden.