Zur Sache: Gesundheitskompetenz fördern, Notaufnahmen entlasten
Interview aus Hamburg
In Zeiten von Google, ChatGPT und Co. gelangen wir leichter an Gesundheitsinformationen als jemals zuvor. Doch der bloße Zugang zu Gesundheitsinformationen reicht nicht aus, um gesund zu leben. Um informierte Entscheidungen für die eigene Gesundheit treffen zu können, braucht es Gesundheitskompetenz - die Fähigkeit, diese Informationen zu verstehen, zu bewerten und im Alltag anzuwenden.
Laut einer bevölkerungsrepräsentativen Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2025 verfügt mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland (55,7 Prozent) nicht über eine ausreichende Gesundheitskompetenz. Welchen Einfluss die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung auf unser Gesundheitssystem hat und warum sie ein wichtiger Schlüssel für eine Entlastung der Notfallversorgung sein kann, erklärt Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg, im Interview.
TK: Warum spielt Gesundheitskompetenz eine wichtige Rolle für unser Gesundheitssystem?
Maren Puttfarcken: Studien zeigen, dass das Vorhandensein von Gesundheitskompetenz gleich auf verschiedenen Ebenen eine sehr wichtige Rolle spielt. So haben Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz ein ungesünderes Ernährungs- und Bewegungsverhalten und schätzen ihren Gesundheitszustand allgemein schlechter ein als Menschen mit einer höheren Gesundheitskompetenz.
Dies kann sich auch auf unser Gesundheitssystem insgesamt auswirken: Studien zeigen, dass Menschen mit einer geringeren Gesundheitskompetenz häufiger zum Arzt gehen, weniger präventive Leistungen in Anspruch nehmen und häufiger die Notaufnahme aufsuchen. Nach Schätzungen der WHO und der Technischen Universität München sind drei bis fünf Prozent der Ausgaben im Gesundheitswesen auf eine mangelnde Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zurückzuführen. Für Deutschland bedeutet das eine Summe von etwa 15 bis 20 Milliarden Euro jährlich.
Studien zeigen, dass Menschen mit einer geringeren Gesundheitskompetenz häufiger zum Arzt gehen, weniger präventive Leistungen in Anspruch nehmen und häufiger die Notaufnahme aufsuchen.
TK: Inwieweit kann eine höhere Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu einer Entlastung der Notaufnahmen beitragen?
Puttfarcken: In der bereits angesprochenen Studie der Universität Bielefeld wurde herausgefunden, dass unsere Gesundheitskompetenz Einfluss darauf hat, wie häufig wir medizinische Notfalldienste in Anspruch nehmen. So haben 30,7 Prozent der Menschen mit "inadäquater Gesundheitskompetenz" in den letzten zwei Jahren Notfalldienste in Anspruch genommen. Bei Menschen mit "exzellenter Gesundheitskompetenz" waren es mit 17 Prozent deutlich weniger.
In Hamburg sehen wir, dass ein Großteil der Menschen bei gesundheitlichen Problemen außerhalb der Praxiszeiten auf Notfallstrukturen im Krankenhaus oder den Rettungsdienst zurückgreift. Eine von uns beauftragte Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2025 zeigt, dass mehr als jede oder jeder Dritte in dieser Situation direkt in die Notaufnahme geht, fast jede oder jeder Fünfte ruft den Krankenwagen. Dahingegen nutzt weniger als ein Drittel das Angebot, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116 117 zu kontaktieren oder eine ärztliche Bereitschaftspraxis aufzusuchen.
Für medizinische Laien ist es bei plötzlich auftretenden gesundheitlichen Beschwerden oft nicht leicht zu entscheiden, an welcher Stelle im System sie am besten Hilfe suchen sollten. Neben einer standardisierten medizinischen Ersteinschätzung kann eine hohe Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung hierbei der Schlüssel für eine Entlastung der Notfallversorgung sein. Wer über eine hohe Gesundheitskompetenz verfügt, kann besser und schneller einschätzen, welche Anlaufstelle er oder sie im Fall der Fälle am besten wählt. Das hat zwei entscheidende Vorteile: Zum einen erhalten die Patientinnen und Patienten dann schneller die für sie bestmögliche Behandlung. Zum anderen reduzieren wir die hohe, medizinisch nicht notwendige Inanspruchnahme von Rettungsdienst und Notaufnahmen und entlasten damit das Fachpersonal vor Ort.
Maren Puttfarcken
Neben einer standardisierten medizinischen Ersteinschätzung kann eine hohe Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung der Schlüssel für eine Entlastung der Notfallversorgung sein.
TK: Wie kann die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung gestärkt werden?
Puttfarcken: Wichtig ist es, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in allen Lebensphasen und -welten zu fördern. Wir als TK wollen unsere Versicherten dabei unterstützen, ihre Gesundheitskompetenz zu stärken und den Zugang zur medizinischen Versorgung zu erleichtern.
Um die Gesundheitskompetenz bereits im Kindes- und Jugendalter zu fördern, unterstützen wir zum Beispiel Kitas und Schulen mit zahlreichen praxisnahen Angeboten . Die Inhalte unserer Programme sind dabei vielfältig und reichen von einer spielerischen Vermittlung von gesunder Ernährung über Stressreduktion und Entspannungstechniken bis hin zu einem gesunden Umgang mit digitalen Medien.
Bei Unsicherheiten in der medizinischen Behandlung bietet die TK ein umfassendes Beratungsangebot an. So können sich Versicherte mit der TK-Doc-App per Videosprechstunde mit Ärztinnen und Ärzten austauschen und zu ihrem Gesundheitszustand beraten lassen. Bei Fragen zur sicheren Anwendung von Arzneimitteln und Medikationen steht darüber hinaus der kostenlose TK- ArzneimittelPartner zur Verfügung.
Eine zunehmend wichtige Rolle nimmt außerdem die digitale Gesundheitskompetenz ein. In Zeiten von Google, Social Media und ChatGPT sehen sich unsere Versicherten online mit einer Vielzahl von Gesundheitsinformationen konfrontiert. Dabei wird es zunehmend schwieriger, Fehlinformationen von verlässlichen und sicheren Quellen zu unterscheiden. Um die digitale Gesundheitskompetenz zu stärken, bietet die TK deshalb ein kostenfreies, interaktives Kursangebot an.