Wie sich das UKE durch die Nutzung von KI weiterentwickelt, was sich hinter "ORPHEUS" verbirgt und welche Potenziale in der Digitalisierung für einen einfacheren Arbeitsalltag am UKE stecken, beantworten im Interview Prof. Dr. Christian Gerloff, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKE, und Dr. Nils Schweingruber, Geschäftsführer der IDM gGmbH.

TK: Prof. Gerloff, das UKE war im Jahr 2009 mit einer Klinik-Patientenakte bundesweiter Vorreiter bei der Digitalisierung. Wie ist Ihre Vorstellung eines durch KI gestützten Arbeitsalltags am UKE in zehn Jahren? Welche weiteren digitalen Helfer und Innovationen können Sie sich für eine bessere Versorgung vorstellen?

Prof. Dr. Christian Gerloff: 2009 haben wir als erstes Universitätsklinikum in Europa flächendeckend eine elektronische Patientenakte eingeführt. Alle Informationen zu unseren Patient:innen sicher und digital an einem Ort zusammenzuführen, war damals ein Durchbruch. Der nächste Schritt ist, diese Informationen miteinander zu verbinden. Befunde, Krankheitsverläufe und Laborergebnisse entstehen in unterschiedlichen Systemen und Formaten. KI führt sie zusammen und macht sie dort verfügbar, wo eine Entscheidung ansteht. 

Insgesamt wird KI in zehn Jahren ein fester Bestandteil unserer Infrastruktur sein, von der Dokumentation bis zu Hinweisen auf Zusammenhänge für Behandelnde. Dabei bleibt aber eines unverändert: Digitale Intelligenz wird menschliche Intelligenz und Nähe nicht ersetzen. Die Entscheidungen werden nach wie vor Ärzt:innen treffen. 
 

Prof. Dr. Chris­tian Gerloff

Prof. Dr. Christian Gerloff ist Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE)

Insgesamt wird KI in zehn Jahren ein fester Bestandteil unserer Infrastruktur sein, von der Dokumentation bis zu Hinweisen auf Zusammenhänge für Behandelnde. Prof. Dr. Christian Gerloff

TK: Dr. Schweingruber, seit Anfang 2025 nutzt das UKE im Arbeitsalltag die KI-gestützte Dokumentationslösung "ORPHEUS", viele weitere Krankenhäuser sind inzwischen dazugekommen. Wie erleichtert das Produkt die Arbeit von Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegefachpersonen und wie profitieren die Patientinnen und Patienten davon?

Dr. Nils Schweingruber: ORPHEUS entlastet die Mitarbeitenden in den Kliniken, denn es ist mehr als eine klassische Spracherkennung. ORPHEUS läuft nach vorheriger Zustimmung unserer Patient:innen im Hintergrund während des Arzt-Patienten-Gesprächs mit. Es erkennt die verschiedenen Sprechenden, unterscheidet Anamnese und Befund und legt am Ende des Gesprächs eine strukturierte Dokumentation samt Kodiervorschlägen an. Damit das im Stationsalltag funktioniert, muss ein System in realen klinischen Situationen entwickelt und erprobt werden. Ein Gespräch am Krankenbett ist manchmal unübersichtlich: Es gibt mehrere Sprechende, die teils gleichzeitig reden und dabei Dialekt, Fachsprache und Abkürzungen benutzen. Daran scheitern Systeme, die unter Laborbedingungen noch überzeugen. Auch unsere Patient:innen profitieren davon: Sie bekommen mehr Zuwendung im Gespräch und mehr Sicherheit durch eine vollständigere Dokumentation.
 

Dr. Nils Schwein­gruber

Dr. Nils Schweingruber ist Geschäftsführer der IDM gGmbH. Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Geschäftsführer der IDM gGmbH

Unsere Patient:innen profitieren davon: Sie bekommen mehr Zuwendung im Gespräch und mehr Sicherheit durch eine vollständigere Dokumentation. Dr. Nils Schweingruber

TK: Das erste Produkt der IDM gGmbH "ARGO", ein KI-Sprachmodell für Arztbriefe, gibt es schon länger. Wie sind die Rückmeldungen aus der Praxis? Und haben Sie bereits weitere Ideen "in petto"?

Dr. Schweingruber: Die Rückmeldungen sind gut - wir hören von deutlich weniger Zeitaufwand, einer Qualität, die im klinischen Alltag trägt und einer reibungsloseren Verständigung zwischen Fachabteilungen, Schichten und Berufsgruppen. Das Feedback ist aber auch lehrreich: Da wir direkt auf dem UKE-Campus sitzen, gibt es kurze Wege zwischen Forschung, Entwicklung und Anwendung unserer Produkte. So entstehen Verbesserungen und unsere nächsten Produktideen direkt aus dem Stationsalltag heraus.

ARGO ist deshalb längst nicht mehr nur ein System, das Texte generiert. Es führt Befunde, Krankheitsverläufe und Laborergebnisse aus unterschiedlichen Formaten zusammen und stellt sie dem Behandlungsteam punktgenau bereit. Gleichzeitig arbeiten wir natürlich an neuen Ideen und Produkten, etwa Unterstützung bei der Diagnostik, Grundlagen für eine stärker individualisierte Therapie und Entlastung bei kritischen administrativen Prozessen.