Standpunkt von Jörn Simon zu gesundheitspolitischen Herausforderungen
Position aus Rheinland-Pfalz
Am 22. März 2026 wird in Rheinland-Pfalz ein neuer Landtag gewählt. Welches die größten gesundheitspolitischen Hürden sind und wie man ihnen entgegentreten sollte, beleuchtet TK-Landesvertretungsleiter Jörn Simon in seinem aktuellen Standpunkt.
Am 22. März 2026 wird in Rheinland-Pfalz ein neuer Landtag gewählt. Dabei steht fest, dass Gesundheitspolitik für die Menschen in Rheinland-Pfalz mit Blick auf die Wahl ein Top-Thema ist. Dies zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage, die von der Techniker Krankenkasse (TK) in Auftrag gegeben wurde. Wie auch immer die neue Landesregierung aussieht, sie wird vor erheblichen gesundheitspolitischen Herausforderungen stehen. Welches die größten Hürden sind und wie man ihnen entgegentreten sollte, beleuchtet TK-Landesvertretungsleiter Jörn Simon in seinem aktuellen Standpunkt.
Jörn Simon
Es gibt Klinikdefizite, drohenden Fachkräftemangel im Gesundheitswesen, überlastete Notaufnahmen, stetig steigende Pflegekosten, um nur einiges zu nennen: Ein "Weiter so" kann daher keine Option sein. Um zukunftsfähig zu bleiben, braucht es eine klare Neuausrichtung entlang der Leitplanken Qualität, Steuerung im System, Digitalisierung und finanzielle Stabilität.
Krankenhauslandschaft neu strukturieren
Mehr Qualität durch Spezialisierung und Schwerpunktbildung muss die Devise sein.
In Rheinland-Pfalz schreiben mehr Kliniken als im Bundesdurchschnitt rote Zahlen. Ein Wandel der historisch gewachsenen Krankenhauslandschaft ist dringend notwendig, um langfristig eine qualitativ hochwertige Versorgung für alle Regionen unseres Flächenlandes zu gewährleisten. Mehr Qualität durch Spezialisierung und Schwerpunktbildung muss hier die Devise sein. Die bereits oben erwähnte Forsa-Umfrage ergab, dass 92 Prozent der befragten Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer bereit wären, für eine anstehende aufwendige Behandlung eine längere Anreise in Kauf zu nehmen, um das bestmögliche Ergebnis zu erhalten. Dies verdeutlicht, dass die Menschen einem Wandel der Kliniklandschaft offen gegenüberstehen. Mit den Leistungsgruppen stellt die Krankenhausreform des Bundes wichtige Weichen für mehr Qualität und Spezialisierung. Anspruchsvolle Operationen sollten ausschließlich in Kliniken durchgeführt werden, die über eine adäquate Ausstattung und Erfahrung verfügen.
Ambulantisierung als Chance
Die Verlagerung geeigneter Leistungen in den ambulanten Bereich birgt erhebliches Potenzial, um zentralen Herausforderungen unseres Gesundheitssystems, vom Fachkräftemangel bis hin zur fehlenden Wirtschaftlichkeit, erfolgreich entgegenzutreten. Dieses Potenzial bleibt noch zu oft ungenutzt. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf.
Mehr Steuerung und Koordination zur Verbesserung der Versorgung
Schauen wir auf das Durchschnittsalter der Medizinerinnen und Mediziner in Rheinland-Pfalz, so wird deutlich, dass in den nächsten Jahren ein massiver Ärztemangel droht. Rund 44 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte sind über 60 Jahre alt, das aktuelle Durchschnittsalter der Fachärztinnen und Fachärzte im Land liegt bei 55 Jahren. Um das System zu entlasten und effizienter zu gestalten, müssen Patientinnen und Patienten zukünftig schneller in die richtige Versorgungsebene gesteuert werden.
Es braucht eine bessere Patientensteuerung nach der Prämisse "digital vor ambulant vor stationär", um Ärztinnen und Ärzte tatsächlich zu entlasten. Durch ein entsprechendes Ersteinschätzungsinstrument müssen Patientinnen und Patienten eine standardisierte Behandlungsempfehlung mit Dringlichkeitsstufe erhalten. Je nach Bedarf erfolgt dann die Weiterleitung in die hausärztliche oder fachärztliche Versorgung, in ein integriertes Notfallzentrum oder, bei leichten Fällen, in ein digital gestütztes Selbstmanagement beziehungsweise zu nichtärztlichen Fachkräften.
Durch bessere Patientensteuerung und den Einsatz digitaler Technologien können Kapazitäten im Gesundheitswesen effizienter genutzt werden.
Durch die angestrebte Patientensteuerung und den Einsatz digitaler Technologien wie Telemedizin, automatisierter Terminvergabe und der Nutzung von KI können Kapazitäten im Gesundheitswesen effizienter genutzt werden. Eine bessere Vernetzung und mehr Delegation an verschiedene medizinische Fachgruppen tragen zusätzlich zur gezielteren Nutzung der ärztlichen Versorgung bei.
Effizienzoffensive im Notfall- und Rettungsdienst
Die Notfallversorgung in Rheinland-Pfalz steht angesichts des demografischen Wandels, des Personalmangels, zu weniger Facharzttermine und diverser Standortschließungen von Kliniken zunehmend unter Druck. Bislang ist der Rettungsdienst in Deutschland Ländersache, mit 16 unterschiedlichen Regelungen zu Hilfsfristen, Qualität und Finanzierung. Das muss sich ändern und dafür sollte sich die zukünftige rheinland-pfälzische Regierung einsetzen. Einheitliche Qualitätsvorgaben und Anreize für wirtschaftliches Handeln sowie Digitalisierung müssen das Ziel sein. Die von der Bundesregierung geplante Notfallreform ist zu begrüßen, kann aber nur umfassend greifen, wenn der Rettungsdienst mitberücksichtigt wird. Darüber hinaus braucht es klare und einheitliche Regelungen zur Preisbildung. Nur so können die notwendigen Verbesserungen realisiert werden. Hier sollte eine digitalgestützte Ersteinschätzung, ebenso wie in der Regelversorgung, etabliert werden. Ein großes Potenzial, um die zurzeit häufig überfüllten Notaufnahmen dauerhaft und wirkungsvoll zu entlasten, liegt in der gezielten Patientensteuerung. Zudem ist eine enge Verzahnung zwischen den Rettungsleitstellen (112) und dem ärztlichen Bereitschaftsdienst (116117) dringend erforderlich. Ziel sollte ein bundeseinheitlicher Rahmen sein, der sowohl die digitale Vernetzung als auch Qualitätsstandards regelt.
Zukunftssichere Pflege
Die pflegerische Versorgung ist angesichts des demografischen Wandels ein immer dominanter werdendes Thema: Steigende Eigenanteile in der stationären Pflege bringen viele Betroffene an die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten. In Rheinland-Pfalz ist die Situation besonders brisant, weil das Land sich bislang gar nicht an den Investitionskosten für Bau und Instandhaltung der Pflegeheime beteiligt, während fast alle anderen Bundesländer hier wenigstens teilweise Verantwortung übernehmen. Dies führt dazu, dass diese Kosten über die Eigenanteile der Bewohnerinnen und Bewohner finanziert werden müssen. Will das Land Pflege bezahlbar halten, muss es sich zukünftig an den Investitionskosten beteiligen.
Potenzial der Digitalisierung nutzen
Es gilt, das Potenzial der Digitalisierung systematisch zu heben.
Parallel gilt es, das Potenzial der Digitalisierung systematisch zu heben: Smart-Home-Technologien, telemedizinische und telepflegerische Angebote, digitale Anträge und Coaching-Kurse können Pflegebedürftige und Angehörige entlasten. Ein landesweites Online-Portal, in dem Pflegebedürftige niedrigschwellig nach freien Plätzen in stationärer Langzeitpflege, Kurzzeit- und Tagespflege suchen können, flankiert von einer gesetzlichen Pflicht der Einrichtungen zur Meldung freier Kapazitäten, würde für mehr Transparenz sorgen.
Neustrukturierung der Pflegestützpunkte
Um knappe personelle Ressourcen sinnvoll einzusetzen, müssen auch die Strukturen der Beratung auf den Prüfstand. Die Pflegekassen bieten eine fundierte Pflegeberatung für Betroffene an. Seit 2009 beraten in Rheinland-Pfalz zudem 135 Pflegestützpunkte niedrigschwellig und flächendeckend rund um das Thema Pflege. Ziel muss es in der nächsten Legislaturperiode sein, die Pflegestützpunkte bedarfsorientierter und effizienter aufzustellen. Dank digitaler Vernetzung (Videoberatung) und Berücksichtigung der oben erwähnten Parallel-Strukturen der Pflegekassen ist beispielsweise eine Neudimensionierung von einer Vollzeitkraft (VZK) für 60.000 Einwohner denkbar, wie diese in anderen Bundesländern auch gilt. Bislang steht in Rheinland-Pfalz eine VZK für 30.000 Einwohner zur Verfügung. Auch vor dem Hintergrund, dass es eine immer größere Herausforderung ist, offene Stellen mit qualifiziertem Personal zu besetzen, sollte diese Neustrukturierung angegangen werden.
Große Herausforderungen für die nächsten Jahre
Fazit: Um zukunftsfähig zu bleiben, braucht Rheinland-Pfalz dringend die konsequente Umsetzung der Krankenhausreform. Versorgung muss klug gesteuert werden, um sie auch für alle sicherzustellen und es braucht in allen Bereichen den Mut zur konsequenten Digitalisierung. Zugleich steht das Land vor der Herausforderung, Pflege bezahlbarer zu machen, den drohenden Ärztemangel abzufedern und ambulante Strukturen, insbesondere im ländlichen Raum, zu stärken.