"Der Gender Gap ist ein Haltungsproblem"
Interview aus Berlin/Brandenburg
Dr. Gesine Dörr, Chefärztin der Klinik für Innere Medizin am St. Josefs-Krankenhaus Potsdam, erklärt im TK-Interview, warum Geschlechterunterschiede in der Medizin größere Beachtung finden sollten.
TK: Frau Dr. Dörr, Sie setzen sich seit Jahren für eine Stärkung der geschlechtersensiblen Medizin ein. Wo stehen wir heute bei diesem Thema?
Dr. Dörr: 2003 erhielt Frau Professorin Regitz-Zagrosek als Kardiologin die erste Professur für frauenspezifische Gesundheitsforschung mit Schwerpunkt Herzkreislauf-Erkrankungen an der Charité.
Ausgehend von der Kardiologie mit den relevanten Erkenntnissen und der wissenschaftlichen Beschreibung des Unterschiedes der Symptome beim akuten Herzinfarkt und der koronaren Herzerkrankung bei Frauen im Vergleich zu Männern sind wichtige Erkenntnisse unter anderem in Bezug der Wirksamkeit der Medikamente bezogen auf das biologische Geschlecht hervorgegangen.
Mehr Frauen in Studien einschließen!
Geschlechteraspekte werden seither zunehmend in weiteren Disziplinen berücksichtigt, zum Beispiel in der Diabetologie, der Schmerztherapie, der Rheumatologie und auch in der Osteologie.
Eine wesentliche Forderung aus den Erkenntnissen war, Frauen in Studien gleichverteilt zu Männern einzuschließen, da man gesehen hat, dass die Wirksamkeit verschiedener Medikamente und die Dosierungsempfehlungen nicht vergleichbar von Männern auf Frauen übertragen werden können.
Dabei möchte ich betonen, dass geschlechtersensible Medizin alle Geschlechter in den Blick nimmt und kein "Frauenthema" ist, wie es teilweise wahrgenommen oder kommuniziert wird. Besonders in den letzten Jahren ist das gesellschaftlich so wichtige Thema der Prävention sehr in den Fokus gerückt. Männer sind nach wie vor schlechter für Vorsorgeprogramme erreichbar als Frauen.
Geschlechtersensible Medizin nimmt alle Geschlechter in den Blick.
Die initial medizinisch geprägte Dimension der geschlechtersensiblen Medizin entwickelt sich seit 2003 in Deutschland integrativ rasch weiter und bewertet und berücksichtigt weitere Diversitätsfaktoren wie das Alter, die Herkunft, religiöse Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, körperliche und psychische Merkmale, kurz Sex (biologisches Geschlecht) und Gender (soziales Geschlecht).
Um die Erkenntnisse in den klinischen Alltag zu übertragen und die wissenschaftlichen Bestrebungen zu bündeln, wurde schließlich 2006 die Deutsche Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin (DGesGm®) begründet und mittlerweile können Medizinerinnen und Mediziner die Zusatzbezeichnung Gendermediziner nach der DGesGm® erwerben.
Dr. Gesine Dörr
Diese Entwicklungen sind eine Erfolgsgeschichte. Die Aufmerksamkeit und Breite der wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Fachgebiet an verschiedenen Hochschulen sowie weiteren medizinischen Universitäten unter Einbeziehung der Lehre zeigt die Bedeutung dieses Querschnittsgebietes zwischen Medizin und Gesellschaft.
Betrachtet man jedoch den klinischen Alltag von Haus- und Fachärzten ambulant und stationär, so liegt die Durchdringung hauptsächlich an den jeweiligen interessierten Protagonisten.
Flächendeckende Strukturen zur Implementierung der Vielzahl der Erkenntnisse entwickeln sich langsam und zaghaft, aber dennoch stetig. An verschiedenen Standorten in Deutschland werden geschlechtersensible Sprechstunden, wenn auch überwiegend im Bereich der Kardiologie, angeboten.
Aus meiner Sicht bewegen wir uns langsam, aber sicht- und spürbar auf einem sehr guten Weg zur Implementierung der Erkenntnisse in den klinischen Alltag. Die junge Generation an Ärztinnen und Ärzten nimmt diesen Teil der Medizin und Gesellschaft zunehmend selbstverständlicher in ihre Betrachtungs- und Arbeitsweise auf.
"Der Gender Data Gap fängt schon bei den Fragebögen an"
TK: Können Sie anhand eines Beispiels erläutern, was den sogenannten Gender-Gap ausmacht?
Dr. Dörr: Der Gender Data Gap entsteht nicht erst bei der Analyse - er zieht sich durch den gesamten Prozess der Datennutzung. Er beginnt schon in der Erhebung, wenn Fragebögen oder Studien keine vielfältigen Lebensrealitäten abbilden. Aber er verstärkt sich danach weiter - etwa, wenn Daten falsch gewichtet, Modelle unausgewogen trainiert oder Ergebnisse ohne geschlechtersensible Interpretation bewertet werden. Es ist also kein rein technisches, sondern ein mentales und strukturelles Problem: ein Mindset, das Vielfalt als Zusatz statt als Grundlage versteht.
Im Projekt GeMed setzen wir genau hier an. Wir entwickeln KI-gestützte Verfahren, die patientenbezogene Dokumente geschlechtersensibel analysieren. Dabei geht es nicht nur darum, Unterschiede zu erkennen, sondern sie sichtbar, erklärbar und im medizinischen Alltag nutzbar zu machen - vom Anamnesebogen über den Algorithmus bis zur ärztlichen Entscheidung.
Für mich steht fest: Der Gender Gap ist kein Datenproblem, sondern ein Haltungsproblem. Nur wenn wir schon beim Denken über Daten anfangen, Vielfalt als Standard zu begreifen, kann KI wirklich zur gerechteren und besseren Medizin beitragen.
Geschlechtergerechte Versorgung ist kein Nischenthema.
TK: Worum geht es bei der neuen Partnerschaft für geschlechtersensible Medizin der Medizinischen Hochschule Brandenburg und der Arbeitsgemeinschaft geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung G3?
Dr. Dörr: Ziel der G3-Arbeitsgemeinschaft ist es, eine gute Gesundheitsversorgung für alle zu erreichen. Das bedeutet, dass das Wissen zur Gender Health Gap bereits in die Lehrpläne eingebaut werden sollte, um in der ambulanten und klinischen Praxis und auch der Forschung eine tatsächliche patient*innenzentrierte Versorgung zu erreichen. Sind die Nachwuchskräfte nach dem Studium erst einmal beruflich eingebunden, ist es in Folge der hohen Arbeitsbelastungen sehr viel mühsamer, sich entsprechend weiterzubilden.
Auch berufspolitische Reflexionen zu Geschlechterrollen und den daraus resultierenden Arbeitsbedingungen und den Konsequenzen für die Versorgung sollten Teil der Berufsvorbereitung sein. Daher ist eine Kooperation mit medizinischen Hochschulen sinnvoll, um die Fachkräfte zu erreichen und entsprechend zu schulen.
In Brandenburg gegründet, möchten wir als Verein G3 für und aus Brandenburg heraus Zeichen für gute Gesundheit setzen. Das haben wir mit der MHB gemein. Die Kooperation soll die Hochschule nun dabei unterstützen, das Thema geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung auch ohne bisher eigene themenspezifische Professur schnell auf allen Ebenen zu adressieren und implementieren.
TK: Sind sich Patientinnen und Patienten schon ausreichend bewusst, dass es geschlechterspezifische Gesundheitsrisiken gibt?
Dr. Dörr: In den letzten Jahren hat die Awareness in der Bevölkerung zaghaft zugenommen. Zahlreiche Berichterstattungen, Aktivitäten wie auch die unseres Vereins mit der Erstellung von krankheitsspezifischen Flyern, die in medizinischen Einrichtungen ausgelegt werden können, oder auch zahlreiche Kongresse und Patienteninformationsveranstaltungen tragen dazu bei.
Erfahrungsgemäß werden Sprechstunden, die sich der Thematik der geschlechtersensiblen Medizin annehmen, sehr rasch intensiv in Anspruch genommen. Hier besteht sicher eine große Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, doch die Finanzierung dieser Art von Sprechstunden außerhalb von Universitätsambulanzen ist bisher noch nicht abschließend geregelt.
Kliniken benötigen moderne Arbeitszeitmodelle
TK: Wie sieht es im Medizinbetrieb mit der Gleichberechtigung aus?
Dr. Dörr: Diese Frage hat viele Facetten. Betrachtet man die Karriere im Krankenhaus, so muss man heute noch konstatieren, dass die meisten Leitungsfunktionen von Männern besetzt sind. Viele sehr fähige Frauen wechseln aufgrund der häufig noch bestehenden Nicht-Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Krankenhaus schließlich in den ambulanten Sektor. Mittlerweile liegt der Anteil ambulant tätiger Ärztinnen bei über 50 Prozent - wenngleich auch hier der Trend zu Teilzeitmodellen besteht.
Für die Sicherstellung der Patientenversorgung zeigt sich ein dringender Bedarf an modernen Arbeitszeitmodellen und individueller Förderung, um den Versorgungsbedarfen gerecht werden zu können. Dies war in meinem Leben eine der Hauptmotivationen, selbst Personalverantwortung zu übernehmen.
Die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten in den Klinikbetrieben und auch Universitäten, die sich dem Thema Chancengerechtigkeit und der Frauenförderung intensiv widmet, ist elementar, um ein gutes Verständnis und eine Sensibilisierung für die Belastungen der Fachkräfte und Problematiken des Fachkräftemangels zu erreichen. Im Verein G3 ist auch diese Expertise vertreten, so dass wir uns als unterstützende Kraft für die diversen Anliegen der geschlechtergerechten Versorgung gut aufgestellt sehen.
Zur Person
Dr. Gesine Dörr ist Chefärztin der Klinik für Innere Medizin am St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam. Ihre Berufliche Laufbahn begann sie am Deutschen Herzzentrum Berlin und am Charité - Campus Virchow. Von 2002 bis 2011 war sie schon einmal am Potsdamer St. Josefs Krankenhaus beschäftigt, bis es sie für einige Jahre als Chefärztin der Abteilung Kardiologie und Angiologie an der GLG Fachklinik Wolletzsee zog. 2016 kehrte Dr. Dörr als Chefärztin der Klinik für Innere Medizin ans St. Josefs-Krankenhaus zurück.
Gendermedizin ist ihr Herzensthema, das sie nicht nur in Veröffentlichungen, sondern auch in zahlreichen Vereinigungen vertritt. So ist die Chefärztin unter anderem Vorsitzende der Akademie für Ärztliche Fortbildung der Landesärztekammer Brandenburg sowie Mitglied im Verein Geschlechtergerechte Medizin G3.