"Community Health Nurses": Eine Möglichkeit, Menschen langfristig zu begleiten
Interview aus Mecklenburg-Vorpommern
In ländlichen Regionen droht vielerorts medizinische Unterversorgung. Das Modellprojekt "LuP-Regio" hat nun sogenannte "Community Health Nurses" nach Crivitz gebracht: Ihre ersten Erfahrungen schildern sie uns im Interview.
Mit dem Innovationsfonds-Projekt "LuP-Regio - Regionale Gesundheitsstrategie des Landkreises Ludwigslust-Parchim" entwickeln die Partnerinnen und Partner einen neuen Ansatz, um der drohenden Unterversorgung in ländlichen Regionen entgegenzuwirken. Ein zentrales Element des Projekts ist der Einsatz von Community Health Nurses, die als "Gemeindegesundheitsschwestern" Versorgungsbedarfe identifizieren sowie Termine und Fahrtmöglichkeiten koordinieren.
Außerdem übernehmen sie in Delegation ärztliche Versorgungsleistungen - digital und analog. Im Interview liefern Laura Jenssen, Anja Jacobs und Eric Lindemann einen Einblick in die Projektarbeit und schildern, wie sie die Versorgung in der Modellregion verbessern.
Eric Lindemann, Anja Jacobs und Laura Jenssen (v.l.n.r.)
TK: "LuP-Regio" ist ein Modellprojekt im Landkreis Ludwigslust-Parchim, das sich mit den aktuellen Herausforderungen der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum auseinandersetzt. Mit welchen Herausforderungen sind Sie im Versorgungsalltag konfrontiert?
Team-CHN: Aus Versorgungsperspektive stellen die eingeschränkte Erreichbarkeit von Hausärzt:innen, Fachärzt:innen sowie weiteren therapeutischen Angeboten eine große Herausforderung dar. Insbesondere ältere und mobil eingeschränkte Menschen haben Schwierigkeiten, notwendige medizinische Leistungen rechtzeitig in Anspruch zu nehmen. Dadurch kommt es häufig zu einem verzögerten Behandlungsbeginn, was eine Verschlechterung des Gesundheitszustands begünstigen kann. Auch lange Wartezeiten auf Arzt- und Therapietermine sowie eine fehlende kontinuierliche Begleitung zwischen den einzelnen Versorgungsangeboten wirken sich ungünstig auf die Gesundheitssituation der Menschen in der Region aus. In dieser Zeit fühlen sich viele Betroffene mit ihren Beschwerden allein gelassen. Auch bei jüngeren Menschen beobachten wir zunehmend gesundheitliche Belastungen, insbesondere im psychischen und psychosozialen Bereich.
TK: Welche Möglichkeiten haben Sie als CHN, diesen Entwicklungen entgegenwirken?
Team-CHN: Als Community Health Nurses begegnen wir diesen Entwicklungen durch eine niedrigschwellige, wohnortnahe und kontinuierliche Begleitung der Menschen. In persönlichen Gesprächen nehmen wir nicht nur Diagnosen wahr, sondern betrachten den Menschen in seiner gesamten Lebenssituation. Durch die enge Zusammenarbeit mit Hausärztinnen und Hausärzten können viele Maßnahmen zeitnah in der Häuslichkeit umgesetzt werden, beispielsweise Vitalzeichenkontrollen, Blutentnahmen oder Verlaufskontrollen. So lassen sich gesundheitliche Risiken frühzeitig erkennen und Komplikationen vermeiden. Darüber hinaus fördern wir durch individuelle Beratung die Gesundheitskompetenz der Teilnehmenden. Dies trägt dazu bei, unnötige Krankenhausaufenthalte zu vermeiden und die Selbstständigkeit im Umgang mit der eigenen Gesundheit zu stärken.
TK: Wie profitieren die Menschen in der Modellregion ganz konkret im Versorgungsalltag?
Team CHN: Ein wichtiges Angebot im Rahmen des Projekts ist der kostenlose Rufbus, mit dem Arzt- oder Therapietermine zuverlässig wahrgenommen werden können. Zusätzlich bieten wir Videosprechstunden an, was insbesondere für weniger mobile Menschen eine große Entlastung darstellt. Wir unterstützen die Teilnehmenden bei der Orientierung im regionalen Versorgungs- und Unterstützungssystem, klären gemeinsam gesundheitlich relevante Bedarfe und fördern eine zielgerichtete Anbindung an bestehende Beratungs- und Versorgungsangebote. Darüber hinaus motivieren wir zur Teilnahme an Bewegungs-, Präventions- und Selbsthilfeangeboten, sind Ansprechpartner:innen für gesundheitliche und soziale Fragen und vermitteln bei Bedarf an geeignete Fachexpert:innen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt darauf, alltagsnahe Strategien zur Gesunderhaltung aufzuzeigen und gemeinsam mit den Teilnehmenden umzusetzen.
TK: Was reizt Sie ganz persönlich am Projekt "LuP-Regio"?
Team CHN: Besonders reizvoll an unserem Projektansatz ist es, dass trotz des Projektcharakters der Schwerpunkt auf der individuellen Arbeit mit den Menschen liegt. Jede teilnehmende Person bringt ihre eigene Geschichte, ihre persönlichen Ressourcen und Herausforderungen mit. Diese Vielfalt erfordert ein flexibles und bedarfsorientiertes Vorgehen und macht die Arbeit abwechslungsreich und sinnstiftend. Die Möglichkeit, Menschen langfristig zu begleiten und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, empfinden wir als besonders bereichernd.
TK: Gibt es für Menschen in der Modellregion noch die Möglichkeit, am Projekt teilzunehmen? Und wie können Interessierte am einfachsten mit Ihnen Kontakt aufnehmen?
Team CHN: Aktuell bestehen im Projekt noch freie Kapazitäten, sodass eine Teilnahme weiterhin möglich ist. Interessierte können über das Kontaktformular auf unserer Website, telefonisch oder per E-Mail-Kontakt zu uns aufnehmen. Darüber hinaus ist auch ein unangemeldeter persönlicher Kontakt in unserer Praxis jederzeit möglich. Unsere Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag von 7 bis 15.30 Uhr.
TK: Gibt es Veranstaltungen oder Maßnahmen, die demnächst in der Modellregion durchgeführt werden?
Team CHN: Wir bieten jeden dritten Mittwoch im Monat eine Informationsveranstaltung in der Cafeteria des LUP-Klinikums am Crivitzer See an. Zusätzlich kommen wir auf Anfrage gerne in umliegende Gemeinden, beispielsweise zu Seniorengruppen oder anderen lokalen Einrichtungen, um über das Projekt zu informieren. Für Teilnehmende des Projekts entwickeln wir derzeit verschiedene Präventionsangebote, unter anderem zu den Themen gesunde Ernährung und Bewegung. Ziel ist es, die Gesundheitsförderung nachhaltig in den Alltag zu integrieren und die Eigenverantwortung für die eigene Gesundheit zu stärken. Auch aus diesem Grund lohnt sich eine Teilnahme am Projekt.