TK: Wo sehen Sie die größten Chancen von KI im Gesundheitswesen für Patientinnen und Patienten, aber auch für Leistungserbringende?

Thomas Ballast: KI bietet in Teilen schon heute, zukünftig aber noch mehr die Möglichkeit, Informationen zu gewinnen, sie verständlich aufzubereiten und an die richtige Stelle weiterzuleiten. Für Patientinnen und Patienten sowie Leistungserbringer bedeutet das, dass die Informationsqualität verbessert wird und sich der persönliche Kontakt auf die wirklich relevanten Themen konzentrieren kann. Allerdings ist auch die KI nicht fehlerlos, so dass es auch immer darauf ankommen wird, die "Arbeit" der KI einzuordnen; am Ende soll und muss weiterhin der Mensch die Verantwortung tragen. 

Thomas Ballast

Thomas Ballast (stellvertretender Vorstandsvorsitzender der TK) posiert für ein Porträtfoto. Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Thomas Ballast ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse.

TK: An welchen Stellen wird KI auch die Arbeit einer Krankenkasse verändern und verbessern?

Ballast: Auf der Ebene des Verwaltungshandelns wird die KI viele Prozesse vereinfachen und bei der Automatisierung helfen. An vielen Stellen tut sie dies bereits heute. Die Herausforderungen der Zukunft liegen darin, die Verantwortung des Menschen in diesen Prozessen weiter zu definieren und die Kontrolle zu behalten. Weil die einfache Anwendung von Regeln (zum Beispiel der Leistungsgewährung) dann weniger Zeit in Anspruch nehmen wird, können sich unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch viel mehr als aktuell um die Versorgungsprozesse der Versicherten kümmern - von individualisierten Präventionsempfehlungen bis hin zu maßgeschneiderter Begleitung auf Patientenpfaden. 

Im Gesundheitswesen braucht es Erfahrung, Einfühlungsvermögen und verantwortungsvolle Entscheidungen. Thomas Ballast

Gerade im Gesundheitswesen braucht es Erfahrung, Einfühlungsvermögen und verantwortungsvolle Entscheidungen. Die persönliche Beratung und die fachliche Verantwortung bleiben deshalb bei unseren Mitarbeitenden.

TK: Wie wird KI die Beziehung zwischen Patientinnen/Patienten und Ärztinnen/Ärzten in den nächsten 10 bis 15 Jahren verändern?

Ballast: 10 bis 15 Jahre sind ein sehr langer Zeitraum, wenn man die aktuelle Entwicklungsgeschwindigkeit der Großen Sprachmodelle wie ChatGPT, OpenAI und anderen betrachtet. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, wird computergestützte Interaktion sehr bald für viele Anwendungsfälle die Normalität werden - und das gilt auch für die Beziehung zwischen Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzten. Der menschliche Faktor wird aber immer von Bedeutung bleiben, weil Medizin nicht nur Naturwissenschaft ist, sondern immer auch eine soziale Komponente aufweist. Es wird also darum gehen, die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine in der Medizin neu auszuhandeln - damit die Medizin sich auf komplexe Patientenprobleme mit hoher sozialer Komponente konzentrieren kann.

TK: Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Patientinnen und Patienten Vertrauen in KI-Anwendungen im Gesundheitswesen entwickeln?

Ballast: Gesundheitsdaten sind besonders sensible Daten: mein Nachbar sollte nicht wissen, an welchen Krankheiten ich leide. KI-Anwendungen werden daher sicherstellen müssen, dass sie ihre eigene "ärztliche Schweigepflicht" sicherstellen können. Das ist aktuell bei vielen auf dem freien Markt verfügbaren Produkten noch nicht der Fall. 

Als Krankenkasse wissen wir, wie sensibel Gesundheitsdaten sind. Thomas Ballast

Als Krankenkasse wissen wir, wie sensibel diese Daten sind. Deshalb ist es unser Anspruch, als vertrauenswürdiger Partner KI-Anwendungen bereitzustellen, die nicht nur funktional überzeugen, sondern bei denen die Datensicherheit garantiert ist. Gleichzeitig braucht es meines Erachtens auch mehr Aufklärung und Diskussion darüber, wem ich meine Daten in welcher Situation eigentlich zur Verfügung stelle. In diesem Zusammenhang spielt das Thema Medienkompetenz auch eine große Rolle.  

TK: Im Rahmen Ihrer Arbeit begegnen Ihnen vermutlich sehr viele spannende KI-Projekte. Welches hat Sie dabei ganz besonders beeindruckt und warum?

Ballast: KI ist ja ein weiter Begriff und umfasst nicht nur ChatGPT und seine "Kollegen". Wir setzen KI schon länger ein, um aus eingehenden Rechnungen die auszuwählen, bei denen eine Korrektur am wahrscheinlichsten ist - damit konzentrieren wir unsere begrenzten Personalressourcen.

Wir bearbeiten eingehende Leistungsanträge auf Zahnersatz so schnell, dass sinnbildlich der Patient noch im Behandlungsstuhl sitzt. Thomas Ballast

Wir bearbeiten eingehende Leistungsanträge zum Beispiel beim Zahnersatz so schnell, dass sinnbildlich der Patient noch im Behandlungsstuhl sitzt und der Zahnarzt nach wenigen Minuten bereits loslegen kann. Und wir fassen umfangreiche Dokumente (hier sind wir dann im Bereich der Großen Sprachmodelle) so gut zusammen, dass wir zum Beispiel aus einem Gutachten des Medizinischen Dienstes die wesentlichen Aussagen in allgemeinverständlicher Sprache identifizieren, darauf unsere Leistungsentscheidung treffen und auch direkt den Versicherten informieren können. Das spart Zeit und Geld.

TK: Was ist aus Ihrer Sicht nötig, damit das Gesundheitswesen die Potenziale von KI tatsächlich heben kann?

Ballast: Das Gesundheitswesen besteht aus Zigtausenden unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure, die keinen umfassenden Blick auf das System haben können und oft ja auch nicht haben müssen. Die gemeinsame Basis wird zunehmend durch die Telematik-Infrastruktur gebildet, die enorm wichtig ist. In der konkreten Nutzung gilt für alle Elemente der Digitalisierung, nicht nur der KI, dass sie die Arbeit erleichtern müssen, nicht erschweren. Wenn Sicherheit und Komfort im Vordergrund stehen, wird sich die Nutzung quasi automatisch in das Handeln der Beteiligten einpflegen. Hinzu kommt, dass wir natürlich außerhalb des Gesundheitswesens ja auch unsere Erfahrungen machen. Wenn die positiv sind, wird es die Erwartungen an das Gesundheitswesen auch weiterentwickeln.

Zur Person

Thomas Ballast, geboren 1962, gehört dem Vorstand der TK seit Juli 2012 an. Davor war er Vorstandsvorsitzender des Ersatzkassenverbands vdek. Als stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei der TK verantwortet er die Unternehmensbereiche Service & Operations, Innovation und ambulante Versorgung sowie Versorgungssteuerung.