TK: Herr Zippel, Sie sind ausgebildeter Rettungshelfer und waren Dienststellen- und Ausbildungsleiter beim Malteser Hilfsdienst e. V. Was hat sich seit Ihrer aktiven Zeit in der Notfallversorgung getan?

Christoph Zippel: Der Rettungsdienst hat sich in den letzten Jahren stark professionalisiert. Die Einführung des Berufsbilds des Notfallsanitäters war ein großer Fortschritt, weil damit Kompetenzen erweitert und die Ausbildung deutlich vertieft wurde.

Gleichzeitig hat sich die Einsatzrealität stark verändert. Der Rettungsdienst wird heute viel häufiger oft auch bei Fällen, die eigentlich in die hausärztliche Versorgung oder in den Bereitschaftsdienst gehören, gerufen. Dadurch geraten die Strukturen zunehmend unter Druck.

Der Rettungsdienst wird heute viel häufiger oft auch bei Fällen, die eigentlich in die hausärztliche Versorgung oder in den Bereitschaftsdienst gehören, gerufen. 
Christoph Zippel

Chris­toph Zippel

Christoph Zippel, Gesundheits- und pflegepolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Gesundheits- und pflegepolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag

Ein weiterer Unterschied ist die zunehmende Digitalisierung und Telemedizin, die neue Möglichkeiten bietet, etwa bei telemedizinischer Beratung durch Ärzte oder bei der Vernetzung mit Kliniken. Die größte Veränderung ist aber: Der Rettungsdienst ist heute nicht mehr nur klassische Notfallrettung, sondern zunehmend auch Teil der allgemeinen Gesundheitsversorgung. Darauf müssen wir strukturell reagieren.

Das Problem ist also weniger ein medizinisches, sondern ein Struktur- und Steuerungsproblem im Gesundheitswesen.
Christoph Zippel

TK: Im Jahr 2024 wurden in Thüringer Krankenhäusern rund 263.700 ambulante Notfälle behandelt, fünf Jahre zuvor waren es rund 178.300 ambulante Behandlungen von Notfällen. Was sagt Ihnen diese Steigerung um rund 48 Prozent?

Zippel: Diese Zahlen zeigen sehr deutlich, dass unser Notfallsystem an seine Grenzen kommt. Viele Menschen gehen in die Notaufnahme, weil sie keinen Hausarzttermin bekommen oder nicht wissen, an wen sie sich sonst wenden können. Das führt dazu, dass Notaufnahmen mit Fällen belastet werden, die eigentlich keine medizinischen Notfälle sind. Das Problem ist also weniger ein medizinisches, sondern ein Struktur- und Steuerungsproblem im Gesundheitswesen.

Wir brauchen deshalb drei Dinge:

  • Erstens eine bessere Patientensteuerung,
  • zweitens eine stärkere Verzahnung von Rettungsdienst, Bereitschaftsdienst und Notaufnahmen, und
  • drittens eine stabile hausärztliche Versorgung auch im ländlichen Raum.

Genau deshalb setzen wir als CDU Thüringen auf das sogenannte 20-Minuten-Versprechen: Arzt und Apotheke sollen für jeden Thüringer maximal zwanzig Minuten entfernt sein.

Die Notaufnahme sollte wirklich für Notfälle da sein und gleichzeitig jeder Patient schnell die richtige Behandlung bekommen.
Christoph Zippel

TK: Integrierte Notfallzentren und gemeinsame Tresen in Krankenhäusern, an denen entschieden wird, ob Patientinnen und Patienten als Notfälle behandelt werden müssen oder zum Beispiel im ärztlichen Bereitschaftsdienst behandelt werden, gibt es in Thüringen bereits einige. Wo sehen Sie in dem Bereich noch Verbesserungsmöglichkeiten?

Zippel: Die integrierten Notfallzentren sind ein wichtiger Schritt, weil sie Patientenströme besser steuern können. Entscheidend ist aber, dass diese Strukturen wirklich vernetzt funktionieren. Das bedeutet: Der Rettungsdienst, der ärztliche Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung und die Notaufnahme müssen organisatorisch enger zusammenarbeiten.

Verbesserungsmöglichkeiten sehe ich vor allem bei

  • der digitalen Vernetzung, damit schon vor der Ankunft im Krankenhaus klar ist, wohin ein Patient am besten gehört,
  • der klaren Ersttriage, damit Patienten schnell an die richtige Stelle geleitet werden, und
  • bei einer besseren Verzahnung mit ambulanten Angeboten, etwa Portalpraxen oder medizinischen Versorgungszentren.

Die Notaufnahme sollte wirklich für Notfälle da sein und gleichzeitig jeder Patient schnell die richtige Behandlung bekommen.

TK: Stichwort Kompetenzen im Rettungsdienst: Eine deutsche Besonderheit ist, dass einige Dinge, die auch anderes ausgebildetes Fachpersonal könnte, nur Ärztinnen und Ärzte dürfen. Die Notfallreform des Bundes soll die Befugnisse der Notfallsanitäter ausweiten, was gleichzeitig die unterschiedlichen Regelungen in den Bundeländern vereinheitlichen würde. Wie sehen Sie beide Aspekte?

Zippel: Die Kompetenzen von Notfallsanitätern zu erweitern, halte ich grundsätzlich für richtig. Notfallsanitäter sind hervorragend ausgebildet und können viele Maßnahmen sicher durchführen. Wenn sie mehr Handlungsspielraum bekommen, kann das im Einsatz wertvolle Zeit sparen.

Dass diese Kompetenzen bundesweit einheitlich geregelt sind, ist zwingend. Unterschiedliche Regeln in den Ländern führen sonst zu Unsicherheit im Einsatz.

Es geht darum, die Teamarbeit im Rettungsdienst zu stärken und vorhandene Kompetenzen sinnvoll zu nutzen. 
Christoph Zippel

Mir ist wichtig hervorzuheben, dass es nicht darum geht, Ärzte zu ersetzen. Es geht darum, die Teamarbeit im Rettungsdienst zu stärken und vorhandene Kompetenzen sinnvoll zu nutzen. Gerade im ländlichen Raum kann das einen wichtigen Beitrag leisten, um die Versorgung schneller und effizienter zu machen.

TK: Sie haben Digitalisierung bereits angesprochen. Welche Rolle spielt sie im Allgemeinen und die elektronische Patientenakte (ePA) im Besonderen Ihres Erachtens in der Notfallversorgung und im Rettungsdienst bzw. welche Rolle sollten sie spielen?

Zippel: Digitalisierung wird für die Notfallversorgung eine immer größere Rolle spielen. Wenn Rettungsdienste bereits während des Einsatzes auf wichtige medizinische Informationen zugreifen können, zum Beispiel Vorerkrankungen, Allergien oder Medikamente, kann das die Behandlung deutlich sicherer machen. Hier sehe ich großes Potenzial bei der elektronischen Patientenakte. Sie kann helfen, Behandlungsfehler zu vermeiden, Medikationen besser abzustimmen und die Kommunikation zwischen Rettungsdienst, Arztpraxen und Krankenhäusern zu verbessern. Dabei müssen die Systeme einfach, sicher und praxistauglich sein, sprich Schnittstellen funktionieren. Wenn Digitalisierung zusätzliche Bürokratie schafft, wird sie im Alltag nicht funktionieren.

Zur Person

Christoph Zippel ist seit 2014 Abgeordneter des Thüringer Landtags für den östlichsten Wahlkreis des Freistaats Thüringen. Er ist gesundheits- und pflegepolitischer Sprecher sowie stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag. Zudem ist er Vorsitzender des Ausschusses für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familie.