TK: Wie fällt Ihre Bilanz zur elektronischen Patientenakte (ePA) bislang aus?

Dr. Josef Schraff: Meine Bilanz fällt gemischt aus. Es ist gut, dass die Digitalisierung voranschreitet und dass es mittlerweile einen Ablageort gibt, wo alle Befunde zusammenlaufen. Noch ist die ePA allerdings nicht benutzerfreundlich genug. Derzeit handelt es sich um eine pdf-Sammlung ohne die Möglichkeit einer Volltextsuche für die gesamte ePA. Die Volltextsuche beschränkt sich auf die Betreffzeile. Die ist nicht immer sehr aussagekräftig. 

TK: Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem die Vorteile der ePA deutlich geworden sind?

Ohne die ePA wäre es vermutlich zu einer Doppeluntersuchung gekommen. Dr. Josef Schraff

Dr. Schraff: Ein uns bis dato unbekannter Patient mit starken Rückenschmerzen kam in die Praxis. Anhand der Symptome kam der Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall auf. In der ePA waren allerdings die Aufnahmen einer MRT eingestellt. Daraus ging eindeutig hervor, dass es sich nicht um einen Bandscheibenvorfall handelt. Das hat einiges an Zeit gespart. Ohne die ePA wäre es vermutlich zu einer Doppeluntersuchung gekommen.

Gerade wenn Arztbriefe unvollständig sind und Patienten ihren Krankheitsverlauf nicht sehr gut kennen, kann die ePA wertvolle Dienste leisten. Wichtig ist, dass alle Ärztinnen und Ärzte ihre Befunde einstellen. Das ist mittlerweile fast flächendeckend der Fall. Manchmal trage ich Befunde von Fachärzten in die ePA nach.

TK: Was muss sich noch ändern aus Ihrer Sicht?

Die ePA muss für alle Beteiligten deutlich benutzerfreundlicher werden. Dr. Josef Schraff

Dr. Schraff: Die ePA muss für alle Beteiligten deutlich benutzerfreundlicher werden. Wir in den Arztpraxen brauchen eine Volltextsuche, die Patientinnen und Patienten einen einfacheren Zugang. Zudem sollte der Nutzen besser kommuniziert werden.

TK: Sie führen mit Ihren medizinischen Fachangestellten Televisiten bei Patientinnen und Patienten durch. Wie laufen diese Televisiten ab?

Dr. Josef Schraff

Dr. Schraff sitzt am Schreibtisch und blickt auf den Bildschirm eines Notebooks Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Facharzt für Allgemeinmedizin in Deggenhausertal bei der Televisite

Dr. Schraff: Derzeit führen zwei von fünf meiner MFAs solche Televisiten durch. Sie sind mit Laptop, Blutdruckmessgerät, Fieberthermometer und weiteren Geräten wie etwa einem elektronischen Stethoskop unterwegs. Vor Ort wird dann die Verbindung zu mir in die Praxis aufgebaut, so dass ich alle Messwerte direkt bekomme, bei Bedarf können sogar Herztöne oder Atemgeräusche aufgenommen werden. Diese bekomme ich dann direkt als Audio-Datei übermittelt. Zudem habe ich natürlich die Möglichkeit, mich zu unterhalten und Fragen zu stellen.

TK: Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Dr. Schraff: Sehr gut - das ist fast so, als wenn die Patientinnen und Patienten bei mir in der Praxis wären. Die Technik funktioniert gut und auch von Patientenseite bekomme ich sehr gute Rückmeldungen. Derzeit mache ich etwa zehn solcher Televisiten im Quartal. Das sollte unbedingt weiter ausgebaut werden. Gerade auf dem Land mit langen Anfahrtswegen ist diese Form von Digitalisierung im Gesundheitswesen sehr sinnvoll.

Televisiten sollten unbedingt weiter ausgebaut werden. Dr. Josef Schraff

Außerdem schonen wir damit Ressourcen, die wir ansonsten für den Rettungsdienst und Notaufnahmen benötigen. Was nicht passt, ist die Vergütung: Mit knapp 10 Euro für einen Hausbesuch der MFA inklusive Fahrtkosten und circa 5 Euro für die ärztliche Videosprechstunde kann die Leistung nicht wirtschaftlich erbracht werden.

TK: Sie machen mit beim Projekt Televisite im Bodenseekreis, zusammen mit vier weiteren Ärzten, mehreren Pflegeheimen und einem ambulanten Pflegedienst. Wie laufen diese Televisiten ab?

Dr. Schraff: Diese Televisiten laufen ähnlich ab wie die in meiner Praxis. Allerdings sind die Möglichkeiten zur Vor-Ort-Diagnostik noch etwas besser. In den teilnehmenden Pflegeheimen ist ein Wagen mit Computer und Monitor fest stationiert, auf den sich die Ärztinnen und Ärzte aufschalten. Hier besteht auch die Möglichkeit, ein großes sogenanntes 12-Kanal-EKG durchzuführen.

Im Rahmen einer Televisite kann ich mir schnell mit Hilfe der durch die Medizinische Fachangestellte erhobenen Vitalparameter und durch die Übermittlung der aktuellen Vorgeschichte sowie durch den direkten Kontakt mit dem Patienten einen Überblick verschaffen und das weitere Vorgehen festlegen. Entweder kann der Patient mit entsprechender Therapie zu Hause bleiben oder es besteht die Notwendigkeit einer stationären Einweisung, dann alarmieren wir direkt den Rettungsdienst. 

So konnten wir in einem Fall Frühsymptome eines Schlaganfalles erkennen und in einem weiteren Fall konnten wir einen Patienten mit Herzrhythmusstörungen zügig in die Klinik einweisen.

Zur Person:

Dr. Josef Schraff hat sich im Jahr 2017 als Facharzt für Allgemeinmedizin in Deggenhausertal am Bodensee niedergelassen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit stellt die Chirotherapie (Manuelle Medizin) dar. Vor dem Medizinstudium an der Universität Ulm war er Krankenpfleger und Rettungsassistent. Das Abitur hat er auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt. Nach der Facharztausbildung war er lange als Notarzt tätig, daneben hat er Notfall- und Simulationstrainings für Arztpraxen, Kliniken und Rettungsdienste veranstaltet.