Zur Sache: Hamburgs Gesundheitswirtschaft im Wandel
Interview aus Hamburg
Die Gesundheitswirtschaft spielt eine zentrale Rolle für den Standort Hamburg - sowohl wirtschaftlich als auch für die Versorgung der Bevölkerung. Als große Branche vereint sie unterschiedliche Bereiche von der medizinischen Versorgung über Pflege bis hin zu Forschung und weiteren gesundheitsbezogenen Dienstleistungen.
Gleichzeitig befindet sich der Gesundheitssektor im Wandel. Unterschiedliche Entwicklungen und Anforderungen stellen den Gesundheitsstandort vor neue Herausforderungen und werfen die Frage auf, wie er auch in Zukunft leistungsfähig und attraktiv bleiben kann.
Welche Rolle die Gesundheitswirtschaft für Hamburg spielt, wo aktuell die größten Herausforderungen liegen und welche Entwicklungen besonders relevant sind, erläutert Dr. Philipp Henze, stellvertretender Geschäftsführer der Handelskammer Hamburg, im Interview.
TK: Herr Dr. Henze, die Gesundheitswirtschaft ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Hamburg. Was macht sie aus Ihrer Sicht so zentral für den Standort Hamburg?
Dr. Philipp Henze: Die Gesundheitswirtschaft ist für Hamburg aus mehreren Gründen von zentraler Bedeutung. Sie gehört zu den größten und zugleich wachstumsstärksten Wirtschaftszweigen der Stadt, sichert hunderttausende Arbeitsplätze und leistet eine erhebliche Wertschöpfung. Mit den Asklepios Kliniken Hamburg und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) kommen zwei der drei größten Arbeitgeber der Stadt aus der Gesundheitswirtschaft. Darüber hinaus verbindet sie wirtschaftliche Stärke mit gesellschaftlicher Verantwortung: Eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung, exzellente Forschung sowie hoch innovative Unternehmen machen Hamburg gleichermaßen attraktiv für Fachkräfte und Investitionen. Nicht zuletzt ist die Gesundheitswirtschaft ein unverzichtbarer Bestandteil der kritischen Infrastruktur und trägt wesentlich zur Krisenfestigkeit und Lebensqualität des Standorts Hamburg bei.
Dr. Philipp Henze
Hamburg bietet als Gesundheitsstandort die besten Voraussetzungen, schöpft aus Sicht der Handelskammer Hamburg aber seine Möglichkeiten noch nicht vollständig aus.
TK: Welche Weichen muss Hamburg heute stellen, damit der Gesundheitsstandort auch in Zukunft leistungsfähig und innovativ bleibt?
Henze: Hamburg bietet als Gesundheitsstandort die besten Voraussetzungen, schöpft aus Sicht der Handelskammer Hamburg aber seine Möglichkeiten noch nicht vollständig aus. Derzeit stehen wir vor einer entscheidenden Weichenstellung: Für die künftige Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitsstandortes muss die Politik jetzt gezielt handeln.
Konkret heißt das für uns zum Beispiel: Eine verlässliche Krankenhausfinanzierung zu sichern, um dringend nötige Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Parallel gilt es, Bürokratie spürbar abzubauen und Regulierung praxistauglicher auszugestalten. Ein zentraler Hebel kann die konsequente Digitalisierung und Nutzung von Gesundheitsdaten sein, um Effizienzpotenziale zu heben und Versorgung zu verbessern. Zugleich muss Hamburg in Forschung und Innovation investieren und Start-ups gezielt fördern. Außerdem Fachkräfte durch bessere Bedingungen, Qualifizierung und Zuwanderung gewinnen und die Gesundheitspolitik strategisch, ressortübergreifend und aus einem Guss steuern, damit Maßnahmen schnell Wirkung entfalten.
TK: Die Digitalisierung bietet große Chancen für eine bessere Versorgung und mehr Effizienz. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit digitale Gesundheitslösungen in Hamburg wirklich stärker in der Praxis ankommen?
Henze: Dazu braucht es vor allem verlässliche Rahmenbedingungen, Investitionssicherheit und einen konsequenten Abbau bürokratischer Hemmnisse. Hamburg zeigt mit Projekten wie der TI Modellregion Hamburg & Umland, wie digitale Anwendungen oder ein besserer Datenaustausch zwischen Arztpraxen, Kliniken und Apotheken praxistauglich erprobt werden können. Auch am UKE wird mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz, etwa bei der automatisierten Erstellung von Arztbriefen, deutlich, wie Digitalisierung Effizienz steigert und Fachkräfte entlastet. Und das Hamburgische Krebsregister schafft durch strukturierte Datennutzung bessere Voraussetzungen für Qualität, Forschung und Innovation. Solche Leuchtturmprojekte müssen gezielt skaliert werden, damit die Digitalisierung die Wettbewerbsfähigkeit, Versorgung und Wertschöpfung am Standort nachhaltig stärkt.
TK: Der Fachkräftemangel ist vor allem im Gesundheitsbereich ein großes Thema. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen - und was muss sich hier konkret verbessern?
Henze: Der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen lässt sich nur lösen, wenn wir an mehreren Stellschrauben gleichzeitig drehen. Zentral ist es, die Attraktivität der Gesundheitsberufe weiter zu steigern - durch gute Arbeitsbedingungen, verlässliche Arbeitszeiten und eine spürbare Entlastung des Personals auch mittels digitaler Lösungen, die den Aufwand bei der Dokumentation deutlich verringern. Gleichzeitig müssen wir die Aus- und Weiterbildung weiter stärken, neue Karrierewege eröffnen und Berufe im Gesundheitswesen stärker sichtbar machen.
Ein weiterer Schlüssel ist die gezielte Fachkräftezuwanderung. Anerkennungsverfahren ausländischer Qualifikationen müssen schneller und unbürokratischer werden, denn auch um die Gunst internationaler Fachkräfte herrscht ein intensiver Wettbewerb. Ergänzend braucht es ausreichend bezahlbaren Wohnraum, um Fachkräfte dauerhaft für den Standort Hamburg zu gewinnen und zu halten.
Hintergrund
Mit dem Strategiepapier "Gesundheitsstandort 2040" hat die Handelskammer Hamburg wichtige Handlungsfelder und Perspektiven für eine zukunftsfähige Gesundheitswirtschaft aufgezeigt.