TK: Herr Ballast, beim eHealth Forum der KV Baden-Württemberg in Freiburg haben Sie einen Vortrag zum Thema Digitale Identität gehalten - was genau versteht man darunter?

Thomas Ballast: Unter digitaler Identität versteht man so etwas wie den "Ausweis" einer Person in der digitalen Welt. Im Gesundheitswesen geht es darum, dass Versicherte eindeutig und sicher erkannt werden - zum Beispiel, wenn Sie über die TK‑App die elektronische Patientenakte nutzen. Nur wenn klar ist "Wer sind Sie?", können wir Gesundheitsdaten rechtssicher zuordnen, Zugriffe protokollieren und Einwilligungen digital steuern. Die digitale Identität ist damit die Grundlage für alle modernen Versorgungsprozesse.

Thomas Ballast

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Thomas Ballast ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse.

TK: Wofür braucht es im Gesundheitswesen sichere Identifizierungsverfahren?

Ballast: Wir arbeiten mit besonders sensiblen Informationen. Eindeutige Identifizierungsverfahren stellen sicher, dass Ihre Daten wirklich Ihnen zugeordnet werden, nur Berechtigte - etwa Ärztinnen, Ärzte oder Sie selbst - auf diese Daten zugreifen und Sie rechtsverbindlich digital entscheiden können, wer was sehen darf. Wenn Sie darauf vertrauen können, dass Ihre Identität geschützt ist, steigt auch die Bereitschaft, Angebote wie die ePA oder das eRezept in unserer TK-App im Alltag zu nutzen.

TK: Welche Herausforderungen bestehen bei der derzeitigen Gesundheits-ID für Versicherte?

Wir müssen es schaffen, die Einrichtung und den Zugriff auf die Gesundheits-ID einfacher und schneller zu gestalten. Thomas Ballast

Ballast: Die Gesundheits-ID ist ein wichtiger Schritt, aber ich sehe zwei zentrale Herausforderungen:

  1. Der Einstieg ist vielen zu umständlich. Die Einrichtung der Gesundheits-ID ist - egal ob Sie sich mit Ihrer eGK oder Ihrem Personalausweis mit Online-Funktion identifizieren - ein als aufwendig empfundener Prozess. Viele ziehen hier einen Vergleich zum Online-Banking, welches deutlich einfacher erscheint. Daher müssen wir es schaffen, die Einrichtung und den Zugriff auf die Gesundheits-ID einfacher und schneller zu gestalten.
     
  2. Der Nutzen ist noch zu wenig sichtbar. Vielen ist nicht klar, warum sie diesen Aufwand betreiben sollen und welche Vorteile die Gesundheits-ID konkret bringt. Das eRezept funktioniert auch mit der eGK. Die ePA muss sich erst noch in der Bevölkerung durchsetzen - ähnlich, wie wir das am Anfang beim iPhone oder dem Messenger-Dienst WhatsApp gesehen haben. Diese Angebote haben sich auch erst nach und nach die Welt erobert. 

    Ich gehe davon aus, dass wir bei der ePA und damit bei der Gesundheits-ID eine ähnliche Entwicklung sehen werden. Weiterhin können Versicherte schon heute mit der Gesundheits-ID auf weitere Angebote zugreifen, wie den TI-Messenger und das Organspenderegister. Hierüber müssen wir noch mehr kommunizieren. Insgesamt müssen wir als Gesundheitsbranche noch einfacher, einheitlicher und verständlicher werden.

TK: Was kann die TK tun, um die Akzeptanz bei ihren Kunden weiter zu verbessern, bzw. wie lösen wir das Henne-Ei-Problem?

Ballast: Aus meiner Sicht lösen wir das Henne‑Ei‑Problem nur über zwei Dinge: spürbaren Nutzen und einfache Nutzung.

Wir vereinfachen die Prozesse rund um die Einrichtung und Nutzung der Gesundheits-ID Schritt für Schritt - immer mit dem Ziel: so wenig Hürden wie möglich, so viel Sicherheit wie nötig. Da wir hier an Vorgaben gebunden sind, können wir das als TK nicht alleine schaffen. Es braucht hier eine gemeinsame Kraftanstrengung im Gesundheitssystem.

Wenn die Leute merken, dass sie mit den digitalen Prozessen ihre Angelegenheiten deutlich bequemer erledigen können, wird das Interesse an der Gesundheits-ID steigen. Thomas Ballast

Wir schaffen klaren Mehrwert mit den Ausbaustufen der ePA, der Erweiterung des TI-Messengers um die Arzt-Patienten-Kommunikation oder des künftigen Zugangs zu eÜberweisungen, digitaler Terminvermittlung und digitaler Ersteinschätzung. Wenn die Leute merken, dass sie mit den digitalen Prozessen und Angeboten wirklich Zeit sparen und ihre Angelegenheiten deutlich bequemer erledigen können, wird das Interesse an der Gesundheits-ID steigen und sich der einmalige Einrichtungsaufwand relativieren. 

TK: Welche Prozesse würden durch digitale Identitäten besonders vereinfacht?

Ballast: Ich denke dabei beispielsweise an Situationen, in denen Versicherte ihre eGK extra zur Arztpraxis bringen müssen, einzig, weil es einen Quartalswechsel gab und sie ein neues Rezept für ihre Dauermedikation benötigen. Wenn es sonst keinen Anlass für einen Arzt-Patienten-Kontakt gibt, könnten sich Patientinnen und Patienten diesen Weg sparen, indem sie ihre Identität und Kassenzugehörigkeit mit wenigen Klicks von zu Hause aus bestätigen. Die Praxis lädt ein neues eRezept auf den TI-Server, welches dann bequem mit der TK-App an eine beliebige Apotheke weitergeleitet werden kann, wobei letzteres schon heute möglich ist.

Oder denken Sie an Fernbehandlungen bzw. Videosprechstunden. Hier liegt es in der Natur der Sache, dass die Patientinnen und Patienten nicht physisch in der Praxis anwesend sind und folglich die eGK nicht in das Lesegerät gesteckt werden kann. Wenn es auch hier möglich wäre, die Identität und Kassenzugehörigkeit mit wenigen Klicks von zu Hause zu bestätigen, wäre das eine deutliche Erleichterung für den Zugriff der Praxis auf die ePA des Versicherten und zur Ausstellung eines eRezeptes - vor allem wenn man im selben Quartal noch nicht in der Praxis war - sowie auch für das Auslösen des Abrechnungsprozesses. 

Hoffnung setze ich in die Einführung des PoPP-Verfahrens (Proof of Patient Presence). Dieses dient in der ersten Stufe ab Juli 2026 dazu, den Zugriff auf die TI durch die Leistungserbringer sicherer zu machen und letzte Manipulationslücken zu eliminieren. In der zweiten Stufe, der Zeitpunkt ist noch offen, soll es dann möglich sein, dass Versicherte Ihre Identität und Kassenzugehörigkeit allein mit der Gesundheits-ID und über ihr Smartphone, z. B. durch das Scannen eines QR-Codes, bestätigen können - ganz ohne das Stecken der eGK in ein Lesegerät vor Ort. 

Das kann man sich so vorstellen: Sie sitzen zu Hause vor Ihrem Laptop und klicken auf den Link, den Sie bei der Buchung einer Videosprechstunde per Mail erhalten haben. Es öffnet sich ein Fenster in Ihrem Webbrowser auf dem ein QR-Code angezeigt wird. Diesen scannen Sie mit der TK-Ident App, in der sich die Gesundheits-ID der TK-Versicherten befindet, auf Ihrem Smartphone. Dadurch melden Sie sich in der Arztpraxis digital an. Dieser Vorgang ersetzt das Stecken der Versichertenkarte am Praxis-Tresen. Nun gelangen Sie in das digitale Wartezimmer und warten bis Ihre Ärztin oder Ihr Arzt die Videosprechstunde beginnt. Wenn wir das umgesetzt haben, werden die oben beschrieben Szenarien und sicherlich viele weitere richtig Aufwind bekommen.

Geplante Funktionserweiterungen wie der elektronische Medikationsplan machen die ePA attraktiver. Thomas Ballast

TK: Wagen Sie einen Blick in die Zukunft - was wird in zwei Jahren Routine sein, was in zehn Jahren?

Ballast: In zwei Jahren wird die ePA ein Stück weiter im Alltag angekommen sein. Geplante Funktionserweiterungen wie der elektronische Medikationsplan (eMP), die Volltextsuche oder Push-Benachrichtigungen machen die ePA attraktiver. Zudem werden sich mehr und mehr positive User-Stories herumgesprochen haben. Zum Beispiel, dass man auch selbst Dokumente als PDF oder Foto-Datei in die ePA laden und auf diese Weise seine eigene "Zettelwirtschaft" reduzieren kann. Die Unterlagen sind sicher gespeichert und jederzeit verfügbar. Das kann für den Versicherten selbst, spätestens jedoch bei einem neuen Arztkontakt, sehr nützlich sein.

Blicken wir weiter in die Zukunft, wird eine einfachere Handhabung mit der Gesundheits-ID dazu führen, dass fallabschließende, digitale Versorgungsangebote im Kontext eines Primärversorgungssystems mit dem Leitsatz "digital vor ambulant vor stationär" alltägliche Routine geworden sind. Dies führt letztendlich dazu, dass all jenen Patientinnen und Patienten, deren Anliegen einen Besuch der Arztpraxis von der Natur der Sache her nicht zwingend erforderlich macht, schnell, unkompliziert und bedarfsgerecht geholfen werden kann.  

Zur Person:

Thomas Ballast ist seit 2012 stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Techniker Krankenkasse. Er verantwortet dort insbesondere die Versorgungsbereiche. In seinen Zuständigkeitsbereich fallen darüber hinaus der Kundenservice in Telefonie, Web und App sowie das Nachhaltigkeitsmanagement und weitere interne Einheiten wie das Einkaufs- und das Immobilienmanagement.  

Bevor er seine Tätigkeit bei der TK antrat, war der Diplom-Volkswirt bereits viele Jahre in verschiedenen verantwortlichen Positionen in der gesetzlichen Krankenversicherung tätig, zuletzt als Vorsitzender des Vorstandes beim Verband der Ersatzkassen (vdek).