Sollte ich damit in die Notaufnahme?
Artikel aus Thüringen
Die Notaufnahmen ächzen auch in Thüringen unter immer mehr Behandlungsfällen, die besser an anderer Stelle aufgehoben wären. Die Notfallversorgung gehört zu den Bereichen, in denen besonders gut sichtbar wird, wie sehr medizinische Ersteinschätzung helfen kann. In der Notfallreform des Bundes, die sich aktuell im Gesetzgebungsprozess befindet, soll das Thema angegangen werden.
Bei akuten gesundheitlichen Problemen ist die Notaufnahme für vielen Menschen die erste Anlaufstelle. Doch was ist ein Notfall? Was mache ich, wenn es mir außerhalb der Praxisöffnungszeiten schlecht geht? Was ist medizinisch sinnvoll und nötig? Reagiere ich über oder bringe ich mich durch Abwarten in Gefahr? Die richtige Antwort darauf zu finden, ist für Laien in manchen Fällen schwer.
Gesundheitsbeschwerden außerhalb der Praxisöffnungszeiten: Notaufnahme ist erste Anlaufstelle
In einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) bejahten 35 Prozent der Menschen die Frage, ob sie innerhalb der vergangenen drei Jahre gesundheitliche Probleme außerhalb der üblichen Praxisöffnungszeiten gehabt hätten.
Bei diesen plötzliche Gesundheitsbeschwerden gingen gut ein Drittel (36 %) der Befragten in die Notaufnahme,17 Prozent riefen einen Krankenwagen.
Der ärztliche Bereitschaftsdienst wurde insgesamt deutlich seltener kontaktiert: Jeder Fünfte (20 %) holte sich Rat über die 116 117, weitere acht Prozent suchten eine ärztliche Bereitschaftspraxis auf. Dass sie gewartet haben, bis ihre Arztpraxis wieder geöffnet hat, sagten 14Prozent der befragten Thüringerinnen und Thüringer.
Wohin bei plötzlichen Gesundheitsproblemen?
In derselben Forsa-Umfrage sagten drei Viertel der Befragten Thüringerinnen und Thüringer (75%), dass sie schon einmal wegen gesundheitlicher Beschwerden die Notaufnahme in einem Krankenhaus aufgesucht hätten. Nach den Gründen gefragt - Mehrfachnennungen waren möglich - nannten etwas über die Hälfte von ihnen (53%) einen Unfall oder eine Verletzung. Weitere 40 Prozent der Befragten hatten akute Symptome wie Atemnot oder starke Schmerzen. Von ihrer Ärztin oder ihrem Arzt bzw. dem ärztlichen Bereitschaftsdienst der 116117 geschickt wurden 14 Prozent und 4 Prozent gaben Schwierigkeiten, beim niedergelassenen Arzt einen Termin zu bekommen, als Grund an.
Notaufnahme nach Selbsteinschätzung im Nachhinein nicht nötig
Diejenigen, die schon einmal in der Notaufnahme waren, wurden auch gefragt, wie sie ihrer letzten Behandlung in der Notaufnahme selbst im Nachhinein einschätzen. 13 Prozent der Befragten waren der Meinung, ihre gesundheitlichen Beschwerden hätten auch zeitnah in einer ambulanten Praxis behandelt werden können. Nicht einschätzen können das 6 Prozent und die übrigen 81 Prozent sagten, die Notaufnahme sei nötig gewesen.
Gleichzeitig steigen die Fälle, die in der Notaufnahme behandelt werden, deutschlandweit. Laut Statistischem Bundesland fanden im Jahr 2024 in Thüringen rund 263.000 Behandlungen in der Notaufnahme statt, 125 pro 1.000 Einwohner.
Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand zum Spaß in die Notaufnahme geht, ist nahe Null. Die Menschen haben ein Problem und wollen versorgt werden. Viele sind unsicher, an wen sie sich wenden sollen.
"Alle uns bekannten Zahlen legen nahe, dass Notaufnahmen und Rettungsdienst häufig auch dann in Anspruch genommen, wenn andere Versorgungsangebote geeigneter wären. Die Menschen brauchen eine bessere Orientierung und die Notaufnahmen sowie der Rettungsdienst müssen entlastet werden. Vor dem Besuch der Notaufnahme würde eine qualifizierte Ersteinschätzung helfen", sagt Guido Dressel, Leiter der TK-Landesvertretung Thüringen.
Notfallreform soll passgenauere Versorgung ermöglichen
Die Notfallreform, die sich derzeit im Bundesgesetzgebungsverfahren befindet, sieht vor, dass Menschen mit akuten gesundheitlichen Beschwerden nicht mehr selbst entscheiden müssen, ob ihr Anliegen in der Notaufnahme, ambulant oder erstmal gar nicht von medizinischem Personal versorgt werden sollte.
Vorgesehen ist eine qualifizierte Ersteinschätzung. Telefonisch soll sie beispielsweise über eine Akutleitstelle unter der Rufnummer 116 117 erreichbar sein. Durch die Vernetzung mit der Notrufnummer 112 für lebensbedrohliche Notfälle soll auch dort die Ersteinschätzung möglich sein und zum gleichen Ergebnis führen wie bei der 116 117.
In sogenannten integrierten Notfallzentren (INZ) in Krankenhäusern solle ebenfalls eine Ersteinschätzung des Behandlungsbedarfs erfolgen. Bei diesen gemeinsamen Tresen wird dann entschieden, ob der Hilfesuchende eine Notfallversorgung im Krankenhaus benötigt oder ihm bzw. ihr auch sofort ambulant geholfen werden kann. Hier ist Thüringen bereits auf einem sehr guten Weg.
In Altenburg wird zum Beispiel ein solches INZ gebaut. Weitere Projekte sind in Vorbereitung. An anderen Krankenhäusern, wie in Sondershausen, gab es als Thüringer Innovation bereits sogenannte Pilotportalpraxen, die inhaltlich gleich aufgestellt sind. Auch an den beiden Erfurter Krankenhäusern sind bereits die Notaufnahme des Krankenhauses und der kassenärztliche Notdienst gemeinsam vor Ort.
Die Erweiterung der Notaufnahmen zu INZ stellen eine echte Transformation in der Krankenhauslandschaft dar und sind eine Investition in die Gesundheitsversorgung der Zukunft. Deswegen begrüßen wir, dass sie in weiteren Thüringer Kliniken mit Hilfe finanzieller Mittel aus dem Transformationsfonds etabliert werden sollen.
Hinweis für die Redaktion
Die politische Position der TK zur Notfallreform ist im Presse- und Politikportal der TK abrufbar.
In Deutschland fanden laut Statistischen Bundesamt im Jahr 2024 rund 13 Millionen Behandlungen in Notfallambulanzen statt. Das ist der höchste Wert seit der Erfassung 2018 und ein Anstieg um 5 Prozent gegenüber dem Jahr 2023.
Für die repräsentative telefonische Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse befragte das Meinungsforschungsinstitut forsa vom 25. September bis 21. Oktober 2025 insgesamt 500 Personen ab 18 Jahre bevölkerungsrepräsentativ für das Bundesland Thüringen.