Im Fokus: Gesundheitsförderung und individuelle Prävention stärken
Interview aus Sachsen
Prävention und Gesundheitsförderung sind zentrale Voraussetzungen für ein leistungsfähiges und zukunftsfestes Gesundheitssystem. Sie müssen allerdings dort angesetzt werden, wo Menschen leben, lernen und arbeiten.
Im Interview erläutert Alexander Krauß, Leiter der TK-Landesvertretung Sachsen, warum die Techniker Krankenkasse Prävention als maßgebliche Voraussetzung eines zukunftsfesten Gesundheitssystems versteht, welche Rolle dabei die Lebenswelten der Menschen in Sachsen spielen und warum Digitalisierung als Chance gesehen wird.
TK: Warum ist Prävention aus Sicht der TK ein so wichtiges Thema?
Alexander Krauß: Prävention bietet wesentlich mehr Chancen als gegenwärtig genutzt werden. Wir möchten, dass Menschen in Deutschland und somit auch in Sachsen möglichst lange gesund, selbstbestimmt und aktiv leben; darum müssen wir dort ansetzen, wo ihr Alltag stattfindet, in den Lebenswelten , also beispielsweise in Kita, Schule oder am Arbeitsplatz. Unser Ziel ist ein Gesundheitssystem, das Prävention als Grundprinzip versteht - gerecht finanziert und digital unterstützt.
Alexander Krauß
TK: Wie könnte die Umsetzung konkret aussehen?
Krauß: Um die Gesundheit der Bevölkerung zu stärken, muss Prävention systematisch und lebensweltbezogen ausgebaut werden. Dabei verstehen wir unter Prävention mehr als einen individuellen Wunsch nach einem langen, gesunden Leben. Sie ist einerseits individuelle Herausforderung, andererseits gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Letztere muss konsequent in allen Politikbereichen mitgedacht werden. Hier sind Bund, Länder, Kommunen, Rentenversicherung, Unfallkasse und auch wir als TK in der Pflicht; denn erfolgreiche Prävention ist ein Gewinn für die Menschen, den Staat und die Sozialkassen.
TK: Apropos Pflicht - müssen Krankenkassen Geld für Prävention ausgeben?
Krauß: Ja, Krankenkassen sind gesetzlich verpflichtet, Geld für Prävention auszugeben. Seit 2019 beträgt der im Gesetz genannte Orientierungswert 7,52 Euro pro Versicherten. Dieser Wert wird per Verordnung dynamisiert, sodass die tatsächlich angestrebten Ausgaben im Jahr 2024 innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung durchschnittlich bei 9,21 Euro pro Versicherten lagen.
TK: Und welche Beiträge leistet die TK in Sachsen damit zur Gesundheitsförderung?
Krauß: Mit unseren qualitätsgeprüften Präventionsangeboten in den Lebenswelten tragen wir als TK bereits heute dazu bei, Belastungen zu verringern, Ressourcen zu stärken und Gesundheitskompetenz aufzubauen. Zur Veranschaulichung möchte ich hier drei Beispiele nennen. Das Programm Schatzsuche ist ein Eltern-Programm zur Förderung des seelischen Wohlbefindens von Kindern in der Lebenswelt Kita. Es folgt einem ressourcenorientierten Ansatz, bei dem die Aufmerksamkeit der Erwachsenen auf die Stärken und Schutzfaktoren der Kinder gerichtet wird. Durch Kräftigung der Resilienz wird das seelische Wohlbefinden von Kindern gefördert. Beim Programm Gemeinsam Klasse sein handelt es sich um ein Projekt, das präventiv gegen die Entstehung von Mobbing und Cybermobbing wirkt.
Es versetzt Schulen in die Lage, gezielt dagegen vorzugehen und wurde speziell für den Einsatz in den Klassenstufen fünf bis sieben konzipiert. Das kommunale Gesundheitsförderungsprojekt Sportzwerge im Landkreis Zwickau ist ein neues Bewegungsprojekt für Kinder im Alter von 2 bis 6 Jahren und lädt Kinder und ihre Familien ein, Bewegung spielerisch zu entdecken, um von Anfang an Freude an Aktivität zu wecken, motorische Fähigkeiten zu fördern und ein Bewusstsein für einen gesunden Lebensstil zu schaffen.
Ferner halte ich es grundsätzlich für notwendig, zukünftig besonders jene Gruppen zu erreichen, die bislang kaum Präventionsangebote nutzen, bei denen aber besonders großes Potenzial für gesundheitsförderliche Effekte besteht. Dies sind beispielsweise Menschen mit niedrigem Sozial-, Bildungs- oder Einkommensstatus, Alleinerziehende, Menschen mit chronischem Stress und psychischen Belastungen, Jugendliche und junge Erwachsenen in belasteten Lebenslagen sowie sozial isoliert lebende ältere Menschen.
TK: Wie könnte man diese Gruppen erreichen?
Krauß: Wichtig sind öffentlich niedrigschwellige Beratungsangebote und Rahmenbedingungen, die soziale Teilhabe ermöglichen. Bereits Kinder sollten frühzeitig das Bewusstsein für einen gesunden Lebensstil ausprägen, zum Beispiel beim Thema Ernährung. Dies kann durch Ernährungsbildungsangebote in Kitas erreicht werden. Darüber hinaus setzen wir uns auch für bundesweit verbindliche Qualitätsstandards in der Schulverpflegung ein. Das kommt allen - unabhängig von Einkommen und Wohnort - zugute. So wird Gesundheitsförderung bereits im Alltag der Jüngsten verankert.
TK: Inwieweit ist Digitalisierung hierbei behilflich?
Krauß: Nur wenn die konkrete Lebenssituation der Versicherten berücksichtigt wird, lassen sich wirksame Präventionsmaßnahmen - als Fundament persönlicher Gesundheitsvorsorge - entwickeln. Da nicht alle Menschen denselben Risiken ausgesetzt sind, benötigt Prävention einen Ansatz, der individuelle Faktoren einbezieht. Wir fordern daher, dass es den Kassen erlaubt wird, Präventionsangebote auf Basis individueller Gesundheitsdaten passgenau anzubieten.
TK: Was bedarf es dazu?
Krauß: Um die Potenziale datengestützter Prävention voll auszuschöpfen, bedarf es einerseits mehr Befugnisse zur Datennutzung und andererseits des Abbaus bürokratischer Hürden. Krankenkassen sollten Routinedaten gezielt für individuelle Versorgungs- und Präventionsangebote einsetzen dürfen. Für den Erfolg ist entscheidend, dass relevante Gesundheitsdaten in Echtzeit zur Verfügung stehen, um unmittelbar auf die Bedarfe der Menschen reagieren zu können. Bisher liegen ambulante Abrechnungsdaten oft erst mit mehreren Monaten Verzögerung vor. Deshalb sind präzise und aktuelle Risikobewertungen sowie Versichertenansprachen nur eingeschränkt möglich. Wir fordern, dass alle Daten der ambulanten und stationären Versorgung, einschließlich ärztlich attestierter Präventionsempfehlungen, tagesaktuell und strukturiert in der ePA bereitgestellt werden. Falls eine Zustimmung der Versicherten vorliegt, sollten Krankenkassen Zugriff auf diese Datensätze erhalten. So können die Versicherten mit indiziertem Präventionsbedarf gezielt angesprochen und in qualitätsgesicherte Präventionsangebote geleitet werden.
TK: Gibt es noch einen Aspekt, der im Hinblick auf Prävention unbedingt erwähnt werden sollte?
Krauß: Ja. Es wäre dringend an der Zeit, die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation in nationales Handeln zu überführen, um die Krankheitslast durch übermäßigen Zuckerkonsum, Alkohol und Tabak nachhaltig zu senken. Wir fordern daher die Einführung wirksamer Lenkungsinstrumente, die gesundheitsgefährdenden Konsum reduzieren. Dazu gehört die Einführung einer Steuer oder Abgabe auf stark zuckerhaltige Produkte, zum Beispiel auf zuckergesüßte Getränke. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass preisliche Lenkungsinstrumente effektiv sind, um das Konsumverhalten positiv zu beeinflussen und gesundheitliche Folgekosten zu vermeiden. Wir begrüßen es sehr, dass solche Ansätze endlich auch in Deutschland ernsthaft diskutiert werden.