"Entscheidend ist, den konkreten Nutzen digitaler und KI-gestützter Anwendungen sichtbar zu machen."
Interview aus Hessen
Hessens Digitalministerin Prof. Kristina Sinemus spricht im Interview, wie ihr Haus innovative Ideen für das Gesundheitswesen unterstützt.
TK: Wo sehen Sie aktuell in Hessen, aber auch in Deutschland, noch die größten Hürden auf dem Weg in ein digitalisiertes Gesundheitswesen?
Prof. Kristina Sinemus: Die Digitalisierung eines so komplexen Systems wie des deutschen Gesundheitswesens erfordert viele Akteurinnen und Akteure, Entscheiderinnen und Entscheider sowie Umsetzerinnen und Umsetzer, die an einem Strang ziehen. Das ist angesichts der aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage sowie unserer Debattenkultur nicht immer leicht - zugleich aber umso dringlicher.
Ein zukunftsfestes digitales Gesundheitssystem braucht vor allem eine bessere Vernetzung von Akteurinnen und Akteuren sowie Systemen, die Nutzbarmachung von Daten, die gezielte Förderung von Innovationen und zugleich verlässliche digitale Mindeststandards.
Prof. Dr. Kristina Sinemus
Hessen bringt dafür sehr gute Voraussetzungen mit: eine enge Vernetzung von Universitätskliniken, Forschungseinrichtungen sowie Pharma- und Technologieunternehmen und seine Bedeutung als Rechenzentrumsstandort. Die Zusammenarbeit etwa bei KI-gestützter Diagnostik und personalisierter Medizin trägt wesentlich zum medizinischen Fortschritt bei. Mit dem neuen Anwendungszentrum "Q and AI" am Bertramshof in Frankfurt entsteht zudem ein Ort, an dem neue Technologien schneller in marktfähige Anwendungen überführt werden können. Leistungsfähige Rechenzentren schaffen zugleich die Grundlage, Gesundheitsdaten sicher zu speichern, auszuwerten und für KI-Anwendungen nutzbar zu machen. Hessen zählt bereits zu den führenden Rechenzentrumsstandorten Europas.
Entscheidend ist, die Menschen mitzunehmen und Vertrauen zu schaffen.
Entscheidend ist zugleich, die Menschen bei der digitalen Transformation mitzunehmen und Vertrauen zu schaffen. An der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) in Gießen wird das Kompetenzzentrum für Telemedizin und E-Health (KTE) aufgebaut, um eine sichere Infrastruktur für den Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten zu schaffen. Mit der KI-Bürgertour schaffen wir Möglichkeiten zum Dialog und zeigen anhand konkreter Anwendungen, welchen Nutzen neue Technologien im Alltag haben können.
Eine Bitkom-Studie aus dem Jahr 2025 zeigt, dass 71 Prozent der Befragten KI im Gesundheitswesen positiv gegenüberstehen. Dies zeigt, dass der Weg in die digitale Zukunft des Gesundheitssystems gut ist. Bei aller technologischen Entwicklung gilt aber: Im Mittelpunkt muss immer der Mensch, der Patient, stehen.
TK: Wie unterstützt das Land beim Aufbau digitaler und KI-Kompetenzen?
Prof. Sinemus: "Gemeinsames Lernen" ist eines der Leitprinzipien in unserer Digitalstrategie. Gerade die Künstliche Intelligenz entwickelt sich so rasant, dass wir nur gemeinsam lernen können. Dazu gehört auch, aus Fehlern zu lernen und alle Bereiche der Gesellschaft stärker als bisher mitzunehmen. Gleichzeitig bleibt jeder und jede Einzelne gefordert. Als Land müssen wir die Voraussetzungen dafür schaffen, informieren, sensibilisieren und Angebote machen, damit Eigenverantwortung auch gelebt werden kann.
Entscheidend ist dabei, den konkreten Nutzen digitaler und KI-gestützter Anwendungen sichtbar zu machen. Dazu fördern wir zahlreiche innovative Projekte, die beispielsweise bei unserer KI-Bürgertour auf Marktplätzen und Stadtfesten unmittelbar erlebt, ausprobiert und hinterfragt werden können.
Ein konkretes Beispiel ist ein gemeinsames Projekt mit der Initiative Gesundheitsindustrie Hessen (IGH) und der Uniklinik Frankfurt. Dort wurden im Sommer zwei Avatare in der Prämedizinischen Ambulanz eingeführt. Sie unterstützen bei der Aufklärung zur Einwilligung in die Nutzung von Gesundheitsdaten für die Forschung. Patientinnen und Patienten können sich innerhalb von fünf Minuten in verständlicher Sprache und in zehn verschiedenen Fremdsprachen über die Inhalte informieren und anschließend im Arztgespräch gezielt Fragen stellen. Der fünfseitige Aufklärungsbogen steht weiterhin digital zur Verfügung. Die Menschen erhalten damit zusätzliche Wahlmöglichkeiten und eine bessere Grundlage für eine informierte Entscheidung.
Auch darüber hinaus stärken wir digitale Kompetenzen. Über das Projekt Di@-Lotsen erhalten insbesondere Seniorinnen und Senioren Unterstützung bei der Nutzung von Smartphone und Tablet sowie bei Fragen etwa zur elektronischen Patientenakte oder zu Digitalen Gesundheitsanwendungen. Auf dem Hessentag in Fulda gab es zudem vielfältige Angebote des Digitalministeriums, um die digitalen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen zu fördern.
Das KTE an der THM bietet darüber hinaus seit vielen Jahren Fortbildungen für Fachpersonal und Interessierte an und stellt bei Bedarf auch Referentinnen und Referenten zur Verfügung.
TK: Was wünschen Sie sich von den Akteurinnen und Akteuren im Gesundheitswesen, damit sich ein sinnvoller Einsatz von KI - im Sinne der Patientinnen und Patienten - etabliert?
Die Digitalisierung muss dem Menschen dienen.
Prof. Sinemus: Ein gutes Beispiel ist der Einsatz von KI bei der digitalen Ersteinschätzung und Diagnostik im Gesundheitswesen. Entscheidend ist dabei eine konsequente Nutzerorientierung: Die Digitalisierung muss dem Menschen dienen. Aus unserem Haus geförderte Projekte wie "ai4rare" und "SymptomAI" zeigen, wie KI verantwortungsvoll eingesetzt werden kann, um Diagnosen seltener Erkrankungen zu beschleunigen oder die Versorgung bei Post-COVID zu verbessern. Ärztinnen und Ärzte sowie Patientinnen und Patienten spielen dabei eine wichtige Rolle, um Akzeptanz und Vertrauen zu schaffen.
Beim Einsatz von KI braucht es Regulierung, ohne Innovation unnötig zu hemmen. Mit der EU-KI-Verordnung und der Medical Device Regulation bestehen bereits wichtige Rahmenbedingungen, die sinnvoll ausgestaltet werden müssen. Zugleich muss die letzte Entscheidung beim Menschen liegen. Das gilt grundsätzlich für alle Lebensbereiche, im Gesundheitswesen aber in besonderem Maße, weil Fehlentscheidungen hier besonders gravierend sein können. Vertrauen entsteht durch Sicherheit, Transparenz und eine klare Orientierung an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer. Gerade für Patientinnen und Patienten in schwierigen Lebenssituationen ist dies von besonderer Bedeutung.
Für die nachhaltige Umsetzung digitaler Projekte braucht es zudem vernetzte Akteure, finanzielle Förderung und engagierte Anwender. Ein Beispiel ist der digitale Broad Consent am Uniklinikum Frankfurt, der Prozesse im Klinikalltag erleichtert und informierte, datenschutzkonforme Entscheidungen unterstützt. Hessen stärkt solche Innovationen unter anderem mit Strukturen wie dem Anwendungszentrum "Q and AI" am Bertramshof, das den Transfer neuer Technologien in die Praxis beschleunigen soll.
In den kommenden Jahren sollte der Fortschritt von "KI made in Hessen" für die Bürgerinnen und Bürger im Alltag spürbar werden - durch eine bessere Gesundheitsversorgung und als vertrauenswürdige Technologie, die den Menschen dient.
TK: Wie kann das bereits angesprochene Anwendungszentrum "Q and AI" dazu beitragen, dass vielversprechende KI-Anwendungen den Zugang zum Gesundheitswesen schaffen und welche spannenden Ideen konnten vielleicht sogar schon im angeschlossenen KI-Showroom präsentiert werden?
KI-Lösungen müssen einen konkreten Mehrwert bieten.
Prof. Sinemus: Das neue Anwendungszentrum "Q and AI" am Frankfurter Bertramshof kann gerade für das Gesundheitswesen eine wichtige Brückenfunktion übernehmen. Es bringt Unternehmen, Start-ups, Wissenschaft sowie weitere Akteurinnen und Akteure zusammen und schafft einen Ort, an dem innovative Technologien erprobt und schneller in konkrete Anwendungen überführt werden können. Gerade im Gesundheitswesen ist dieser Transfer entscheidend. KI-Lösungen müssen nicht nur technisch funktionieren, sondern einen konkreten Mehrwert für Patientinnen und Patienten sowie Beschäftigte bieten, sicher und vertrauenswürdig sein und sich in bestehende Abläufe integrieren lassen.
Das "Q and AI" schafft dafür gute Voraussetzungen. Testumgebungen, Workshops, Pitches und Veranstaltungen bringen Herausforderungen aus der Praxis mit technologischen Lösungen zusammen. Die enge Verbindung zum Start-up-Ökosystem und zur "Start-up Factory Futury" kann jungen Unternehmen zudem den Zugang zu Anwendern, Pilotpartnern und konkreten Anwendungsfällen erleichtern. So lässt sich der Weg von der Idee über den Praxistest bis zur Anwendung verkürzen.
Wie groß das Potenzial im Gesundheitswesen ist, zeigen bereits Projekte, die das Hessische Digitalministerium über Förderprogramme wie "Distr@l" unterstützt. So entwickelt die TU Darmstadt mit "ViSPAGI" eine KI-basierte Lösung zur Erkennung und Charakterisierung von Krebsgewebe. Bei "ParkinsonHessen-Digital" haben die Technische Hochschule Mittelhessen und das Universitätsklinikum Gießen-Marburg die "ParDi"-App entwickelt, mit der Menschen mit Parkinson ihren Gesundheitszustand regelmäßig zu Hause erfassen können, so dass wichtige Informationen für die Behandlung gewonnen werden.
Hessen verfügt damit bereits über vielversprechende Ansätze an der Schnittstelle von KI und Gesundheitsversorgung. Das "Q and AI" kann dazu beitragen, diese Ideen sichtbar zu machen, Partner zusammenzubringen und den Transfer in die Praxis zu beschleunigen.
TK: In Darmstadt gibt es seit dem Frühjahr 2023 ein vom Land unterstütztes KI-Innovationslabor, in dem Start-ups und Unternehmen ihre KI-Anwendungen - mit Unterstützung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern - trainieren, testen und evaluieren können. Welche spannenden Ansätze aus dem Gesundheitswesen sind in diesem Labor bereits ausprobiert worden?
Prof. Sinemus: Das Land Hessen hat den Aufbau des KI-Innovationslabors in Darmstadt mit rund zehn Millionen Euro unterstützt. Start-ups und Unternehmen können dort KI-Anwendungen entwickeln, testen und weiterentwickeln. Dafür stehen ihnen mit dem "Rechencluster 42" eine leistungsfähige Infrastruktur sowie fachliche Beratung und Expertise aus der KI-Spitzenforschung zur Verfügung. Wie daraus konkrete Anwendungen für das Gesundheitswesen entstehen können, zeigen zwei Beispiele:
Das Start-up "panocularAI" hat eine datenschutzkonforme Lösung zur Sturzerkennung und Notfallüberwachung für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen entwickelt. Die Bilddaten werden direkt vor Ort verarbeitet und verlassen das jeweilige Gerät nicht. Die zugrunde liegenden KI-Modelle wurden auf dem "Rechencluster 42" trainiert und weiterentwickelt.
Ein weiteres wichtiges Anwendungsfeld ist die Dokumentation und Abrechnung in Krankenhäusern. Unvollständige oder unklare Angaben führen häufig zu zusätzlichem Aufwand und können finanzielle Einbußen verursachen. KI kann hier Ärztinnen, Ärzte und medizinisches Personal entlasten.
Ein Beispiel dafür ist das aus der TU Darmstadt hervorgegangene Unternehmen "dianovi". Gemeinsam mit dem Klinikum Darmstadt hat es KI-Anwendungen entwickelt und dafür ebenfalls die Rechenressourcen des "Clusters 42" genutzt. Die Anwendungen unterstützen Krankenhäuser dabei, Behandlungsfälle vollständiger zu dokumentieren, Patientinnen und Patienten passenden Behandlungspfaden zuzuordnen und Abrechnungsprozesse zu erleichtern. Inzwischen kommen sie bundesweit in ambulanten Einrichtungen, Krankenhäusern und Universitätskliniken zum Einsatz.
Diese Beispiele zeigen: Entscheidend für gute KI-Anwendungen im Gesundheitswesen ist nicht allein die Technologie. Ebenso wichtig sind der enge Austausch mit den späteren Anwenderinnen und Anwendern und die Möglichkeit, neue Verfahren unter realistischen Bedingungen zu entwickeln und zu erproben. Genau dafür bietet das KI-Innovationslabor in Darmstadt gute Voraussetzungen.
Zur Person:
Seit Januar 2019 ist Prof. Dr. Kristina Sinemus (CDU) Hessische Ministerin für Digitalisierung und Innovation. Zuvor war sie Geschäftsführerin der von ihr gegründeten Genius GmbH, eine auf Wissenschaftskommunikation spezialisierte Beratungsagentur. Zudem war sie bis zu ihrem Amtsantritt seit 2014 Präsidentin der IHK Darmstadt Rhein Main Neckar und hatte einen Lehrstuhl für Public Affairs an der Quadriga Universität in Berlin inne.